Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 43 (25.10.1882)
- Date
- 1882-10-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1072 „Hören Sie, Freund," fuhr er zu reden fort, „ich weiß einen so kühnen und geschickten Schwimmer zu schätzen. Wenn Sie vierzehn Tage nach unserer Ankunft in London nach Deutschland zurückkehren wollen, so nehme ich Sie umsonst wieder mit zurück nach Hamburg." Zu jener Zeit gebrauchte man für eine Reise von Hamburg nach London acht Tage. Ohne Unfall erreichte die Königin Carolina ihren Bestimmungsort-, und Löb Jankowitz verabschiedete sich von dem freundlichen Capitän Als Mr. Golder den Schwimmklub besuchte, wußte er nicht genug von der Geschicklichkeit des polnischen Juden zu erzählen, der von Hamburg aus seinem Schiffe nachgeschwommen sei. Mr. Gordon, der beste Schwimmer des Clubs, der bisher alle Preise errungen hatte', hörte'mit Unmuth den Erzählungen des Capitäns zu. „Dieser Pole," sagte er, „wird doch nicht besser schwimmen als ich! Ich wette hundert Pfund Sterling, daß ich ihn im Wettkampfe besiege." „„Angenommen,"" entgegnete Mr. Golder. Die Stipulationen wurden festgestellt und der Tag des Wettkampfes bestimmt. Alle Mitglieds des Schwimmclubs sahen demselben in großer Spannung entgegen. Unterdeß hatte Löb Jankowitsch in Erfahrung gebracht, daß sein Oheim bereits vor einigen Jahren im Hospitale der jüdischen Gemeinde zu London gestorben sei und nicht das Geringste hinterlassen habe. Löb Jankowitsch war sehr betrübt: auch seine Virtuosität in Besuchen bei reichen Glaubensgenossen ließ ihn in London im Stich. Die Leute verstanden ihn nicht und fertigten ihn mit ganz kleinen Gaben ab, so daß seine Ausgaben mehr als seine Einnahmen betrugen und er in Gefahr war, alles in Deutschland mühsam von ihm gesammelte Geld zuzusetzen. Er beschloß daher, sobald als möglich England zu verlassen und von dem gütigen Anerbieten des Capitän Golder Gebrauch zu machen. Capitän Golder kam ihm mit großer Freude entgegen. „Ah," sagte er, „ich habe Sie schon überall gesucht. Wollen Sie wieder mit zurück nach Hamburg fahren, so kommen Sie Dienstag früh 9 Uhr zu mir ans Schiff, aber kommen Sie nicht wieder zu spät!" Jankowitsch versprach pünktlich einzutreffen. In der Nähe des Landungsplatzes der Königin Carolina sollte der projectirte Wettkampf statthaben. Alle Mitglieder des Schwimmclubs hatten sich eingefunden, und Mr. Gordon sah mit Angst und Zagen der Uebung entgegen, welche vielleicht seinem bisherigen Renommtz ein Ende machen würde. Es schlug 9 Uhr, und der Pole war noch nicht da; man wartete noch eine Viertelstunde; aber Jankowitsch erschien nicht. „Ha," sagte Mr. Gordon triumphirend, „der Mann hat gehört, mit wem er den Wettkampf aufzunehmen hat, und da wird er sich hüten, gegen einen so berühmten Schwimmer, wie ich es bin, sein Renommö. zu wagen." Capitän Golder lächelte. Er wußte ja, dass das der Grund des Ausbleibens nicht sein konnte; hatte er doch dem Polen von dem bevorstehenden Wettkampfe noch gar nichts gesagt. „Warten wir noch fünf Minuten, meine Herren!" bat er. In diesem Augenblicke sah man eine sonderbare Gestalt herbeirennen. Es war Löb Jankowitsch. Der Schweiß troff ihm von der Stirne. Unter dem rechten Arm trug er ein Brod und unter dem linken ein mächtiges Stück Rauchfleisch. An de» Knopflöchern seines Rockes waren Würste, Zwiebel» und Knoblauchstangen befestigt. „Da sind Sie ja, mein Lieber," rief ihm der Capitän entgegen. „Aber warum sind Sie so sonderbar ausgerüstet?" „„Nun,"" sagte Jankowitsch, „„acht Tage schwinrmen, da mußte ich mich ja gehörig verprcviantiren."" Capitän Golder übersetzte die Worte des Pole» ins Englische, und mit Staunen vernahmen die Mitglieder des Schwimmclubs, daß dieser Mann p für eine achttägige Schwimmübung mit Lebensmittel» versehen habe. „Nein,"sagteMr. Gordon, „acht Tage schwimme», das halte ich nicht aus, ich trete zurück und bezahle den Wcttpreis." Capitän Golder war's zufrieden. Er nahm die hundert Pfund Sterling in Empfang und theilte sie mit Löb Jankowitsch. Fünfzig Pfund Sterling! Das waren Zweitausend polnische Gulden. Als reicher Mann kehrte Löb Jankowitsch in sein polnisches Heimathsdorf zurück, wo er noch heute der größte Koziu ist. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Exvedttion de? »Israelit* große Bleiche 43 I. Go t tsiebe n'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).