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Der Israelit · 1882-10-25 · Heft 43 (25.10.1882) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 43 (25.10.1882)
Date
1882-10-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1071 * Feuilleton. Per Schwimmer.*) I Löb Jankowitsch ist gegenwärtig ein hochbetagter Mis; er ist wohlhabend, und seinen Wohlstand verdankt er einem merkwürdigen Abenteuer, das sich Kor länger als einem halben Jahrhundert zugetragen. I Als Löb Jankowitsch noch ein junger Mann bar, wurde er von seinem Vater ausgeschickt, um men verschollenen Oheim zu suchen. Reisegeld gab ihm sein Vater nicht mit. Das Einzige, was dem kp Löb die Reisekosten bestreiten konnte, war line Empfehlung des Rabbiners seines polnischen Mmathsdorfes, der ihn dem Wohlwollen und der Unterstützung edler Glaubensgenossen empfahl. Löb jankowitsch verstand das „Geschäft" und wußte sich micht allein die Reisekosten zu verschaffen — er konnte Isogar noch einige Thaler erübrigen. In Berlin fand «r die Spuren seines verschollenen Oheims. Derselbe bar vor vielen Jahren in der preußischen Hauptstadt bwesen, hatte sich längere Zeit dort aufgehalten und bat' von da nach Hamburg weitergereist. Alsbald machte sich Löb Jankowitsch auf den Weg nach der ■größten Handelsstadt Deutschlands. Auch hier fand Ir Leute, die seinen Oheim gekannt hatten und die bin mittheilten, daß derselbe übers Meer nach London mzogen sei. Nachdem Löb Jankowitsch alle wohlhabende Glaubensgenossen in Hamburg besucht hatte ler hatte nicht Ursache mit seinen Visiten unzufrieden zu sein — verfügte er sich nach dem Hafen, m auf einem nach London fahrenden Schiffe einen Matz zu miethen. Er fand einen solchen auf einem Mttllchen Dreimaster, welcher den Namen „the queen prolina“ führte. Der Capitain, Mister Golder, pr ein sehr freundlicher Mann. Er empfahl seinem passagier, sich pünktlich, Montag Morgens 10 Uhr, m dem Schiffe einzufinden, da er die dann einpetenbe Fluth benutzen müsse, um in die hohe See M gelangen. Die Zwischenzeit benutzte Jankowitsch P noch einigen Besuchen bei minder reichen Glaubensgenossen. „Hui," sagte er zu sich, „ich werde doch Aschkenas nichts schenken!" — Da erfuhr er, daß der reiche Banquier Salomon Heine von einer längeren Reise zurückgekehrt und Montag Morgens J Uhr auf seinem Comptoir zu sprechen sei. „Hui," sagte Löb zu sich, „wird nicht abgehen das Schiff so pünktlich; werde ich erst können besuchen den Mlomon Heine; ich werde doch nicht brauchen zu schenken dem reichsten Banquier von Hamburg!" — *) Nachdruck verboten. Und er schenkte ihm nichts. Der Kronenthaler, den er von Salomon Heine erhielt, machte ihm mehr Freude als alle Almosen, die er bisher in Hamburg erhalten hatte. „Der Kronenthaler," sagte er schmunzelnd, „wäre mir beinahe entgangen." — Jetzt rannte er im eiligen Laufe dem Hafen zu. Aber das Schiff hatte kurz zuvor die Anker gelichtet und war fortgefahren. Verzweiflungsvoll stand Jankowitsch am Ufer und rang die Hände. Seine geringen Habseligkeiten, sein Tallis und seine Tephillin waren auf dem Schiffe, und verloren war der hinterlegte Fahrpreis. Da rief ihm ein Jollenführer zu: „Wenn Sie mir einen Kronenthaler geben, so fahre ich dem Schiffe nach und liefere Sie an Bord." — „Wie heißt," entgegnete Löb, „einen Kronenthaler? Da hätte ich ja gar nichts erübrigt durch meinen Besuch bei Salomon Heine! Werde ich Ihnen geben einen preußischen Thaler, werden Sie mich bringen an Bord." — „Steigen Sie ein," sagte der Schiffer, und Jankowitsch stieg ein. Wie ein Pfeil flog die Jolle durch den Hafen und erreichte die Königin Carolina unterhalb Altona. Vor der Abfahrt hatte Capitän Golder die Schiffsliste revidirt und gefunden, daß ein Passagier Me. „Es thut mir leid," sagte er zu den Schiffsleuten: „aber wir können nicht warten; wir würden uns die ganze Fahrt ruiniren." Als die Jolle das Schiff erreichte, befand sich der Capitän in seiner Cajüte. Die Schiffsleute warfen dem verspäteten Passagier ein Seil zu, das er erfaßte und an welchem sie ihn emponogen. Naß wie ein gebadeter Pudel kam er aufs Verdeck, wo er durch Umherrennen sich zu erwärmen und seine Kleider zu trocknen sich bestrebte. So sah ihn der aus der Cajüte kommende Capitän. „Nun, Löb," fragte dieser, „woher kommen Sie auf einmal? Und so naß?" „„Ich bin nachgeschwommen *), Herr Capitän!"" Mit sichtlichem Erstaunen betrachtete Mr. Golder den seltsamen Passagier. „Müssen Sie ein guter Schwimmer sein," sagte er. „Der Königin Carolina nachschwimmen! So etwas ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen." Capitän Golder hatte vor Niemandem mehr Respect als vor einem geschickten Schwimmer. Er war eines der eifrigsten Mitglieder des großen Londoner Schwimmklubs. *) Im polnisch-jüdisch-deutschen Jargon sagt man statt „übers Wasser fahren" schwimmen.

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