Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1882)
- Date
- 1882-10-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1051 fliißc&otcn, ifm frißfällig gebeten, midi nicht noch unglücklicher zu machen, als ich schon wäre — mir nicht das Allerletzte, das Einzige, dar ich besäße, meine Gewissensru.be, zu rauben — es zu gestatten, daß ich statt des Sabbates au einem anderen Tage arbeite. Der böse, hartherzige Mann stieg den vor ihm > knicendcn Ichenh aasen mir dein Fuge fort und schlug , seine Bitte ab.! Mein treuer Fcisch batte gar nicht das Herz, mir die .Hiobspost znkommen zu lassen; erst Freitag Abend, als mir der Kerkermeister ein Stück Brod und einen Krug Wasser in meine Helle brachte, erklärte mir dieser, jetzt sei es mit meiner Sabbatruhe zu Ende, der neue gnädige Herr Dircctor gestalte wiche grobe Unfuge nicht mehr. — Morai weraboiffai! Versucht es. Euch in meinen Seelenznstand zu versetzen, und Ihr werde: es begreifen, das; dies der furchtbarste, der entsetzlichste Schlag war, der mich treffen konnte. Mir schien es, als hätte Gott kein Wohlgefallen an all' den Opfern, die ich ihm willig gebracht; — als hätte er mich verlassen, verstoßen auf immer, für ewig! .... Bei klarem Bedenken, bei ruhigem Erwägen, hätte ich mir sagen müssen, das; der allgerechte Gott urir ja nickt etwas Es Sünde anrechnen könne, wozu ich mit überwültigender Macht gezwungen würde; aber ich war keines klaren Gedankens fähig, ich verzweifelte; ick fürchtete — grauenvoller Gedanke! ich hätte alle Opfer meines Gebens ganz vergeblich gebracht; — das Glück meines Diesseits war vernichtet, gründlich, unwiederbringlich, rettungslos verloren; — ich fürchtete, wenn ich nickt lttl Stande war, mich morgen dem Ehillnl- Schabbos2) zu entziehen — ich auch .... das Jenseits verloren hätte! — Ich verbrachte eine furchtbare Nacht. Mit nervenzerrüttender, seelenanfreibender Anstrengung wollte ich ein Mittel erdenken, mich der Sabbatentweihnng zu entziehen! Der naheliegende Gedanke, vorzugebcn. ich wäre krank, zuckte wohl in meiner gepeinigten Seele ans; aber ich mußte ihn sofort verwerfen, im Ansbacher Kerker kannten sie kein Erbarmen; — ob man gesund, krank oder sterbend war, das galt ihnen ganz gleich, fiel Einer bei schwerer Arbeit um und mußte in's Kranken - oder in's Leichenzimmer gebracht werden, was lag an dem Leben eines verlornen Menschen, der verschöllen, für die bürgerliche Gesellschaft todt war? Die einzige Möglichkeit, die in meiner Hand lag, mich derSabbatentweihung zu entziehen, war ein Selbstmord! Ich war zwar des Nachts an meinen Block gefesselt; aber ich hätte mir doch immerhin den Kopf an den Mauern meiner Zelle zerschmettern, mich mit meinen eigenen Ketten erwürgen können; aber so viel oder 2) der Sabbatentweihung. so wenig Besinnung, als zu dieser Erkenntnis; nothwendig, war mir noch geblieben, das; ein Selbstmord ein Verbrechen sei! — Nie halt'' ich meine menschliche Ohnmacht tiefer und demüthigender gefühlt, als in diesem Augenblicke, und ich hatte in meinem Leben überreich Gelegenheit gehabt, dieses seelcnaufreibcnde Gefühl in vollem Umfange kennen zu lernen! Ick) hatte nur einen Wunsch, nur ein Gebet, und auch dieses mochte wohl ein frevelhaftes sein, ich betete mit heißer Inbrunst, Gort möge mir die Huld erweisen , nuch nicht den kommenden Morgen erleben zu lassen, mich i.n dieser Nacht zu sich zu rufen!" „Herr!" bat jetzt der tremHJchenhansen, „zerzerrt nicht nutzlos Eure schöne <scete durch schmerzliche Erinnerungen, kommt zu Rande, Ihr werdet es bald sehen, daß Ihr Euch schweres Unrecht zngefügt habt; diese großen, edlen Männer werden es Euch sagen, — kommt zu Rande, Herr!" „Du hast Recht, mein alter, treuer Freund!" erwiderte Mnnitz, „ich habe die Geduld dieser hohen, würdigen Männer schon allzulang mißbraucht!"... Er strich sich langsam mit der Hand über Oie Stirne, ans welcher kalte Schweißtropfen standen. „Samstags um sieben Uhr Morgens wurden alle Sträflinge tut Gesängnißhofe ansgestellt. Eine Abtheilnng soldateu mit geladenen Gewehren stand unter Anführung eines Offiziers zn deren Bewachung hinter denselben. Die Gesangenenausscher führten immer ci-.c Abrheilnng herbei; erst wenn alle beisammen waren, erschien der Gefängnißdirecror imb wurden die Arbeitswerkzeuge vertheilt. Zuerst wurden die leichteren Verbrecher , dann die schwersten in den Hof eskortier. Da ich zn lebenslänglicher Haft vernrtbeilr war, zählte man mich zn. den letzteren. Mir klopftdas Herz zum Zerspringen, als ich am heiligen Sabbat in den .vor geleitet wurde. 9hm waren alle beisammen und Kochlöw erschien. Er zählte uns zuerst ab, es fehlte nur Einer, der lag mit durchschossener Brust in der Leichenkammer; er hatte den unsinnigen Versuch zu entfliehen gemacht und war von der Schildwache erschossen worden! Kochlöw ergriff diese Veranlassung, uns eine kurze Rede darüber zu halten, das; wir uns blindlings seinen Anordnungen fügen müßten, führte den Sträfling , dessen Fluchtversuch so schmählich mißlungen, als warnendes Beispiel an und bedrohte jeden, der einen solchen tollkühnen, aussichtslosen Fluchtversuch wagen wollte mit einer furchtbaren, demüthigenden Prügelstrafe, daß selbst die im Zuchthause ergrauten Verbrecher, die selbst Unmenschliches genug verübt haben mochten, vor Grausen zusammenzuckten. — Dann befahl er, daß die Hälfte der Sträflinge die Straßen der Hauptstadt vom Schnee reinigen, die andern ein altes baufälliges, der durchlauchtigsten Frau Markgräfin gehöriges Gebäude demolkren foöi