Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1882)
- Date
- 1882-10-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1048 Arbeit sein Gewissen zu betäuben. Das gelang ihm auch allmählich, namentlich, als er den großen Bau der Dampfmühle unternahm und dieser ihn von Aufregung zu Aufregung trieb. Wie es bei Aufführung großer Gebäulichkeiten in der Regel zu gehen pflegt, so erging es auch hier. Die Kosten überstiegen den Voranschlag ganz bedeutend. Schon die Fundamentirung, bei deren Anlage unvorhergesehene Terrainschwierigkeiten zu Tage treten, verschlang große Summen. So kam es, daß Vollmars Mittel nicht ausreichten und er gezwungen war, eine Hypothek aufzunehmen. — Als die Mühle fertig war, stellte es sich heraus, daß die Anlage eine zu großartige geworden. Um sie rentabel zu machen, hätte es Zeines kaufmännischen Betriebes bedurft, wovon jedoch Vollmar nichts verstand. Er beschränkte sich auf die Herstellung des Bedarfs für Mispelsheim und die nächste Umgebung. Er mußte sich sagen, daß die Mühle nicht so viel abwerfen werde, um alle Kosten zu decken und auch noch die Zinsen der gesammten Hypothek. Schon sah er sich im Geiste verarmt und wie sein Vorgänger, von Haus und Hof vertrieben. Da faßte er den Entschluß, durch ein neues Verbrechen, den schwindenden Wohlstand zu erhalten. Vollmar wurde vom Schwurgericht zum Tode verurtheilt, seine Complicen ßu schweren Kerkerstrafen. Das reumüthige Geständmß jedoch empfahl den Mörder der Gnade des Königs, der ihn zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigte. Zunächst mußten nun aus dem ehemaligen Besitze Volkmars die Ansprüche Adolph Marbachs und seiner Mutter gedeckt werden; erst in zweiter Linie konnte die Hypothek berücksichtigt werden. Der Aufbau der Dampfmühle hatte mehr als 300,000 Mark gekostet. Das geraubte Vermögen war in 28 Jahren mit Zinsen und Zinseszinsen zu der Höhe von 230,000 Mark angelaufen, so daß für Silberstein noch Deckung blieb, wenn der volle Preis für das Mühlwerk erzielt wurde. Aber es fanden sich keine Käufer. Da man wußte, daß selbst unter Vollmars fleißiger Hand der Betrieb kein ergiebiger gewesen war, so hielt diese Erwägung alle Liebhaber fern. So schien Adolph aufs Neue sein Vermögen verloren zu haben; es steckte in einer Fabrikanlage, die voraussichtlich mit Unterbilanz arbeiten würde. Adolph begab sich nach Mispelsheim, um selbst von der Lage der Dinge Einsicht zu nehmen. Nach * sorgfältiger Prüfung erkannte er, daß die mit allen j neuerfundenen Maschinen ausgezeichnet gut einge-! richtete Dampfmühle geeignet sei, einen hohen Ge-! winn zu erzielen, wenn nur das Geschäft richtig m\t kaufmännisch betrieben und Verbindungen mit auswärts angeknüpft würden. Zu diesem Zwecke mußte ein sachverständiger Müller den Betrieb der Mühle leiten; während ein kaufmännisch gebildeter Mann die Handelsverbindungen anzuknüpfen und zu pflegen hatte. Deßhalb beschloß Aoolph den Betrieb selbst in die Hand zu nehmen. In der Mühle führte ihn der Obermüller Wex umher; in ihm lernte Adolph einen tüchtigen und sachverständigen Mann kennen, wohl geeignet, ihm die fachmännische Leitung anzuvertrauen. Adolph versäumte nicht, seine alte Freundin, Frau Reuter, in ihrem halbverfallenen Häuschen ani Ende des Dorfes aufzusuchen. Sie hatte eine unendlich große Freude mit ihm und beglückwünschte ihn, daß, wie sie gehört habe, er nun ein reicher Mann geworden sei. „Ach," sagte sie, „mein Mariechen könnte au recht glücklich werden. Sie hat damals auf der „Kerb" in ihrem neuen Cassinet-Kleide eine so schöne Eroberung gemacht. Der Obermüller Friedrich Wex ist ganz vernarrt in sie. Aber heirathen kann er sie doch nicht. Der muß nach Geld freien, damit er eine Mühle zu erwerben in den Stand gesetzt werde." Adolph schien diese Worte nicht zu beachten. Am andern Tage ließ er den Obermüller Friedrich Wex in die Stadt kommen und setzte ihn als Mühlenverwalter ein. An demselben Tage, an welchem Adolph Helene heimführte, heirathete Friedrich sein Mariechen, und Frau Reuter konnte als Mutter der Frau Mühlenverwalterin in das Gebäude ziehen, das auf dein Platze stand, wo einst ihre Eltern und ihr verstorbener Gatte das Müllerhandwerk betrieben hatten. Der Mühlenverwalter Friedrich Wex bewährte sich ganz vorzüglich, und unter Adolphs umsichtiger Leitung warf der Betrieb eine hohe Rente ab. Herr Comerzienrath Silberstein erhielt einen seiner Hypothek von 70,000 Mark entsprechenden Antheil an derselben. „Ein famoser Junge, der Adolph," pflegte er zu sagen, „erst hat er meiner Tochter das Leben gerettet, nachher meine Ehre und Freiheit, und nun auch mein Geld. Die 70,000 Mark wären > ' verloren gewesen! Ja, mein Schwiegersohn ist ganz ausgezeichneter Mensch." Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Berlag und Expedition deS .Israelit* große Bleiche 45. I. Gott 8 leb en'r Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).