Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1882)
- Date
- 1882-10-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1047 und dieser wünschte vor allen Dingen seinem Vertheidiger seinen Dank auszusprechen. „Lieber Herr Doctor," sagte Silberstein, als Dr. Funk vor seinem Bette saß, „wie kann ich Ihnen genug danken! Ohne Sie wäre ich ein entehrter, unglücklicher Mann und läge jetzt wahrscheinlich im Grabe; denn die Schande der Verurtheilung hätte ich nicht überlebt. Ihre Vertheidigungsrede war ein Meisterstück. Aber sagen Sie mir, lieber Herr Doctor, wie sind Sie nur auf den Gedanken gekommen, den schurkischen Müller als den Mörder- Samuel Marbachs zu bezeichnend" „„Diese Idee,"" antwortete Dr. Funk, „„verdanke ich einzig und allein den rastlosen Bemühungen des jungen Adolph Marbach. Derselbe ist eigens nach Mispelsheim gereist, um über das Vorleben des Müllers Vollmar Erkundigungen einzuziehen und das Ergebniß derselben in Ihrem Interesse zu verwerthen. Da hat ihm eine göttliche Fügung eine Münze in die Hände gespielt, die einst der Ermordete besessen und hochgehalten. Ein Mädchen, das in der Mühle diente, hatte die Münze gefunden, und die Vermuthung lag nahe, daß der Müller sie verloren. Dieser Umstand brachte den jungen Marbach und seine Mutter auf den Gedanken, daß Vollmar der Mörder Samuel Marbachs sei. Ihre Freisprechung verdanken Sie daher in erster Linie dem Sohne des Ermordeten."" Als Silberstein das hörte, fing er heftig an zu weinen. „Was machen Sie, lieber Comerzienrath?" fragte der Anwalt erschrocken. „Sie sind noch krank und schwach und dürfen sich nicht aufregen!" „,,O, Herr Doctor,"" sagte Silberstein schluchzend, „„ich segne die Thränen, die meinem gepreßten Herzen Erleichterung verschaffen. Ich 'in ein armer Sünder, ein elender und undankbarer Mensch. Dieser Adolph Marbach hat meinem einzigen Kinde das Leben gerettet, und ich habe es ihm mit schnödem Undank gelohnt! Nun ist er auch der Retter meiner Freiheit und meiner Ehre! Wie. kann ich dem jungen Manne jemals unter die Augen treten, ohne mich vor ihm aufs Tiefste zu schämen!"" In diesem Augenblick trat Frau Silberstein herein; sie hatte die letzten Worte ihres Mannes gehört. „Was das anbetrifft, lieber Mann," sagte sie, ..so steht es in Deiner Hand, den jungen Mann in einer Meise zu belohnen, die ihn Dir zum ewigen Danke verpflichtet. Du weißt ja, was ich meine." „„Ich weiß es,"" anwortete ihr Gatte. „„Lasse Helene hereinkommen."" „Mein Kind," sagte Silberstein, als Helene vor Tenicm Bette erschien, „ich habe eine große Bitte an Dich. Ich bin dem jungen Marbach vielen Dank schuldig geworden. Die Last der Dankbarkeit erdrückt mich schier, und da möchte ich Dich bitten, ihm für mich einen Theil derselben abzutragen. Willst Du, mein herziges Kind?" Helene war feuerroth geworden. Thränen entstürzten ihren Augen, als sie sich über das Bett ihres Vaters beugte, dessen Hand küßte und mit leiser Stimme sprach: „Du lieber, guter Vater!" Daß auch Adolph seine Einwilligung zur Verbindung mit Helene Silberstein gab, brauchen wir wohl nicht zu sagen. Herr Silberstein erholte sich schnell, und die erste Ausfahrt machte er in Begleitung seiner Frau, seiner Tochter und seines künftigen Schwiegersohnes. Vor dem Untersuchungsrichter legte Johann Wilhelm Vollmar ein reumüthiges und vollständiges Geständniß ab. Er hatte am 15. Juni des Jahres 1848 für seinen damaligen Brodherrn Mehl in der Stadt abgeliefert und die Gelegenheit benutzt, eine kleine Erbschaft im Betrage von etwa 100 Gulden, die ihm von einem entfernten Verwandten zugefallen und die in der Stadt bei dem Gerichte deponirt war, einzuziehen. Für dieses Geld wollte er sich ein Staatsloos kaufen. Nach dem Besitze eines solchen hatte er sich von Jugend auf gesehnt, da er oft in den Zeitungen von großen Gewinnen gelesen, welche armen Leuten durch die Staatslotterien zugefallen waren. Auch hatte man ihm gesagt, daß man in jener Zeit der allgemeinen Entwerthung der Staatspapiere für weniges Geld ein derartiges Loos erwerben könne. Zu diesem Zwecke war Vollmar in das Eomptoir des Banquier Samuel Marbach getreten. Dcr Banquier stand vor seiner offenen Geldkiste und redete mit sich selbst. Vollmar hörte die Worte: „Klug muß der Mensch sein und vorsichtig, da kann ihm kein Gott was anhaben." „Wart, verdammtes Lästermaul," dachte Vollmar, „ich will Dir zeigen, wer Dir was anhaben kann." Die Gier nach den offen daliegenden Schätzen erfaßte den armen Müllerknecht mit unwiderstehlicher Gewalt, und in demselben Augenblicke fiel der schwere Bleiknopf seines elastischen Gummistockes auf dem Haupte des unglücklichen Opfers nieder. — Wir wissen, was weiter geschah. Aber Vollmar wurde seines Raubes nicht froh. Der Besitz und die Verwerfung des geraubten Geldes konnten sein Gewissen nicht beschwichtigen. In langen, qualvollen Nächten glaubte er stets, den blutigen Leichnam zu sehen, der von seiner Hand verstümmelt worden war. Oft, wenn Unschuldige ^jenes Mordes angeklagt waren und verhaftet wurden, stand er im Begriff, sein Verbrechen zu offenbaren und beim Gerichte die Anzeige zu machen. Mit der Zeit gewöhnte er sich an die schrecklichen Visionen. Er suchte durch rastlose