Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1882)
- Date
- 1882-10-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1023 schuldige angeklagt; damals wußte ich noch nicht, daß sie in Sicherheit sei, daß sie der Tod von allem irdischen Leid erlöst, und sie ihren Verfolgern ins Jenseits entschwunden; ich durfte nicht ein Verbrechen gestehen, das ich nicht begangen und für dessen Mitschuld mein Weib sich hätte verantworten müssen; aber die Herren von der Justiz haben ein gar bewährtes Mittel den Angeklagten ihren Wünschen gefügig zu machen, es ist dies die Tortur! Der erste Grad derselben ist Terretion, wo der Jnkulpat in die Folterkammer geführt, ihm die Marterwerkzeuge vorgewiesen und ihm deren Anwendung erklärt wird. Um mich gefügiger zu machen, wurde ein Mensch, der des Mordes angeklagt war, vor meinen Augen gefoltert. Der Mensch war entweder schuldlos oder von unbegreiflicher Verstocktheit. Die Martern des ersten und zweiten Grades hatten es nicht vermocht, ihm ein Geständniß zu erpressen, erst bei den entsetzlichen Qualen des dritten Grades, vor denen sich die Menschenseele noch bei der Erinnerung entsetzt, erklärte der Mensch — o, es war ja kein Mensch mehr, es war nur eine blutige, unförmliche, nahezu leblose, zuckende Masse, mit zerissenen Sehnen und gebrochenen Knochen — gestehen zu wollen; aber er starb bevor er noch ein Wort weiter zu sprechen vermochte! Mein Mannes- und Menschenstolz empörte sich dagegen, auch an mir — der ich von frühester Jugend an, Gott mit voller Seele und mit ganzem Herzen gedient — so Furchtbares vollziehen zu lassen, mir schien es, als würde ich dann mitschuldig an der brutalen Schändung des gottähnlich erschaffenen Wesens; ich erklärte das aussagen zu wollen, was die Richter verlangten, nur die Mitschuld meines Weibes stellte ich trt Abrede. — Ich hoffte noch immer der allmächtige Gott würde mich trotz meines falschen Bekenntnisses retten, der allgerechte, allgütige Gott retten wollen! Des Menschen Sinn kann Gottes Wesen nicht erfassen; — ich hatte mich getäuscht, ich wurde zu lebenslangem Kerker verurtheilt!" „Armer Vater!" schrie Benjamin schluchzend und umpsing diesen leidenschaftlich, als könne er ihn durch seine Liebe für die Leiden der Vergangenheit entschädigen. „Morai werabossai! Ihr wißt es wohl, was es heißt zu lebenslangem Kerker verurtheilt zu sein; aber fühlen, fühlen kann es nur der, der sich selbst je in gleicher Lage befunden!.Lebenslang entweder in tiefem Verließe ohne Licht, fast ohne Lust am Block gefeffelt zu schmachten; oder an Arbeitstagen, wie ein wildes Thier gekettet in Gesellschaft des Abschaum der Menschheit zur Arbeit getrieben zu werden, das ist weit ärger als man sich's zu denken vermag, das ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine irdische Ewigkeit lang verdammt zu sein, ärger als im ge-ihinom *). Ich war damals fünfunddreißig Jahre und mußte glauben, wenn mir Gott nicht die Huld erwies, mich von meinen Leiden zu befreien, noch ein halbes Leben lang zu leben .... zu leben! .... heißt das auch leben!? .... In meines Kerkers Nacht erfuhr ich, daß meine Frau gestorben, daß mir ein Sohn geboren wurde, daß meine Verwandten in Frankfurt beschlossen hatten, ihm seine Abkunst zu verheimlichen, weshalb sollte Benjamin je erfahren, daß sein Vater zu lebenslangem Kerker verurtheilt sei? er konnte es ja nicht beurtheilen, ob mit Recht oder Unrecht, daß er sich in Prag in guten Händen befinde und sein großes Muttererbe für ihn bei dem Prager Gemeindeamt bis zu seiner Großjährigkeit erliege. Ich mußte dieses Vorgehen billigen, aber was ich litt, das zu schildern, vermag des Menschen Wort, und wär' es das beredtste, nie und nimmer!" Wieder wie so oft in seiner langen, ergreifenden Erzählung mußte Munitz tief bewegt innehalten, seine Zuhörer waren tief erschüttert. Benjamin und Jchenhausen mußten seitwärts treten, und lehnten ihre glühenden Gesichter an die kalten Fensterscheiben. Aus Oppenheims lichtlosen Augen, floß Thräne um Thräne über' sein ehrwürdiges Antlitz in den weißen Bart hinein. Der Frankfurter Raw hielt, um seine Rührung zu verbergen, die Hände vor den Augen, doch vermochte auch er es nicht zu verhindern, daß die Thränen durch die schmalen, feinen Finger hervorquollen, nur der Primator in stetem Verkehr mit den Großen der Erde, gewohnt seine Gefühle zu verbergen, blieb äußerlich ruhig und nur ein aufmerksamer Beobachter konnte an dem leichten Zucken in seinem Gesichte erkennen, daß er seine Rührung schwer bekämpfe. Munitz war in tiefes Nachdenken versunken, er schien einen Moment der Gegenwart vollkommen entrückt und mit der vollen Kraft der Erinnerung in jene schmerzliche Vergangenheit zurückversetzt. Plötzlich erhob er wie aus tiefem Traum erwachend sein Haupt, einen Augenblick schien er in seinem Gedächtnisse nach dem Punkt zu tasten, wo er in seiner Erzählung stehen geblieben, und nahm endlich wieder den Fadeu derselben auf. „Ich war gläubig bis in den Urgrund meiner Seele, und ich ertrug all das Ungemach mit festem Vertrauen zu Gott, dem Urheber all' dessen, was in dem weiten Raume des Universums vorgeht! Was mir geschehen, kam ja aus seiner Vaterhand; es mußte entweder gerechte Strafe sein, dann mußte ich sie — auch wenn mein blödes, geistig Auge die Ursache nicht zu erkennen vermochte — ohne Murren ertragen; oder, wollte Gott meine Gläubigkeit, mein I) Hölle.