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Der Israelit · 1882-10-11 · Heft 41 (11.10.1882) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 41 (11.10.1882)
Date
1882-10-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1024 Vertrauen zu ihm auf die Probe stellen; — dann mußte ich um so mehr alle meine Seelenkräfte zusammenraffen, um diese schwere Prüfung zu bestehen — am Schluffe bin ich ihr doch erlegen!" Oppenheim erkannte, daß die Erzählungsweise Munitz' ihn in hohem Grade aufrege und er sprach: „Haltet Euch nicht mit nutzlosen, wohl auch unverdienten Vorwürfen auf, gelangt zur Sache!" „Es war mir endlich gelungen," fuhr Munitz fort, „im Kerker, in langen, dem Bedenken und Erwägen gewidmeten schlaflosen Nächten wieder die volle Ruhe meines Geistes, das Gleichgewicht meiner Seele zu gewinnen. Der Gedanke, der mich eine Zeit lang mit Hoffnung beseelt hatte, meine Unschuld müsse erkannt, ich müsse in Freiheit gesetzt, dem Leben, meinem Sohne wiedergegeben werden, war nach und nach in mir völlig erloschen; — aber es war eigentümlich! Die vollkommene Hoffnungslosigkeit für diese irdische Welt entmuthigte mich nicht mehr; im Gegenteil sie schien mir wunderbar die Seele zu stählen! Die irdische Welt! was lag mir nun an dieser! war sie, waren ihre Freuden je der Endzweck meines Lebens gewesen? Nein, nie! Mein Vater hatte es mich stets gelehrt, diese Welt sei nur eine Vorhalle für das Jenseits; was konnte irdisches Leid mir anhaben? — Ich war zu lebenslanger Haft verurteilt, mein Weib war gestorben, mein Sohn lebte ungekannt von mir, mein Dasein gar nicht ahnend ..... das Alles that mir weh, sehr weh, das konnte ich freilich vor mir selber nicht läugnen; die schweren Ketten schmerzten meinen Leib, die Verachtung des Kerkermeisters, der Hohn der Mitgefangenen, zerriß meine Seele; — aber was lag mir an alldem, das konnte zehn, zwanzig, dreißig Jahre, wenn Gott die Prüfungszeit gar lange wollte verlängern, vierzig Jahre dauern, .... vierzig Jahre, sie erscheinen dem Menschen, der im Kerker liegt, lang, sehr lang, so unendlich lang, daß jener, der in Gottes freier, lichter Welt lebt, es gar nicht zu erfassen vermag wie lange! .... Aber was sind vierzig Jahre gegen die endlose Ewigkeit des herrlichen Jenseits?! jene verfließen, vergehen ja doch wie Alles in dieser irdischen Welt.. und jenes dauert ewig fort! ..... Ich hoffte dann mit den Meinen vereint die wahre Herrlichkeit Gottes zu erblicken, dort für mein irdisches Mißgeschick, durch wunderbar herrlichen Lohn reichlich entschädigt zu werden ..... Ich wollte mit aller Kraft um das Jenseits ringen!" „Vater, Vater!" schrie Benjamin, sich von Neuem zu seinem Vater niederbeugend, „einen solchen Mann konnten Menschen hassen, verachten!" Munitz legte mit einem wehmüthigen Lächeln seine Hand wie segnend auf seines Sohnes Haupt und fuhr fort: „Neun Jahre lang saß ich im Kerker, und habe nie ein Gottesgesetz verletzt, nie aus einen Jssur ower gewesen ich habe die Gefängnißkost verschmäht und keinen Jssur3 4) genossen. Neun Jahre habe ich nur von trockenem Brode gelebt, Peßach hatte sich Feisch unter großen materiellen Opfern die Erlaubniß verschafft, mir Mazzos*) bringen zu dürfen. Es klingt dies leicht, aber neun Jahre sind lang, sehr lang, sie bilden einen großen Theil eines Lebens — und es ist hart, unertragbar hart! ...... Allein ich hatte außerdem noch einen zweiten, schweren Kampf zu bestehen. Die Gefangenen waren verurtheilt einige Tage der Woche schwere Arbeiten zu verrichten, und ein Gefangener hatte keine freie Wahl, er ist ein Sclave seines Kerkermeisters, ein willenloses Werkzeug in seiner Hand; dieser kann ihn zu Tode quälen, ohne zur Verantwortung gezogen zu werden. — Als ich in der ersten Woche erfuhr, daß übermorgen Schabbos ein Arbeitstag sei, erfaßte mich ein entsetzlich, unschilderbares peinliches Gefühl. Wenn ich durch Gottes Willen dazu gezwungen würde, sein heilig Wort, seinen heiligen Tag zu entweihen: — dann schien es mir ein unfehlbaresZeichen, daß Gott der Herr mich ganz verlassen, mich von sich gewiesen, mich ganz verworfen hatte! — Was konnte ich dagegen thun? Mich widersetzen? Das stand mit meiner religiösen Pflicht in Widerspruch! .... Sie waren dort erbarmungslos! Ich hatte am ersten Tage meines Eintritts im Kerker eine furchtbare Scene erlebt. Ein Gefangener hatte sich gegen seinen Wächter aufgelehnt, hatte die ihm aufgetragene Arbeit nicht verrichten wollen, sie hatten ihn zum abschreckenden Beispiel mit Peitschen geschlagen; — bei dem lebendigen Gotte, nicht ein wildes Thier möcht ich so behandeln — und der Arme war entseelt zu Boden gestürzt! .... Das Sabbatgesetz ist heilig; aber es fällt nicht in die Kategorie jener fcret5), bei welchen der Jude sein Leben lassen muß, bevor er es Übertritt! .... Ich verbrachte eine qualvolle, schlaflose Nacht; — aber Gott half mir, es gelang mir durch riesige Bestechung, durch unerhörte Geldopfer, mich für immer von der Arbeit am Sabbat und Jomtow zu befreien; — ein Lichtstrahl war's in meinem düstern Kerkerleben!" (Fortsetzung folgt.) 2) Ein Gebot übertreten. 3) Nichts Verbotenes. 4) Ungesäuertes Brod. 5) Götzendienst, Unzucht, Blutvergießen (Mord).

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