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Der Israelit · 1882-10-11 · Heft 41 (11.10.1882) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 41 (11.10.1882)
Date
1882-10-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1020 Lautlose Stille hatte im Saale geherrscht; Gerichtshof, Staatsanwalt, Zeugen und Zuschauer hatten in namenloser Spannung an dem Munde oes Vertheidigers gehangen und seinen Worten gelauscht. Jetzt ertönte ein furchtbarer Schrei; dann kam es wie ein Röcheln aus starker Mannesbrust hervor und man hörte die Worte: „Es ist wahr, es ist wahr! Ich habe den Juden erschlagen und sein Geld geraubt. 28 Jahre lang habe ich das Geheimniß bewahrt. Jetzt ist es heraus, heraus!" Wie ein umgehauener Baum sank Vollmar, der den Schrei ausgestoßen und diese Worte gesprochen hatte, zur Erde nieder. Er war ohnmächtig geworden. Gerichtsdiener stürzten herbei, bespritzten ihn mit Wasser und suchten ihn so zum Bewußtsein zurückzubringen. Unterdeß hatte sich eine ungeheure Aufregung aller Anwesenden bemächtigt. Bald drang das Gerücht bis auf die Straße, wo Hunderte von Neugierigen, die keinen Einlaß mehr in den Schwurgerichtssaal gefunden hatten, versammelt waren. Von da aus flog die Kunde von dem entdeckten Mörder durch die ganze Stadt und beschäftigte alle Bewohner derselben. Nur mit großer Mühe gelang es dem Präsidenten, im Saale die Ruhe wieder herzuftellen und dem Vertheidiger die Fortsetzung seiner Rede zu ermöglichen. „Hoher Gerichtshof, meine Herren Geschworenen," fuhr Dr. Funk zu reden fort; „der allgerechte Gott hat uns soeben ein Geständniß hören lasten, welches die Lösung meiner Aufgabe ungemein erleichtert. Zuvor will ich mich jedoch dem hohen Gerichtshöfe gegenüber wegen der sonderbaren Art meines Verfahrens rechtfertigen. Eigentlich hätte ich um eine Vertagung der in Rede stehenden Angelegenheit nachsuchen und die Anklage gegen den Zeugen Vollmar beantragen sollen. Aber unser allgemein verehrter Polizeipräsident rieth mir, so zu thun, wie ich gethan habe. Die Belastungsmomente gegen den Müller Vollmar waren zu unerheblich, als daß sie eine Untersuchung gegen ihn gerechtfertigt hätten. Moralisch von seiner Schuld überzeugt, konnte ich ihm nur durch die Wucht der plötzlichen Beschuldigung beizukommen hoffen. Und daß es so geschehen, das ser uns ein Beweis, daß der allgerechte Gott ein vor langer Zeit begangenes Verbrechen der Bestrafung hat überliefern wollen. Meine Herren Geschworenen, Sie werden nicht mehr an der Unschuld meines Clienten zweifeln. Durch Mord und Raub war der Wohlstand Vollmars erlangt. Da er sich eine neue Dampfmühle gebaut und in den Kosten des großartigen Baues VerantroorrUche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. I. ©ottSIeben’8 Buch verrechnet hatte, suchte er den schwindenden Wohlstand durch eine schändliche Jntrigue zu erhalten, der beinahe einer unsrer ehrenwerthesten Mitbürger zum Opfer gefallen wäre. Zwei durch eigene Schuld in ihren Vermögensverhältniffen zurückgekommene Bauern erkaufte er für sein abscheuliches Spiel. Mit abgefeimter List lockte er sein Opfer nach Mispelsheim hinaus, und nun beschwören die zum Meineide erkauften Zeugen, daß sie von Silberstein Aeußerungen gehört, die dieser nie gethan. Die Unschuld meines Clienten liegt klar zu Tage, und Sie, meine Herren Geschworenen, werden nicht zögern, ein freisprechendes Urtheil zu fällen." Nunmehr ergriff der Staatsanwalt das Wort: „Ich stimme," sagte er, „mit der Vertheidigung darüber vollkommen überein, daß wir hier das Walten der göttlichen Vorsehung mit Augen geschaut haben. Schon ist die Aussage des einen Zeugen durch das eigene Geständniß desselben werthlos geworden. In Folge dessen sind auch die beiden andern Zeugen schwer verdächtig. Ich kann mich daher nur der Bitte des Herrn Vertheidigers anschließen, daß Sie, meine Herren Geschwornen, ein freisprechendes Verbiet erlassen." Nun wollten sich die Geschworenen zurückziehen. Da erhob sich Vollmar. „„Herr Präsident,"" sagte er, „„da ich doch einmal das schwere Verbrechen des Raubmordes eingestanden, so will ich mein Gewissen auch ganz entlasten. Es ist so, wie der Herr Dr. Funk gesagt hat: der Jude ist unschuldig; ich habe das Geld bei Heller und Pfennig empfangen. Kümmert und Jansen sind von mir zum Meineide angestiftet worden. Jeder hat 300 Mark bekommen."" Nur der Form wegen zogen sich die Geschworenen zurück. Alsbald erschienen sie wieder, und ihr Obmann verkündete das freisprechende Urtheil. Hierauf beantragte der Staatsanwalt die Verhaftung Vollmars und seiner beiden Complicen, welchem Antrag der Gerichtshof Folge gab. Silberstein wurde natürlich gleich in Freiheit gesetzt. An der Thüre des Saales erwarteten ihn seine Frau und seine Tochter, die ihm mit lauten Jubelrufen entgegeneilten. Er aber konnte ihre Begrüßung nicht erwidern. Die Aufregung, die ihn ergriffen, war eine zu mächtige. Hätte ihn Dr Funk nicht gehalten, er wäre ohnmächtig niedergestürzt. Gerichtsdiener kamen ihm zu Hilfe und trugen ihn an den Wagen, der seiner an der Pforte des Justizpalastes wartete. (Schluß folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verlag und Expedition deS »Israelit* große Bleiche 45. ckerei (Mainzer Anzeiger).

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