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Der Israelit · 1882-10-11 · Heft 41 (11.10.1882) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 41 (11.10.1882)
Date
1882-10-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1019 « Feuilleton. pet Sohn der Witwe. XI. Der Zuhörerraum im Saale des Schwurgerichtshofes war überfüllt. Seit langer Zeit hatte keine Verhandlung so großes Aufsehen erregt, wie die, welche heute in der Anklage gegen Abraham Silberstein statthaben sollte. Ein vornehmer, reicher, bis dahin hochgeachteter Mann war eines gemeinen Verbrechens bezüchtigt und mußte, wenn nicht alle Anzeichen trügten, ins Zuchthaus wandern! Die Mitglieder des Gerichtshofes, der Staatsanwalt, der Secretär und der Vertheidiger hatten ihre Sitze eingenommen. Die Geschworenen wurden ausgeloost und beeidigt. Lautlose Stille herrschte, als der Angeklagte hereingeführt wurde. Wie hatte der Unglückliche sich seit wenigen Monaten verändert! Der sonst so selbstbewußte Mann, den man gewöhnt war, stolz durch die Straßen schreiten zu sehen, war vollständig gebrochen. Gesenkten Hauptes betrat er den Raum und setzte sich müde und matt auf das Armsünderbänkchen. Der Präsident stellte die üblichen Fragen, nach Namen, Alter, Familienverhältnissen, Gewerbe und Heimathsangehörigkeit. Dann wurde die Anklage verlesen, deren Inhalt wir bereits mitgetheilt haben. Laut jammernd betheuerte Silberstein seine Unschuld; es sei ein schändliches Lügengewebe, welches Vollmar gegen ihn ausgedacht und dem derMüller-dann durch die Erkaufung falscher, meineidiger Zeugen den Schein der Wahrheit aufzuprägen verstanden habe. Der Präsident ermahnte den Angeklagten zur Mäßigung; es stehe ihm nicht zu, unbescholtene Männer des Meineids zu verdächtigen. Man schritt zum Zeugenverhöre. Vollmar wurde vernommen. Nach den üblichen Vorfragen und stattgehabter Beeidigung gab er den Sachverhalt genau so an, wie er in der Anklage dargelegt war. Auch die Vernehmung der beiden Belastungszeugen ergab nichts Neues. Der Staatsanwalt resümirte die Anklage; er konnte sich kurz fassen; die Sache lag ja sehr einfach. Jetzt erhielt der Vertheidiger das Wort. Er sprach: „Hoher Gerichtshof, meine Herren Geschworenen! Es liegt heute ein Fall Ihrer Beurteilung vor, wie er, Gott sei Dank, in den Annalen der deutschen Rechtspflege nur selten vorkömmt. Ein Mann, dessen Rechtlichkeit bisher niemals angezweifelt wurde, der sich durch Fleiß, Sparsamkeit und redliches Streben eine derart geachtete Stellung errungen, daß ihm die Gnade des Königs eine hohe Auszeichnung in der Verleihung eines ehrenden Titels hat zu Theil werden lassen, ist eines gemeinen Verbrechens bezüchtigt, überführt, wie der Herr Staatsanwalt behauptet. Ich sage Ihnen, meine Herren Geschworenen, der Angeklagte ist an dem ihm zur Last gelegten Verbrechen unschuldig, so unschuldig, wie ich selbst oder einer von Ihnen. Ich bestreite die Glaubwürdigkeit der Zeugen. Wer sind diese Zeugen? Kümmert und Jansen sind dem Trünke ergebene Faullenzer und Spieler, in ihren Vermögensverhältnissen zurückgekommene Bauern. Einem jeden vernünftigen, unparteiischen Menschen muß das Zeugniß dieser Leute verdächtig Vorkommen. Allein diese Momente genügen nicht, ihr Zeugniß umzustoßen und dasselbe im Sinne des Gesetzes ungiltig zu machen, sie aber zu meineidigen Schurken zu stempeln. Nein, ich erkenne es an, das genügt nicht, so lange die Seele der Anklage, der Müller Johann Wilhelm Vollmar als unbescholtener Tugendheld dasteht. Wenn es mir aber gelingt, meine Herren Geschworenen, nachzuweisen, daß dieser Müller Johann Wilhelm Vollmar ein Mensch ist, dessen Gewissen bereits mit einem der schwersten Verbrechen belastet, ein Mensch, fähig zu jeder Unthat und jeder Schandtat, dann werden Sie mir glauben, daß er auch in diesem Falle die beiden andern Zeugen verführt und erkauft hat! — Meine Herren Geschworenen! Vor achtundzwanzig Jahren wurde in dieser Stadt ein schweres Verbrechen begangen. Zu jener Zeit war Johann Wilhelm Vollmar ein armer Müllerknecht, und doch kaufte er die Mühle seines vormaligen, in Rückgang gekonimenen Herrn um die Summe von zehntausend Gulden, wovon er 2500 Gulden gleich baar erlegte. Allen Bewohnern von Mispelsheim war es ein unlösbares Räthsel, woher der bis dahin arme Müllerknecht das viele Geld genommen. Man glaubte ihm nicht, da er behauptete, er habe es teilweise erspart und teilweise geerbt. Meine Herren Geschwornen, ich will Ihnen jetzt die Lösung jenes halbvergessenen Rätsels bringen; ich weiß, woher Vollinar die 2500 Gulden genommen. Hören Sie, meine Herren Geschworenen. An einem schönen Sonimertage des Jahres 1848 stand hier in dieser Stadt ein Banquier vor seiner geöffneten und wohlgefüllten Geldkiste. Da wurde er plötzlich von hinten niedergeschlagen. Ein Mann war in das Comptoir getreten, der einen schweren Stock in der Hand und einen zusammengerollten Mehlsack unter dem Arme trug. Mit dem Stocke schlug er den Banquier von hinten nieder; dann zog er ein dolchartiges Messer und stieß auf den Bewußtlosen ein, bis dieser todt war. Darauf füllte er seinen Mehlsack mit den offen daliegenden Gold- und Silberrollen und eilte davon. Dieser schändliche Mörder, dieser entsetzliche Räuber war kein Anderer als Johann Wilhelm Vollmar! Johann Wilhem Vollmar, ich klage Sie des Mordes und Raubes, vollbracht an dem Banquier Samuel Marbach an!"

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