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Der Israelit · 1882-10-11 · Heft 41 (11.10.1882) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 41 (11.10.1882)
Date
1882-10-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1017 Lemberg, 21. Sept. Der Landmarschall verfügte die Verlesung einer ''Zuschrift des Wiener Rabbinats, welche die Behauptung Merunowicz', als hätte das Wiener Rabbinat auf die Anfrage einer galizischen Gerichtsbehörde erklärt, daß das Judenthum in gewissen Fällen den Mord gestatte, entkräftet. Das Wiener Rabbinat hat diese Erklärung weder abgegeben noch konnte sie esabgeben, da alle jüdischen Religions-Urkunden, wie immer sie heißen mögen, den Mord unter allen Umständen als ein todeswürdiges Verbrechen verbieten. Wenn Merunowicz sich auf die Anfrage eines galizischen Bezirksgerichts beruft, so kann er nur die Zuschrift des Bezirksgerichtes in Strzyzow im Auge haben. Dieses hat dem Wiener Rabbinate ohne Angabe, um was es sich handle, eine Reihe Fragen zur Begutachtung vorgelegt. Unter diesen Fragen befindet sich aber keine dahin lautende, ob das Judenthum oder eine jüdische Religions-Urkunde in gewissen Fällen den Mord gestatte. Ueberhaupt ist in dieser gerichtlichen Zuschrift von einem Morde keine Rede. Frankreich. Paris. Der Pariser Korrespondent schreibt der N. fr. Pr." unter dem 23. Sept.: Der Zufall fügte es, daß mehr als fünfhundert vertriebene Juden aus allen Städten Rußlands in einer nach dem Verfasser des „Juif errapt“ benannten Straße untergekommen sind. Am rechten Ende des Montmartre wird eben eine neue Gasse, die Rue Eugen Tue, vollendet. Die mehrstöckigen Häuser gleichen einander fast vollständig. Während die eine Seite der Gasse schon durchaus bewohnt ist, arbeiten auf der anderen Seite noch Maurer, Tischler und Schlosser. Die Fensterscheiben sind mit Kalk beschmutzt, die Eingänge mit Noththüren versehen. In dreien dieser unfertigen Gebäude hat man die flüchtigen Juden einquarttert. Sie beziehen einen Franc fünzig Centimes für den Tag und es mangelt ihnen auch nicht an Eßwaaren, welche barmherzige Leute ihnen zukommen lassen. Das Nachtlager ist sehr primitw. Es besteht aus einer einfachen Matratze; auch fehlt es in den meisten Zimmern, namentlich wo die ledigen Leute wohnen, bis jetzt an den nöthigen Einrichtungsstücken; aber geborgen ist dennoch Alles, und vor der Thür steht kein drohender Pöbel und kein Grenzsoldat und kein Polizist, der die Vertriebenen weiterjagen möchte. Die Bewohner von Montmartre waren anfangs fteilich verwundert, als sie fünfhundert gar so seltsame Gestalten in die Rue Eugene Sue einrücken sahen. Diese scheuen Gesichter, diese merkwürdigen Anzüge! Die Einen mit ihren hohen Juchtenstiefeln, dem Zwilchrock und der breiten russ. Mütze, die Anderen mit zerknitterter Wäsche und schäbiger Eleganz, den gelblich gewordenen Cylinder auf dem Haupte, die Dritten in Leinenkleidern und die Vierten in Pelzen; die einen Frauen mtt ihren weißen Anzügen aus grober Leinwand und den Kopftüchern, die anderen in bunten Roben und mit grotesken Hüten, wie sie eben die Leute aller Herren Länder hergegeben; Alle zusammen eine unverständliche Sprache sprechend. Sie machten begreiflicherweise die Bevölkerung jenes Viertels mißtrauisch. Was ist das für ein Volk? „Nihilisten sind es!" wußten die Gescheiten, „Leute, die Bomben werfen", und die Furchtsamen liefen sofort zur Polizei. Als ihnen jedoch erklärt wurde, daß die Ankömmlinge ein Haufe Unglücklicher seien, die nach Paris gekommen, um an die Gastfreundschaft der Franzosen zu appelliren, aus ihrer Heimat Vertriebene, Schutzlose, da stellte sich sofort das Mitleid ein. Vorläufig sieht man die Neuangekommenen des Tages über auf der Straße; sie warten, bis ihnen Arbeit zu Theil wird. Es trifft sich gut, daß viele von ihnen tüchtige, kräftig gebaute Handwerker sind, und für diese dürste bald gesorgt sein, wiewohl der Mangel der Kenntniß des Französischen kein kleines Hinderniß für ihre Unterkunft bildet. Zwar wurde versucht unter den Arbeitern eine kleine Emeute gegen die neuangelanyten Arbeiter wachzurufen. Aber auch dieser .liebliche Versuch mißlang. Die französischen Arbeiter kennen keinen Racenhaß, und daher wiesen sie die Bemühungen, Unfrieden zu stiften, entschieden zurück. Zudem sprach sich die Presse ohne Ausnahme, selbst die klerikale und legitimistische, zu Gunsten der Flüchtlinge aus. Wie der Erzbischof von Paris über die russischen Judenverfolgungen denkt, das hat er in entrüsteten Worten gegen die Verfolger seiner Zeit verständlich genug ausgesprochen. — Manche Flüchtlinge, namentlich diejenigen, welche sich einige Habe aus oer Katastrophe gerettet, beginnen bereits sich eine neue Häuslichkeit zn gründen; die schönen jüngeren Frauen sind schon besser gekleidet, und die jüdischen Knaben spielen bereits mit den kleinen, helläugigen, hellstimmigen, munteren französischen Bürschchen und tragen Sand und Wasser herbei für die Festungen, welche dann unter lautem Halloh gestürmt werden. Ich fragte mehrere in der Rue Eugene Sue wohnenden Personen über ihre neuen Nachbarn aus. „H cfctebrent aujourd’hui,“ sagte mir unter Anderm eine gesprächige Französin, „Itzur Kippur!“ „Wissen Sie, das ist ihr Versöhnungstag! Die Männer sind deßhalb in den israelitischen Kirchen beschäftigt, die Frauen sind zu Hause. Glauben Sie, die rührten heute eine Speise an? Nicht die geringste Kleinigkeit! Und heute

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