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Der Israelit · 1882-09-27 · Heft 39-40 (27.9.1882) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 39-40 (27.9.1882)
Date
1882-09-27
Page
– (sequence 20)
Language
German
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992 vor seinem Sohne schämen mochte; Feisch bemerkte dies, erfaßte ihn beim Arm und rief: „Bleibt nur, Benjamin! Was mein Herr, Euer Vater, zu erzählen hat, das darf die ganze Welt hören!" Es trat eine Pause ein; zu seinem namenlosen Schrecken bemerkte Feisch Jchenhausen erst jetzt, daß die vornehmen Gäste noch immer ständen, daß er in der großen Aufregung daran vergessen, ihnen Sitze anzubieten. Mit athemloser Hast schleppte er jetzt drei Lehnsessel herbei, in welche sie sich niederließen. Munitz preßte die Hand an seine glühende Stirne, als könne er dadurch alle seine Erinnerungen noch machtvoller concentriren, als sie ohnehin in seiner Seele lebten, endlich begann er nach einem tiefen Athemzuge: „Wenn ich von Euch, Ihr großen, edlen Männer in Israel, verstanden werden soll, muß ich auf die Gefahr hin, Eure Geduld zu ermüden, weit zurückgehen. Wohl kann ich voraussetzen, daß Euch etwa durch meinen Schwager in Frankfurt mein ganzes! Leben bis zu dem Momente, wo mir meine Freilassung aus dem Kerker angekündigt wurde, bekannt ist, aber: Hoodom jire loenajim, wehaschem jireh lalewow!^) — Ihr aber, Rabossai, sollt göttliche Richter sein, — und darum sollt Ihr in meinem Innern lesen! Ich bin hier in Prag von würdigen Eltern, beiderseits edlen Familien entstammend, geboren. Mir ward eine vortreffliche Erziehung zu Theil, ich wuchs in Gottesfurcht und Frömmigkeit auf, das Beispiel meiner Eltern, ihr makellos reiner, wunderherrlich schöner Lebenswandel, ihre reichen Tugenden bestärkten mich in meinen guten Absichten. Vater und Mutter lehrten mich jene echte, wahre Frömmigkeit, die es vermochte, daß sich Scheeriß Jisroel unter Jahrhunderte währendem Drucke, unter fremden Völkern zerstreut, erhalten, seinen Glauben treu bewahren konnte. Sie erzählten mir schon als kleinen Knaben, wie ihren Voreltern, schon vor Jahrhunderten, in trüben, finstern Zeiten, der Gottesglaube über Alles gestanden, wie sie diesem, Wohlfahrt, Vermögen, Ehre, Leben geopfert; um ihrer Ueberzeugung willen in qualenreichem Tode ihre reine Seele ausgehaucht. — Unbedingtes Gottvertrauen, grenzenlose, unerschütterliche Gottergebenheit wurden mir als die höchsten Ziele menschlichen Strebens bezeichnet; die höchste Stufe derselben zu I erreichen, war mein stetes Bemühen, — ich Thor, > hatte mir schon geschmeichelt, fest zu stehen, nie! wanken zu können! 4) Der Mensch kann nur die Oberfläche betrachten, und I Gott blickt ins Herz. Samuel g.. Cap. 16, V. 7. j Ich war meiner Eltern einzig Kind. Meinr! Jugendzeit verlief glücklich, als mich plötzlich dazl Unglück mit harter Hand erfaßte. Ihr wißt t§] wohl und überflüssig ist es, zu erzählen, daß m als zwanzigjähriger Jüngling bei km großen Bram! 649 5) meine Eltern in gräßlicher Weise verloren.! Aber das darf ich wohl von mir sagen, ich Babel den niederschmetternden Schlag ertragen, wie es einem gläubigen Juden ziemt. Wohl Worte bittern Schmerzes doch nicht des wilden Unmuthes überschritten meim Lippen, als ich auf der Brandstätte meines Vaterhauses vor den entstellten, verkohlten Leichen meiner Eltern stand Ich sprach nur: Gott hat es so ge--j wollt! ich muß es ruhig tragen! .... s Ich war allein vereinsamt in Prag, meiner! Mutter Vater berief mich zu sich nach Frankfun. Die Zeit, mehr noch mein unbegrenztes Vertrauen zu Gott, hatte die Wunden, die ja seine Hand selbst geschlagen, geheilt. Ich will Euch, Morai werabossai! nicht mir Nebensächlichem aufhalten und will zu dem wichtigsten Ereigniß meines vielbewegten Lebens gelangen. - Nach einer mehrjährigen Ehe mit meiner edlen Frau, meiner Cousine, verlor ich diese und auf ihrein Sterbebette mußte ich ihr geloben, ihrer jüngere« Schwester, meiner unvergeßlichen Channa, die Hand zu reichen. Channa war eine würdige Nachfolgerin ihrer edlen Schwester, meiner ersten Gattin, sie war ein Musterweib, wie es der weise König schildert,- sie wollte mich durch endlose Liebe, Treue, Hingebung all das Weh', das ich erfahren, vergessen machen, mir das Leben in wunderbarer Herrlichkeit verschönen! — Ich hoffte endlich nach Leid und Qual glücklich zu werden; und ich war nicht undankbar gegen den Schöpfer, dem Spender alles Guten, — ich dankte ihm für das große Glück, das mir seine Vaterhuld beschieden!" Munitz hielt einen Augenblick, von der Erinnerung tief ergriffen, inne, und erst nach längerer Pause fuhr er fort: „Da trat plötzlich, unverhofft, in dem Momente, wo ich's am wenigsten erwartet hatte , wieder eine dunkle Wolke in mein Leben, dieses für immer, für ewig verfinsternd! Ich war Juwelier, war in meinem Fache ein Künstler und hatte mir das Vertrauen vieler süddeutscher Fürsten erworben, die mich mit ihren Aufträgen beehrten, mich zuweilen zur Ausführung von Arbeiten an ihre Höfe beriefen. Ich war kaum ein Jahr in zweiter Ehe verheirathet, als ich durch Ver; Mittelung eines niederträchtigen Mannes an den Hof des Markgrafen Wilhelm Friedrich von Ansbach 5 Der kleinen jüdischen Zeitrechnung — 1689.

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