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Der Israelit · 1882-09-27 · Heft 39-40 (27.9.1882) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 39-40 (27.9.1882)
Date
1882-09-27
Page
– (sequence 19)
Language
German
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991 Dreißigjährige Mann, glauben mußte, sein Kind nie »an sein pochendes Herz drücken zu können, nie — »gar nie, ewig nicht, zu sehen — das ist ein Ge- Idanke, der einen Menschen Zum Wahnsinn treiben, Im Tode quälen kann — wißt Ihr, was der Mann »da, dieser Löb Munitz, gethan? Glaubt Ihr, daß »er gemurrt, geklagt, mit einem Worte, einer Miene, Deinem Gedanken sich gegen den Welten- und Schick- D salslenker aufgelehnt? nein! Er hatte nur gesagt: DGott ist gerecht, Er hat es so gewollt, darum muß »es so sein; — und ich, ich muß es tragen! Habt »Hr so oder habt Ihr anders zu mir gesprochen, I Herr!" rief Jchenhausen sich an Munitz wendend und I vor Aufregung am ganzen Körper zitternd, „sagt »nein — wenn Ihr es könnt! Und." fuhr Jchen- I Hausen triumphirend fort, als Munitz die Antwort | schuldig blieb, „ich, der ich ihn nie verlassen, der ich | die neun Jahre, welche mein Herr im Kerker schmachtete, | in Ansbach gelebt, von Zeit zu Zeit ihn sehen, ihn I svrechen konnte, ich kann es bezeugen, sein Gottver- [ trauen blieb unerschüttert, mit Gottergebenheit hat er Alles ertragen, bis zum letzten Augenblick!" „Bis zum letzten Augenblick!" wiederholte Munitz, schmerzlich stöhnend, „Du hast Deine Worte gar trefflich gewählt, alter, guter Mann! Ad-welo! ad bichlall!*) — ich kann von mir Aehnliches sagen, rvie man vom Hohenpriester Jochonon gesagt. Schimesch bekuhono gedolo schmonim schono welibszoff nasze zduki!" *) Munitz war entsetzlich bleich geworden, er hatte die letzten Worte nur mit größter Anstrengung hervorzustoßen vermocht, er verhüllte schamhaft mit beiden Händen sein Gesicht, sank ermattet zurück und sein lange verhaltener Gram machte sich in einem konvulsivischen Schluchzen Luft. Benjamin stürzte auf sein Lager, ergriff seine Hand und bedeckte sie mit Küssen. „Mein guter, theurer Herr!" schrie der greise, treue Diener mit thränenerstickter Stimme, „schon wieder diese unverdienten, grausamen Selbstanklagen, mit denen Ihr mich und Euch nun 16 Jahre lang gequält .... Das muß einmal ein Ende nehmen, schon um Eures Sohnes, unseres herrlichen Benjamin willen! — Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, so fragt doch diese großen Männer, mögen diese entscheiden, ob Ihr das Recht habt, noch ferner Eure Seele so zu quälen!" ’ David Oppenheim hatte die eigenthümliche verwunderliche Rede Jchenhausens mit gespannter Aufmerksamkeit angehört. Sein scharfes geistiges Auge erkannte rasch, daß in einem einzigen Zeitmomente, m jenem nämlich, in welchem Munitz den Kerker 1) Bis, doch diesen nicht eingeschlossen, exclusive. 2) Er hatte achtzig Jahre das Oberpriesteramt versehen, »um Schlüsse wurde er ein Abtrünniger. Berochos 29, a.! verließ, seines nachherigen Lebens bisher ungelöster Knoten läge, und nach kurzem Bedenken sprach er:! „Reb Löb! Ich sehe, es liegt etwas auf Eurer Seele, Ihr fühlt Euch in Eurem Gewissen bedrückt!! Nun vermag es kein Mensch sich ganz richtig zu beurtheilen, die Meisten sind zu nachsichtsvoll gegen sich, nur Wenige zu streng, zu diesen Wenigen scheint aber Ihr Zu zählen, und scheint zu weit, viel zu weit zu gehen, ia" — David Oppenheim, der stets auch gegen Fürsten und Minister den imponirenden würdigen Ernst bewahrte, lächelte ein wenig — „an Euch scheint fast das herrliche Wahrwor? des Talmuds nicht zu passen: En odom meszim azmo roschoN) .... Euer Diener ist nicht nur ein braver, treuer, er ist auch ein kluger Mann, und wen/? es für mich noch eines weiteren Beweises Eurer ganz besondern Würdigkeit bedürfte, die Anhänglichkeit des Dieners und dessen Zeugenschast würden mir vollkommen genügen. Befolgt den Rath des alten, weisen, lebenserfahrenen Mannes, theilet uns, mir, Eurem Rabbi, meinem Freunde Rabbi Jakow Cohen, der ja um. Euretwillen jetzt nach Prag gekommen und unserem Primator, der, wie er sagt, stolz darauf ist, Euch ein Mitglied seiner Gemeinde nennen zu dürfen, mit, was Euch bedrückt; — ich habe schon gestern Abend die Hoffnung ausgesprochen, daß, wenn Ihr uns durch Gottes Huld erhalten bleibt, und wir bei Euch erscheinen können, alle dunkeln Wolken aus Eurem Leben schwinden; sich Alles noch zum Guten wenden wird!" „Ihr habt recht!" rief Munitz, sich unter dem Einflüsse von Oppenheims imponirender Persönlichkeit rasch zu einem Entschlüsse emporringend, „Ihr sollt Alles hören!" „Es muß vielleicht nicht sogleich sein", meinte Rabbi Jakow, „Ihr seid nach einer schweren Krankheit, Ihr werdet Euch noch schwach fühlen, — wird Euch Eure voraussichtlich lange Erzählung nicht zu sehr ermüden, mehr als das, zu sehr aufregen? Wenn Ihr es wünscht, kommen wir in einigen Tagen wieder, wo Ihr, so's Gott beliebt, an Kräften zugenommen haben werdet. Ich bleibe noch eine Woche hier und bin überzeugt, auch der Prager Raw und der Primator werden, — wenn es zu Eurem Besten ist, die kleine Mühe nicht scheuen. Euch nochmals zu besuchen!" „Nein, Raboßai!" rief Munitz, „nachdem ich den Entschluß gefaßt, kann ich es nicht erwarten. Euch Alles zu sagen, Euer Urtheil zu hören, fast scheint es nur jetzt bis zur Unbegreiflichkeit verwunderbar, daß ich bisher zu schweigen vermocht hatte!" Benjamin schlich langsam zur Thüre, vielleicht hatte sein Vater etwas zu gestehen, dessen er sich 3) Niemand will sich selbst als schlechter Mensch darstellen.

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