Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 39-40 (27.9.1882)
- Date
- 1882-09-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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778 fache, die nicht geleugnet werden kann: Hier gibt es Viele, die, so schmerzlich es sie auch berührt, an den heiligsten Tagen des Jahres, an den „Jomim Hanoroim" nicht an dem öffentlichen Gottesdien st e theilnehmen können, nicht an heiliger Stätte ihre Andacht verrichten dürfen. Denn Wien besitzt außer der orthodoxen Synagoge in der großen Schiffgasse, außer dem Leopoldstädter Tempel und dem Tempelchen in der Seitenstettengaffe nur noch wenige und dazu noch sehr kleine Bethäuser. In allen aber ist der Eintritt namentlich seit dem verhängnisvollen Brande des Ringtheaters vorigen Jahres ein beschränkter und die Mehrzahl der einheimischen und fremden Glaubensgenossen ist auf die „Minjanim" angewiesen. Wie es aber oft da zugeht, zu welch' chilul Haschem diese oft Anlaß geben, beweist beispielsweise der Skandal, der im vorigen Jahre am Jom Kipur im „Circus Renz" provozirt wurde, so daß die Polizei einschreiten mußte, um die Ruhe wieder herzustellen, auf daß der unterbrochene Gottesdienst fortgesetzt werden konnte. In einem andern Lokale wieder, das der oder die Minjanunternehmer für Neujahr und Versöhnungstag gepachtet hatten, wurde am Kol-Nidre-Abend während des Schemono- Esre das Gas abgedreht, so daß die ganze Betversammlung plötzlich von ägyptischer Finsterniß umgeben war. Auch hier schritt selbstverständlich die Polizei ein. Wahrlich, ein höchst unwürdiges Schauspiel in einer Großgemeinde einer Großstadt! — Und wer keinen Sitz im Vorherein bezahlt hat, wird selbst hier nicht eingelassen! Schreiber dieses war Augen- und Ohrenzeuge, wie einige Soldaten am zweiten Tag Rosch-Haschono sich bitter beschwertem daß sie von den Thürhütern der diversen Betlokale abgewiesen wurden, so daß es ihnen faktisch nicht möglich war, an einem öffentlichen Gottesdienste theilzunehmen. — Warum wird nicht dafür gesorgt, daß alle diejenigen, welche nicht in der Lage sind, oder nicht die Mittel haben, sich vor den Feiertagen mit Betsitzen zu versehen, in irgend einem Bethause ein bescheidenes Plätzchen finden? Warum wird nicht Sorge getragen, daß Soldaten, Reisende, Arbeiter zc. den Gottesdienst besuchen können? „Die Orgel und der Chorgesang ertönet jedem Ohr". — Vielleicht anderwärts, hier in Wien aber gewiß nicht. Jndeß sind wir so bescheiden, daß wir „Orgel und Chorgesang" für die „Armen und Elenden" gar nicht beanspruchen, vielmehr mit einem einfachen, aber würdigen und an nicht profaner und profanirter Stätte abzuhaltenden Gottesdienst uns begnügen. Uebrigens fiele es, wenn man nur wollte, gar nicht so schwer, ein oder zwei geräumige Gotteshäuser herzustellen. Die Pflicht erheischt es, die Nothwendigkeit gebeut es und das Bedürfniß ist längst vorhanden. A b r. Nasch. Wien. Wie alljährlich, ergab sich auch Heuer anläßlich der jüdischen Feiertage in den Sommerfrischen Wiens das Bedürfniß nach einem entsprechenden Gottesdienste. In Vöslau constituirte sich für diesen Zweck aus der Mitte von Curgästen und Vöslauer Insassen ein eigener Tempelverein, welcher, fern von jeder eigennützigen oder auf Gewinn abzielenden Thätigkeit, sich seiner Aufgabe in erfolgreicher Weise entledigte. Der Verein, vollkommen geeignet, allen Unzukömmlichkeiten und Mißbräuchen zu steuern, welche mit solchen Privat - Unternehmungen verbunden sind, stellt sich übrigens die weitere Aufgabe, die Mittel für die Erbauung eines dauernden Tempels in Vöslau zu beschaffen, und begegnet hierin den lebhaftesten Sympathien aller Glaubensgenossen. Rußland. Moskau, 20. September. Dem „Jushnvj Krai" zufolge sollen auf der Charkower Universitär im neubeginnenden Lehrjahre Juden als freie Zuhörer nicht mehr zugelaffen werden. — Dem „Woßchod" wird gemeldet, daß vor Kurzem in Petersburg einige hebräische Deputationen eingetroffen seien, hauptsächlich aus dem nordwestlichen Gebiete, itträj dem Minister des Innern Bittschriften eingereck hätten, in welchen auf die Nothwendigkeit, die Rechte der Juden auszudehnen, und hauptsächlich auf die vollkommene Unhaltbarkeit der im Mai veröffeutlichten „zeitweiligen" Regeln hingewiesen wird. I Feuilleton. Ier Sohn der Witwe. n. > Der Müller Vollmar von Mispelsheim W die große Dampfmühle nicht ganz aus eigenen Mittel» erbauen können; er hatte dazu ein Capital von70M Mark bei Abraham Silberstein ausgenommen. Geld hatte er nicht auf einmal gebraucht, fonberni es sich nach und nach geholt und jedesmal über dül empfangene Summe einen Schuldschein ausgeMI Jetzt sollte nun das ganze Kapital als Hypothek H die Mühle eingetragen werden. Da trat plWi Vollmar mit der Behauptung auf, daß er dielM 20,000 Mark nicht erhalten habe. Silberstein gerade nicht bei Kaffe gewesen, habe aber den w|