Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1882)
- Date
- 1882-09-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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960 sollte, eine kräftige Mahlzeit vorsetze, und der vorsorgliche Feisch hatte schon Freitag Suppe und Fleischspeisen bereiten lassen und diese wurden jetzt aufgetragen. Munitz hatte mit Lust gegessen, seit drei Wochen das Erstemal „Mesumen gebenscht'") und hatte es auf Benjamins und Jchenhausens Andrängen auch versucht, ein Stündchen zu schlummern; aber man wird es begreiflich finden, daß er vor Aufregung nicht zu schlafen vermochte. Als es von der Thurmuhr des jüdischen Rathhauses zwei schlug, ertönten im Vorzimmer Tritte, und der Prager Oberrabbiner von dem Frankfurter Raw und dem Primator geführt, trat ein. Rabbi Jakow hatte ein langes, cylinderisches Futteral in der Hand. Trotzdem. Munitz auf diesen vornehmen Besuch vorbereitet war, überflog doch brennende Röthe seine Wangen und Thränen verdunkelten seine Augen. Obwohl er noch sehr schwach war, richtete er sich doch im Bette zu sitzender Stellung auf. Zuerst schlugen seine Lippen, vor Aufregung, lautlos aneinander; dann aber stieß er mit dem Aufgebote aller Kräfte mühsam hervor: „Wie komme ich Unwürdiger zu so hoher, unverdienter Ehre?" „Reb Löb," erwiederte Oppenheim, „Ihr seid kein Unwürdiger und seid der höchsten Ehre Werth, die wir schwache Menschen zu ertheilen vermögen!" „Rabbi!" rief Munitz und es klang wie schwer unterdrücktes Schluchzen, „Ihr irrt! Ihr kennt mich nicht so, wie ich mich kenne!" „Das mag wohl sein," erwiederte Oppenheim lächelnd, „dann aber kenn' ich Euch eben besser als Ihr selbst. Seht! mein Freund, der große Rabbi Jakow Cohen-Katz hat.im harten Winter die weite Reise von Frankfurt hierher nicht gescheut, um Euch zu Eurem sechszigsten Geburtstage in seinem und mehrerer großen Gemeinden Namen die innigsten Glückwünsche auszusvrcchen und — das werdet Ihr wohl selbst nicht glauben, daß Unwürdigem so geschieht! Chasi man gawro rabbo komashid allo!'") Wieder wollte Munitz sprechen, das verrieth seine das Lob zurückweisende Handbewegung; aber Rabbi Jakow ließ ihn nicht zu Worte kommen und sprach tief ergriffen: „Ich komme Euch in meinem, und im Namen der heiligen Gemeinden Frankfurt, wo Ihr jahrelang gelebt und segensreich gewirkt; — Worms der Geburtsstätte Eures Raws, die Ihr einst mit großen Opfern vor Verderben und Untergang gerettet, der Gemeinde Ansbach, welche Zeuge war, wie 1» Das Tischgebet gemeinschaftlich zu Dreien verrichtet. 2) Sieh', welch'großer Mann dieses bezeugt! Eine im Talmud oft gebrauchte Redeform, wenn eine aus autorativer Duelle stammende Aussage außer Zweifel gestellt werden soll.! Ihr mit fast beispiellosem Gottvertrauen, die harte j Prüfung bestanden, die Gottes unerforschlicher Rathi schluß über Euch verhängte; — Euch zu Eurem , sechszigsten Geburtstage die herzlichsten, innigsten Glückwünsche auszusprechen .... Ihr habt Großes geleistet, wie nur Wenige in unserer Zeit! Die Gemeinde Worms, die älteste in ganz Europa hat überdies, wie hier in dieser Rolle ausgezeichnet/' — er zog eine solche aus dem Futterale und legte sie vor Munitz hin, „eine milde Stiftung auf Euren Namen errichtet, damit dieser fortlebe: midor wovor ad ßoff Kol hadoroß3 4) als leuchtendes Beispiel für Andere, Euch selbst zu ewigem Nachruhme! Ich sage Euch im Namen Aller: Jeschalem haschem peoloch ushi maskurtech schlemo meim haschem eloke Jisroel!"5) „Und wir," ergriff Oppenheim das Wort, „der Primator und ich, sprechen Namens der altehrwürdigen Gemeinde Prag und Namens der gesammten böhmischen Judenheit aus vollem Herzen und mit ganzer Seele, Amen!" und Benjamin und Jchenhausen wiederholten tief ergriffen „Amen!" „Rabbi, Rabboßai!" schrie Munitz und inseinen Zügen spiegelte sich sein innerer Seelenkamps, der Widerstreit eines Gefühles der Befriedigung mit dem schwer zu unterdrückenden Aufzucken eines arg bedrückten Gemüthes. „Ihr thut mir weh mit Euren Worten, die doch wunderbar beseligend in meiner Seele klingen. Ich habe es schon gesagt, Ihr kennt mich eben nicht, Ihr haltet mich für besser als ich war!" 3) Die Gemeinde Worms behauptet bekanntlich, noch vor der Zerstörung des Tempels bestanden zn haben. Zweifellos ist es. daß die unter den Namen die bekannten Gemeinden Speier, Worms und Mainz, zu den ältesten der europäischen Judenheit zählen. Für die zahlreichen gelehrten Leser dieses Blattes wird auch die folgende Notiz nicht ohne Interesse sein. In Worms soll zu einer Zeit behauptet worden sein, daß die dortige Gemeinde schon lange vor dem Bau des Salomon'schen Tempels, nock zu Zeiten der Richter entstanden sei. Raschi bemerkt nämlich im Buche Richter Cap. 20, zum Schlüsse des Berses 45, der also lautet: z’f> o'cif» wvv w'i (es fielen von ihnen, den Benjainiten, zweitausend Mann) fivr;>2? f>b »bi’wb v'ow-o (und von den hundert, die oben erwähnt wurden, wird nicht gesagt, wo sie fielen). Nun wird in einer Ausgabe von ’ei von unbekannter Hand hinzngesügt obm buob 'vn >Ss>> »i? 7PN7 pif» zu deutsch: Es wurde dein Verfasser des Buches Megalleh amukos mitgetheilt, daß die Hundert, über deren Verbleib keine Nachricht gegeben wird, entkamen und sich in die Provinzen Rom und Aschkenas (Deutschland, vorzugsweise Süddentschland) niedergelassen hätten. Nun wurde zu jener Zeit die kühne, aus vielen Gründen kaum glaubliche Behauptung ausgestellt, die Wormser Gemeinde wäre durch einen Theil der hundert flüchtigen Benjamiter gegründet worden. 4) Von Geschlecht zu Geschlecht bis an das Ende aller Zeiten. 5) Der Ewige möge Dir Dein Werk vergelten, vollständig möge Dein Lohn sein vor dem Gotte Israels: Ruth Cap. 2» Vers 12.