Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1882)
- Date
- 1882-09-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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958 religiös-sittliche Kraft aus diesem unfruchtbaren Boden emporwachsen können, über dieses psychologische Wunder belehrt uns Herr Hemann nicht. lieber den Kampf der Makkabäer gegen Antiochus sagte derselbe: „Der heldenmüthige Glaubenskampf dieser kleinen Schaar ist eines der großartigsten Schauspiele der Welt, ein Kampf, dem an geistiger Bedeutung nur die Hunnenschlacht auf den katalaunischen Feldern oder Karl Martells Kampf wider das Ueberfluthen Europas durch die Sarazenen gleichkommt. Wären die Juden damals unterlegen, die Menschheit wäre vielleicht erst viele Jahrhunderte später zu einer monotheistischen Weltreligion gekommen." Er schreibt den Inden einen zersetzenden Einfluß in der Weltgeschichte zu. Zersetzung scheint dem Verfasser, wie Allen dieser Parteirichtung, zu heißen, wenn ein Volk aus seinen ursprünglichsten Volkszuftänden, Lebensformen und Anschauungen sich loslöst und sich dem allgemeinen Kulturleben, den allgemein-menschlichen Ideen und Interessen öffnet und wenn ein erweitertes Denken sich bei ihm Bahn bricht. Das ist aber weder Zersetzung noch Auflösung, sondern natürlicher Entwickelungsgang, ein Heraustretcn aus dem beschränkten und engbegrenzten Denken und Empfinden schroffer Volksabgeschlossenheit zu erweitertem Menschenthume, was sich mit der Wahrung der Nationalität sehr wohl verträgt; es ist ein Schritt vorwärts auf der Bahn, welche zur allgemeinen Menschenverbrüderung hinführt, in welcher die höchsten Verheißungen der Religion, die glühendsten Hoffnuugen und Wünsche aller wahrhaft frommen Menschen gipfeln. Daß die Juden mit und ohne Vorbedacht, mit und ohne Willen im Dienste dieser Ideen des erweiterten Menschenthums stehen und wirken, ist natürlich. Die jüdische Religion ist es ja, die zuerst diese Ideen auf ihr Panier geschrieben und sie als eine frohe, glückversprechende Lehre und Verheißung denMenschen, allen Menschen, gebracht hat. Der Verfasser des Buches hat eine Ahnung hiervon, indem er bei Besprechung jenes, den Juden zugeschriebenen Einflusses sagt: „Mit dieser im Grunde durchaus negativen Rolle ist aber doch auch eine lichtere, positive Aufgabe verknüpft. So streng nämlich die Juden alles Fremde von sich abhielten und sich selbst gegen alle zersetzenden Einflüsse von andern Völkern her durch ihr talmudisches Abschließungssystem schützten, so sind doch gerade sie es häufig gewesen, welche die Cultur eines Volkes dem nachfolgenden zu übermitteln berufen waren. Dies ist eine große und schöne Lichtseite in der sonst düstern und verhängnißvollen Stellung der Juden zu den Weltvölkern." Bei der Besprechung der Jetztzeit sagt er: „Die Juden zeigten aufs glänzendste, daß auch die erniedrigendste Behandlung und Knechtung ihre großen und vielseitigen Geistesanlagen nicht zu unterdrücken im Stande waren. Man mag von den Juden denken wie man will, das Zengniß wird man ihnen nicht versagen können, daß sie in wenigen Jahrzehnten das Menschenmögliche geleistet und sich aus dem Staube ohnmächtiger, zertretener, cultur- und bildungsarmer Parias auf die Höhe unserer Künste und Wissenschaften und vielfach sogar an die Spitze der wichtigsten Geschäfte zu stellen vermocht haben. Kein anderes Volk wird ihm das gleichthun können, wenigstens ist es beispiellos in der Menschengeschichte." Für alle Leiden, welche die Juden im Laufe ihrer langjährigen Zerstreuung zu erdulden hatten und zum Theil noch haben, hat Herr Hemann das bekannte süßliche Bedauern, sucht aber in allen die Schuld auf die Inden zu schieben, sogar in Betreff der Beschuldigung der Brunnenvergiftung. Die Rabbineu hätten sich, wie er fälschlich behauptet, damals durchgängig stark mit der Kabala beschäftigt und sich dadurch in den Ruf von Zauberern und Wunderthätern gebracht. In Folge dessen hätte mau sie für Sie entstandene Pest verantwortlich gemacht. Welcher Unsinn! Als ob man ein Hexenmeister sein müßte, um einen Brunnen vergiften zu können! Die Anklage, daß die Juden an der Zersetzung des Christenthums arbeiten, hält auch er aufrecht, kann aber doch nicht umhin, zu bemerken: „Die Juden haben dem Christenthum noch nie rechten Schaden zufügeu können, wo nicht vorher die Christen selbst das Christenthum geschädigt hatten. Das zu sagen erfordert die Gerechtigkeit. Die Zersetzung des religiösen Bewußtseins und die Auflösung der christlichen Formen würde ihren Gang weiter gehen, auch wenn kein einziger Jude noch je ein Wort gegen das Christenthum in deutschen Landen gesagt oder geschrieben hätte; die Zersetzung würde nur langsamer ihren Verlauf nehmen, die entscheidende Krisis würde verschleppt; dem Volke käme seineReligion abhanden, und es merkte es nicht einmal. Weil nun aber Juden dabei mithelfen, kommt es dem Volke zum Bewußtsein, und nun meinen viele, die Juden hätten die Zersetzung verursacht, und wenn wir die Juden nicht hätten, stände alles gut. Eine übleSelbfttäuschung!" Um sich 'den Rechtssiandpunkt zurechtzurücken, von welchem aus die Stellung der Juden geordnet werden müsse, stellt er folgende Sätze auf: „Der Jude ist zu allererst Jude, dann erst Semit und weiter Orientale und zuletzt erst Mensch; der Deutsche zuerst Deutscher und zwar speciell Schwabe oder Preuße u. dgl., dann Germane, dann Arier und zuletzt Mensch." .Also erst das Besondere und dann erst das Allgemeine! Heißt das nicht alle Logik auf den Kopf stellen? Wenn man sich die Prämissen so nach Belieben zurecht legen darf, dann ist es