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Der Israelit · 1882-09-20 · Heft 38 (20.9.1882) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 38 (20.9.1882)
Date
1882-09-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXIII. Jahrgang._ Erste Beilage ju ttr. 38 -cs Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Aus Mitteldeutschland. In dem, in der Provinz Hessen-Naussau, an dem Knotenpunkte mehrerer Eisenbahnen belegenen Dorfe Bebra hat in voriger Woche ein verlotterter achtjähriger Christenknabe das zweijährige Söhnchen eines jüdischen Einwohners an den Fluß gelockt und dasselbe dann hineiugestoßen, so daß das Kind ertrank. Wie man sich erzählt, hätte dasselbe nach dem ersten Stoße sich wieder aufs Trockene gearbeitet gehabt, worauf der Vösewicht es wieder aufs neue ins Wasser zurückgestoßen und so den Tod des armen Kindes herbeigeführt habe. Nach vollbrachter That lief der Missethäter zu feiner Mutter und erzählte ihr, was er so eben vollbracht habe. Diese rieth ihm, über die Sache zu schweigen. Die That wurde aber dennoch ruchbar, und Mutter und Sohn befinden sich bereits in gefänglichem Gewahrsam. Der Knabe hat sicher Anlage, in der „Judenfrage" nach dem vieldeutigen Ausdrucke „kühl bis ans Herz" thätig zu sein. Da auch kindliche Ohren in dieser, von gewisser Seite absichtlich in Fluß erhaltenen Frage so manches gehässige Wort auffangen, so dürfte vielleicht auch dieser Fall aus das Conto der Hetzapostel gesetzt werden können. Die betreffenden Eltern und das Kind sind sicherlich sehr zu bedauern. Noch bedauerlicher aber wäre es in der Gegenwart gewesen, wenn ein Umgekehrtes stattgefunden, wenn ein Judenknabe ein Christenkind ins Wasser geworfen hätte! Wie leicht hätte man daraus eine Tisza-Eszlar Angelegenheit gemacht! Was überhaupt die Antisemitenbewegung betrifft, so täuscht man sich, wenn man glaubt, daß dieselbe im Absterben begriffen sei. Sie strebt vielmehr jetzt eine feste innere Organisation an; dabei sucht man von gewisser Seite den blamirenden tumultuösen; Charakter derselben einzudämmen, obgleich man diesen früher selbst fleißig gepflegt hat. Vielleicht glaubt mau so sich besser in die, sich mit,Ekel von diesem wüsten Treiben abwendende öffentliche Meinung einschmeicheln zu können. Außerdem hat ja dieses Treiben auch noch manche andere Früchte gezeitigt, welche dem Geschmacke der sogenannten christ-!ich-eonservativen Partei gar wenig entsprechen. Ungefährlicher wird die Bewegung durch die versuchte Schwenkung keincsweges. Der Antisemitismus in Glacehandschuhen säet nicht minder arge Dracheusaat aus, als der, welcher in der Ausdrucksweise der rohesten, verkommensten Volksschichten sich Luft macht. Der Erstere sucht nur mehr durch kühne sophistische Kraftleistungen und dialektische Kunstsprünge die höhern Elemente der Gesellschaft zu berücken. Die Tagesliteratur liefert zahlreiche Beweise hierfür. Vor mir liegt ein Schriftchen, betitelt: „Die historische Weltstellung der Juden und die moderne Judenfrage von Dr. E. F. Hem nun". Der Verfasser dürfte auch Ha man heißen, dann könnte man doch sagen: p iok-d „Wie sein Namen, so ist er!" Er hüllt sich in dieser Schrift in den Mantel parteilosester Objektivität und versteht es unter dieser Hülle, Wahres mit Falschem geschickt mischend und das Ganze mit gewandter Sophistik durchwürzend, ein Wundertränklein zu bereiten, das der bedrängten Menschheit Heilung von dem Gebreste der „Judenfrage" bringen soll. Gegen die Juden wird mit der wohlmeinendsten Miene von der Welt viel Gehässiges vorgebracht und manche schwere Anklage erhoben. Um was es ihm aber eigentlich zu thun ist, und dieses ist die Quintessenz der ganzen Schrift, das ist: Trennung der Kirche vom Staate und Beseitigung der modernen Gesetzgebung! Die Juden sind also hier nur der Prügelknabe! Das ist ja bei den Machern überhaupt die Signatur des ganzen Lärms! Des angenommenen Scheines der Objektivität halber spricht er manches anerkennende Wort über Juden und Judenthum, das wir wohl acceptiren können. Man kann von ihm sagen: idk ruy» m-o W jn i-rda So sagt er gleich in der Einleitung: „Wer mit tieferem Blicke die Weltgeschichte betrachtet, der erkennt, daß die Juden und ihre Geschichte im engsten Zusammenhänge stehen mit den höchsten und letzten Problemen der Weltgeschichte." lieber den Talmud sagt er unter Anderem: „Und wenn auch die in materiellem Elend verkommensten Juden sich vielfach noch durch strenge Sittlichkeit und häusliche Tugenden auszeichnen, so verdanken sie das der religiös-sittlichen Kraft, welche der Talmud ihnen einpflanzie." Dieses hindert ihn indessen nicht, einige Zeiten nachher zu behaupten: „daß der Talmud in Herz und Geist seiner eifrigsten Schüler eine traurige Oede und Leere znrücklüßt." Wie in Geistes- und Herzenslcere und Oede Sittlichkeit und häusliche Tugenden Wurzel fassen und wie der Kern alles Neligionslebens, die

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