Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1882)
- Date
- 1882-09-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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956 Adolph das größte Mitleiden mit ihr empfand und ihr den Stoff zu dem neuen Kleide für 3 Gulden und den alten Krug überließ. Die Frau war ganz glücklich; aber Adolph setzte schweren Herzens seine Wanderschaft fort. Er hatte nun noch außer seinem Packen den schweren Krug zu tragen. Den Preis, den er dafür bezahlt hatte, hielt er für verloren. Aber seine Gutmüthigkeit sollte nicht unbelohnt bleiben. In allen Dörfern, in die er noch kam, hatte er reichen Absatz, so daß er beschloß, die nächste Eisenbahnstation, der er sich in seiner Wanderung von Westen nach Norden genähert hatte, aufzusuchen und mit dem letzten Zuge nach Hause zurückzukehren. Wie würde sich sein Mütterchen freuen ob dieser Ueberraschung! Aber, o weh, der letzte Zug war ein Schnellzug und hatte keine dritte Classe. Mit schwerem Herzen entschloß sich Adolph, ein Billet zweiter Classe zu lösen. Auf der Station warteten viele Leute auf die Ankunft des Zuges. Endlich braust er heran, und Alles drängte sich herbei, Platz zu gewinnen. Aber es war nur wenig Platz da. In dem Couptz, in welches Adolph einstleg, saßen bereits sieben Leute; er war der achte. „Steigen Sie hier ein," erscholl die Stimme des Conducteurs, und an der Wagenthüre erschien ein blonder Sohn Albions. „Das Wagen is besetzt," rief er. „„Steigen Sie nur ein, alle Coupes sind voll, auch die erste Classe. Wir können uns nicht anders helfen. Es ist ja nur eine kurze Strecke bis zur Hauptstation."" Also sprach der Conductcur und schlug die Thüre hinter dem Engländer zu. Dieser fluchte und schimpfte in seiner Sprache, und als der Conducteur am Fenster erschien, um die Billets abzufordern, schrie der Engländer: „But, das is not Ordnung! Jk werde mir beschweren bei ihr Vorgesetzten!" „„Beschweren Sie sich meinetwegen beim Deibel!"" „Bei wer?"" Unwillkürlich mußten alle Insassen des Coupes laut lachen. Wüthend schaute sich der Engländer um. Da redete ihn Adolph in englischer Sprache au. „Mein Herr," sagteer, „nehmen Sie die Sache, wie sie ist, und ärgern Sie sich nicht. Setzen Sie sich hierher; wir rücken zusammen und machen Ihnen Platz." Der Engländer, glücklich, die Laute seiner Heimath zu vernehmen, folgte der Aufforderung. Er selbst Nlußte lachen, als ihm Adolph erklärte, wem er nach den Worten des Conducteurs seines schwerde anbringen sollte. Adolph hatte seinen Packen in denGepäcktm^ gestellt; den Krug aber hatte er bei sich behalt^ Als der Engländer den Krug bemerkte, erbat er ft| denselben, betrachtete ihn aufmerksam und liej auch die Inschrift vorlesen und übersetzen. „Das ist ein schönes Stück," sagte er, Prachtstück der Spätrenaisfance. Ist der Krug i habend Würden Sie ihn mir verkaufend" 1 „„Sehr gern."" „Was verlangen Sie dafür?" „„Ich kenne den Werth desselben nicht. habe ihn aus Mitleid einer armen Bauernfrau a!s gekauft."" „Und Sie haben keine Ahnung, wie werthv.l der Krug ist?" „„Nicht die geringste."" „Darf ich fragen, wie viel Sie dafür bt;Ä haben?" „„Einen Gulden und 54 Kreuzer."" „Das macht im englischen Gelde?" „„Nicht ganz drei und einen halben Schilling/! „Da wären Sie wohl froh, wenn Sie ihn rl der für sieben Schilling verkaufen könnten?" „„Gewiß."" „Nun, mein junger Freund, wenn Sie mir Krug überlassen wollen, so gebe ich Ihnen füusLits Sterling dafür. Ich bin Liebhaber und Sanni und zahle gern für gute Sachen die höchsten PM Das Geschäft wurde natürlich perfect. Äs freute sich Frau Marbach, als ihr Sohn so rca wartet zu ihr in's Zimmer trat, und diese stieg noch, da er ihr die günstigen Ergebnisses Wanderung berichtete! „Morgen," schloß er seine Erzählung, wieder nach Mispelsheim, um mit der armen den für den Krug erzielten Gewinn zu theilcu." Und so that er. Um diese Zeit war sockw! Markwährung in Deutschland eingeführt. Mit chem Staunen, mit welcher Wonne nahm MackcH Mutter die fünf neuen Zehnmarkstücke in EmZ die Adolph ihr brachte! Sie verwendete sofort cff Theil derselben zu neuen Einkäufen ans Ä Borräthen für ihr geliebtes Mariechen. (Fortsetzung u Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Nedaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des »Israelit* große Z. Gott6leben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).