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Der Israelit · 1882-09-20 · Heft 38 (20.9.1882) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 38 (20.9.1882)
Date
1882-09-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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955 Feuilleton. per Sohn der Wittwe. Vlll. Als Adolph sein Mittagsmahl verzehrt hatte, >ab er sich in den an das Wirthshaus angrenzeni Garten, setzte sich in eine schattige Lande, nahm kleines Talmudexemplar, das er immer mit sich jrte, zur Hand und begann zu studiren. Es war ■ Traktat Sanhedrin, mit dem er sich gerade beifügte. Der arme Hausirer, der vor wenigen imden unverdiente Kränkungen erfahren hatte, der glücklich schätzte, wenn er einige Ellen Seidenid oder ein Besteck Nadeln verkaufen konnte, verte sich in die Einrichtungen des altjüdischen Staates > Gerichtswesens! Wer ist wie dein Volk Israel, einzig Volk auf Erden! — So verbrachte er die sen Tagesstunden, körperlich ruhend und geistig eregt. Dann lud er seinen Packen wieder auf setzte seinen Weg fort. Ganz am Ende des rfcs lag ein armseliges Häuschen. Eine ältere in siand an der Thüre. Adolph wollte vorüber-!n; aber die Frau rief ihn an und fragte: „Haben Sie vielleicht hübsche Kleiderstoffe?" „„Die habe ich,"" antwortete Adolph. „So kommen Sie herein. Mein Mariechen icht ein neues Kleid für die Kerb (Kirchweihfest).? arme Kind hat nichts anzuziehen." Adolph packte seine Maaren aus. „Hier ist," sagte er, „solch' ein Stoff, mit dem junges Mädchen sich schmücken kann." „„Wie nennt man das Zeug?"" „bassinette." „„Das ist das Richtige; solch'ein Kleid wünscht Mariechen. Was kostet die Elle?"" „42 Kreuzer." „„Das ist viel Geld. Ein Mädchen braucht llcn. Wie viel macht das für das ganze Kleid?"" „4 Gulden 54 Kreuzer." „„Also fünf Gulden weniger sechs Kreuzer, ist viel Geld. Ich habe nur drei Gulden, neu Sie mir das Kleid nicht für 3 Gulden kl?"" „Meine liebe Frau, das kann ich nicht. Ich 3hnen gleich das Allergenaueste gesagt, weil nu^ gedacht habe, daß Sie nicht viel anlegen Tie Frau fing an zu weinen. ^6te sie schluchzend, „„man sieht es lucht mehr an, daß ich die Tochter reicher Wern lm bin. Mein Vater war der Müller im Ort, sch war sein einziges Kind Der Vollmar, der sttzt die große Dampfmühle gebaut hat, war Müllerknecht bei uns. Er wollte mich durchaus heirathen, aber ich mochte den rohen, finsteren Gesellen nicht. Jetzt muß meine Tochter in Vollmars Mühle dienen!"" „Wie kam es, daß Ihr so verarmtet?" „ „Mein Mann, der Johann, den ich dem Vollmar vorzog, ergab sich nach dem Tode meiner Eltern dem Trünke und vernachlässigte das Geschäft. Wir geriethen in Schulden; die Mühle wurde verkauft, und Vollmar brachte sie an sich. Gott weiß, woher er das Geld dazu genommen. Der Mensch wurde reich, man weiß nicht, wieso. Zwar ist er fleißig und sparsam; allein aus nichts kann doch nichts werden. Jetzt ist er der reichste Mann im Ort und hat sich die große, schöne Dampfmühle gebaut. Trotzdem bereue ich cs nicht, daß ich ihn nicht geheirathet habe. Kein Mensch mag ihn leiden. Er ist hart und grausam gegen seine Frau, seine Kinder und seine Untergebenen. Ich wollte, meine Tochter hätte einen andern Platz. Sie hat es so schlecht in der Mühle! Harte Arbeit und kein freundliches Wort. Wie gern möchte ich ihr mit dem neuen Kleide eine Freude machen. Können Sie es mir nicht um 3 Gulden geben?"" „Meine liebe Frau, ich kann es unmöglich; ich verdiene 6 Kreuzer an der Elle. Das ist doch wenig genug." „„Ich habe aber nicht mehr als 3 Gulden. Wollen Sie mir den Rest borgen? Ich will jeden Kreuzer sparen, und wenn Sie einmal wieder hierherkommen, soll das Geld bereit liegen."" ,,Auch darauf kann ich mich nicht einlassen. Ich bin nur ein armer Hausirer und brauche das Geld zu neuen Einkäufen." ,„Ja, was sang' ich nun an? Mariechen weint sich die Augen aus dem Kopf, wenn es zur Kerb kein neues Kleid bekäme. Es kann sich in seinem alten Fähnchen wirklich nicht mehr sehen lassen. Hören Süe einmal. Solch' ein Handelsjude kann ja Alles brauchen. Ich habe da einen alten Steinkrug noch von meinen seligen Eltern her. Als unsre Sachen verkauft wurden, hat Niemand etwas dafür geboten, und so habe ich ihn behalten. Vielleicht nehmen Sie den Krug für den Rest."" Die Frau holte einen alten Henkelkrug herbei. Er war mit Figuren reich verziert und ein Sprüchlein stand darauf, kaum noch zu lesen. Mit vieler Mühe entzifferte Adolph den Vers: Wenn es im Leben nicht gäbe Essig und Aerger, So würde Dich nicht freuen Glück und Johannesberger! „Was soll ich mit dem Krug?" fragte Adolph. „Ich brauche ihn nicht, und verkaufen kann ich ihn auch nicht. Welcher Mensch würde mir für das alte Gerümpel 4 Gulden 54 Kreuzer geben?" Die Frau fing auf's Neue an zu weinen, so daß

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