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Der Israelit · 1882-09-20 · Heft 38 (20.9.1882) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 38 (20.9.1882)
Date
1882-09-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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953 iifemiten ausfallen würde. Ja, Herr Stöcker scheint so sehr von dieser Volkstümlichkeit desAntisemitenjbongresses überzeugt zu sein, daß er dem letzteren, ohne das Ende abzuwarten, zwar seine Thesen überfeine werthe Persönlichkeit aber beizeiten entzog. >5 Dresdener Pseudo-Concil hat mit Einem Worte nicht verfehlt, zur Unterhaltung Europas ein Bedeutendes beizutrageu, und wenn die Sachsen nicht undankbar sind, so räumen sie zum Andenken an die Mi glorreichen Tage dem von Herrn Onody ausgestellten, „durch den belebenden Geist der Erinnerung lebensgetreu gemalten Bilde" der Esther Solpmossy |iiicii Platz in einer ihrer berühmten Euriositäten- Mnmlungen ein. Und doch — es steckt unverkennbar ein trauriger Jntl't hinter all dieser possenhaften Narrheit. Daß pährend des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts mitten in: Herzen Deutschlands dreihundert Männer von normaler Schulbildung sich zusammentnden, für die es augenscheinlich keine französische Evolution und keine Kant'sche Philosophie, keinen Maire und keinen Lcssing gegeben hat, das ist ein schwerwiegendes Symptom cnlturellen Rückschrittes, sn solches Zeichen von Verwilderung undVerrohung Litten, daß unser Zeitalter allen Grund hat, Ä desselben zu schämen. Ueber den Antisemitismus ^Antisemiten zu streiten, ist erfahrungsgemäß eine!Mbliche Mühe. Er gehört zu jenen Doctrinen,!e nur in Monologen verbreitet werden, Fragen begilworten, die Niemand stellt, auf ihre eigenen fragen keine Antwort begehren und jedwede Ein- Icndung ignoriren, weil jeder Gegner schon dadurch lipeft ist, daß er ein Gegner ist. Ob die Judenfrage, wie sie von dieser Doctrin aufgeworfen wird, ie Racenfrage oder, wie schließlich nach Stöcker's stinung der Kongreß entschied, eine „universclljlturhistorische" Frage sei, das kommt praktisch auf hinaus. Das unsäglich Traurige dieserBerir- [ag ist, daß sie auf eine Anschauung zurückgreift, seit einem Jahrhundert von dem ganzen civilisten Europa verworfen ist und selbst in den Epo-!en tiefster Reaction nicht mehr zum Leben erweckt Herden konnte, auf die Anschauung, daß der Werth >les Individuums nicht nach ihm selbst, sondern nach Ständen zu bemessen sei, die von ihm gar nicht Gängen, und daß die staatsbürgerliche Stellung i>t von den Handlungen und Eigenschaften des snzelnen, sondern von dem Ijrtheile über irgend ^Gesammtheit abhängig sei, welcher der Einzelne hrklich oder vermeintlich angehört. Wenn einmal Grundsatz der Gleichheit aller Staatsbürger vor Gesetze wieder verlassen werden sollte, dann ist einfach die Zahl, die darüber entscheidet, wer die mdrückte Elaste bilden soll. Sobald es eine svenfrage gibt, bestehtauch wieder eine Negerfrage; wenn die Race, die Haut, die Geburt oder das Bekenntnis zu unterscheidenden Merkmalen für das Maß staatsbürgerlicher Rechte werden, dann ist die Unterthänigkeit, die Leibeigenschaft, die Sklaverei gar nicht mehr zu verwerfen. Wer nicht die ganze moderne Rechtsordnung preisa^.u will, der kann sich auf den Streit unmöglich einlassen, ob diese oder jene Elaste, Religion oder Race nützlich oder schädlich, gut oder schlecht sei, weil es vernüftigerweise nur nützliche oder schädliche, gute oder schlechte Individuen geben kann, auf welche die Gesetze Anwendung finden. Wenn die Menschheit von dem Unglück betroffen würde, daß die Anschauungen des Herrn Jstoczy oder Liebermann einmal siegten, dann wären die Christen-Massacres in Alexandrien ebensowenig mehr ein Unrecht, als die Judenverfolgungen in Balta, dann hätte sie kein Recht mehr, die Bartholomäusnacht oder die sicilianische Vesper zu verdammen, dann wäre überhaupt für alle Zeit der Vernichtnngskampf unter den Menschen zum Grundsätze erhoben, und die gepriesene.Civilisat'on fiele mit einem jähen Sturze auf die Stufe der Fenerländer und amerikanischen Räthhäute hinab. Das ist Alles so einfach, so klar und so sehr in das Bolksbewnßtsein übergcgangen, daß man erröthcnd staunt, es in das Gedächtnis; der Zeitgenossen zurückrufen zu müssen. Es wäre auch — Herr Stöcker bezeugt das mit seinem naiven Geständnisse selbst— kein Anlaß dazu vorhanden, wenn nicht gewaltsam der Versuch gemacht würde, das überkommene Erbtheil an Cultur und Civilisntion der lebenden Generation zu entreißen. Aber das Schimpfliche dieser krankhaften Erscheinung in der modernen Gesellschaft besteht eben darin, daß die Rohheit nicht, wie in verflossenen Jahrhunderten, von den Massen ausgeht, sondern aus einer Sphäre, welche auf Bildung Anspruch macht, in dieselben hincingetragen werden soll. Die Scheu des Antisemiten-Cougrestes vor der Oeffentlichkeit ist in dieser Beziehung überaus charakteristisch. Wenn es auch nur die Ueberzengung seiner Theilnehmer war, daß sie eine gute, gemeinnützige Idee verfechten, warum schlossen sie das öffentliche Urtheil über ihre Verhandlungen aus und stellten selbst die Berichte Gleichgesinnter unter Eensnr? Wenn bei ihnen allein die Wahrheit zu finden ist und ringsum nur Lüge, Verleumdung und Eorruption, warum umgeben sie den befruchtenden Ouell mit einem undurchdringlichen Wall und scheuen die Oeffentlichkeit, für welche sie doch wirken wollen? Doch nein! Es ist glücklicherweise noch kein Grund vorhanden, sich gegen eine Thorheit zu ereifern, die bereits anfängt, vor sich selbst zu erschrecken. Noch hat kein einziger hervorragender Mann sich offen für diese Bewegung erklärt; noch haben selbst die reactionärsten Regierungen Anstand genommen, von ihr

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