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Der Israelit · 1882-09-13 · Heft 37 (13.9.1882) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 37 (13.9.1882)
Date
1882-09-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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932 gegen. Wie, rief ich, will es denn heute gar nicht Nacht werden! Bald aber überzeugte ich mich, daß es nicht Nachmittag, sondern Vormittag war. Ich hatte von dem Duste des frischen Heues betäubt, den ganzen Nachmittag und die ganze Nacht bis in den hellen Tag hinein geschlafen. Alsobald wusch ich mich, betete, ging in's Dorf, kaufte mir beim Bäcker ein Brod und schöpfte aus dem Brunnen einen Krug Wasser. Ich glaube, an König Salomons Tafel hätte es mir nicht so gut geschmeckt. Dann holte ich die Kuh und kehrte eilig nach Hause Zurück, wo meine Eltern schon besorgt um mich waren." „„Das ist in der That ein hübsches Abenteuer."" „Aber ich hatte Mincha und Maariw verschlafen und auch die Zeit des Kriath-Schema versäumt!" „„Es trifft Sie keine Schuld dafür, Sie waren ein Onuß; Sie thaten es nicht aus Muthwillen. Haben Sie damals zu Schacharis zweimal nacheinander die Schmone Eßre gebetet?"" „Nein, das habe ich nicht gethan; da bin ich aber ebenfalls ein Onuß gewesen, da ich es nicht gewußt habe, daß ich es hätte thun sollen." „„Doch nicht so ganz. Jeder Jude ist verpflichtet, die Vorschriften unserer heiligen Religion zu kennen, und wer sie nicht kennt, der muß sie erlernen."" „Wie finde ich Zeit zum Lernen!" „„Sie ruhen doch am Sabbat und an den Feiertagen von jeglicher Arbeit. Da sollten Sie die Zeit der Ruhe dazu benützen, um in unsrer heiligen Lehre zu forschen. Auch in unsrer Stadt werden ja an jedem Sabbat Vorträge aus dem Chaje Odom gehalten; ich habe Sie dort noch nicht gesehen. Warum besuchen Sie diese Vorträge nicht?"" „Sie haben Recht; ich werde in der That künftig hingehen. Wohin führt Sie heute Ihr Weg, Herr Marbach?" „ „Nach Mispelsheim." " „Da müssen Sie rechts den Berg hinuntergehen; ich gehe gerade aus nach Heimbach. Schade, daß wir uns schon trennen müssen! Leben Sie wohl; ich wünsche Ihnen recht gute Geschäfte." „„Ich Ihnen gleichfalls. Auf Wiedersehen am nächsten Sabbat beim Vortrage!"" Der Weg den Berg hinunter war ziemlich steil; es wäre ein Vergnügen gewesen, ihn hinunterzulaufen, wenn der schwere Packen nicht gedrückt hätte; so aber ging es recht mühsam. Trotzvem war Adolph heiter und vergnügt; das Bewußtsein, Jemanden um Thoralernen veranlaßt zu haben, beglückte ihn o sehr, daß er die Schwere der Last nicht empfand. Als Adolph unten im Thale anlangte, fiel ihm zuerst ein großes, stattliches Gebäude in's Auge. A war die neue Dampfmühle, welche der Müller VT mar aus Mispelsheim sich am Eingänge des Dorfes hatte bauen lassen. Der vom Gebirge herunterströ-, mende Bach trieb das Mühlwerk in wasserreichen Zeiten. Wenn aber in trockenen Jahren der Bach nur wenig Wasser führte oder ganz versiegte, dann! trat die Dampfmaschine hilfreich ein', so daß dn Betrieb der Mühle keine Stockung zu erleiden brauchte. Adolph trat in den Hof des Gebäudes, und bald! sammelten sich die Knechte und Mägde um ihn; bei | Eine wollte dies, der Andere jenes kaufen. Nun entspann sich ein lebhaftes Feilschen und Bieten. Durch den Lärm angezogen, trat der Müller in den Hof. Vollmar war ein Mann zwischen fünfzig und sechszig, groß, mager und starkknochig. Aus seinem Gesichte sprachen Rohheit und Härte. Als er Adolph erblickte, schien ein heftiger Schrecken seine Glieder zu lähmen. Was, niurmelte er vor sich hin, stehen die Todten wieder auf? — Doch bald faßte er sich und trat auf die Gruppe zu. I „Wollt Ihr gleich an die Arbeit, Ihr Tagdiebe!" schrie er. „Und Er, Jude, mach er gleich, daß Ei sortkomme!" „„Lieber Herr,"" sagte Adolph bittend, „„gestatten Sie mir wenige Augenblicke Zeit. Unsen Geschäfte sind bald abgeschlossen."" Als der Müller Adolphs Stimme vernahm, packte ihn aufs Neue Entsetzen. Er wurde leichenblaß. Dann wurde er dunkelroth im Gesichte und! schrie: j „Hinaus, Jude! Hinweg aus meinem Hofe, oder ich lasse die Hunde auf Dich hetzen!" Die Knechte und Mägde liefen bei diesem Zornesausbruche ihres Herrn eilig davon. Seufzend packle! Adolph seine Sachen zusammen und verließ, oh« ein Wort zu sagen, den Hof. Besser erging es ihm in den andern Häusern des Dorfes. Fast in jedem Hofe brachte er etwavon seinen Maaren an, so daß er mit dem Erfolge des Tages recht zufrieden sein konnte. Im „Kruge" verzehrte er sein Mittagsmahl. Zu dem Fleische und dem Brode, das er mit sich führte, ließ er sich eine Flasche Bier geben. Es schmeckte ihm ganz vorzüglich, und die Kränkung, die er von dem Müller Vollmar erfahren hatte, war bald vergessen. (Fortsetzung folgt.)! Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag uno Spedition des „järatUu* groge äöteuue 4ö. Z. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anreiqer).

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