Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1882)
- Date
- 1882-09-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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929 Mann! Ja wohl, behauptet der Zeuge; er leistete oft den Bauern und besonders zur Zeit der Steuerzahlungen Hilfe. Wohl empfing er dafür zwei Kopeken per Rubel wöchentlich, allein er übte auch große Nachsicht, leistete gerne Auffchub, und nie kam es zu Haß, Feindschaft oder Streitigkeiten zwischen diesem Dorfbankier und seinen Clienten . . . Wir müssen also zu dem Schluffe gelangen, daß der getödtete Kuschmir allerdings kein Philanthrop, aber auch kein Bösewicht war, wohl aber die Mitte zwischen diesen Beiden hielt. Aus den Processen, die hier ihren Abschluß fanden und vom Gerichte gehörig gewürdigt wurden, wissen Sie bereits, meine Herren Richter, was in Balta am 23. und 30. März d. I., an jenen zwei Tagen, die in den Annalen des vielgeprüften jüdischen Volkes mit blutigen Lettern verzeichnet sind, geschehen ist. Aus dem Gegenwärtigen erfahren Sie, was im 31. sich ereignet hatte. Es war die Wiederholung ler schon bekannten Thatsachen. Da sind darüber >ie Aussagen der Zeugen Sbroschka und Sadkowsky. 5in Theil der Bauern des Dorfes Korvtuje kehrte n der Nacht aus Balta zurück. Wozu sie eigentlich lach Balta gingen, bleibt uns unbegreiflich. Es iegen zwar Aussagen vor, welche behaupten, daß >ie Bauern nach Balta gerufen worden sind, um die llrche zu vertheidigen; diese aber brauchten sie nicht u vertheidigen, da sie von Niemandem angegriffen mtrbe; aber Balta haben sie zerstört, und unterwegs luch die Colonie Abasowka. Und nun möchte ich vie an die höchst charakteristische Aussage des Zeuien Chlias erinnern. Dieser Zeuge steht, daß fast llles bis auf das jüdische Bethaus zerstört ist, und leht um Schonung desselben. Da erschallt aus der Wenge eine gebieterische Stimme: „Wenn man zertören soll, so zerstört Alles!" Und das Bethaus »erschwand. Diese Worte „Zerstört Alles!" sind schreckliche Worte, meine Herren Richter. Bedeuten Sie die Losung der Zeit, die wir erlebt, oder sind sie eine lnglücks-Prophezeihung? Indem Sie, meine Herren Richter, diese Ereigirsse prüfen, indem Sie von einem gemordeten Gaten, von vaterlos gebliebenen Kindern, von unter Drohungen und Gewaltthätigkeiten geraubten Eigentum sprechen hören, bewundern Sie nur das Eine: ue ungewöhnliche Ruhe, die seltene Ergebung in das Schicksal, die in allen diesen Aussagen liegt. Sie >aben hier nicht nur den Bürger Lautow gehört, >er vielleicht in einer langjährigen Lebenserfahrung enen Gleichmuth, jene Ergebung in das Unvermeidche geschöpft hat — nein. Sie hörten auch hier oiche Zeugen, die, wie es scheint, naturgemäß nicht :m und gleichgiltig ihren Verlusten gegenüber bleiben sollten. Und was sahen wir? Wir sahen hier die Rachel Lautow, wir sahen die Wittwe Kuschmir, vor deren Blicken noch vielleicht das Blld ihres gemordeten Gatten schwebt; wir sahen hier die junge symphatische Frau Dwoira Schoichet und ihre Schwester Slota Rabinowitfch, wir hörten ihre Aussagen. Wo war denn darin jene Feindseligkeit, jene Erregung, jener Rachedurst zu finden, die in diesem Falle so natürlich, so verzeihlich wären? Diese Ergebung in das Schicksal, dieser ruhige, würdevolle Kummer im Unglücke ist ein historischer Zug. Vertreterinnen eines Volkes, das an Leiden gewöhnt ist, erzählen sie uns von dem Elende, das sie getroffen, vom Verluste ihres Vermögens mit einer Ruhe, die Sie, meine Herren Richter, unzweifelhaft ihrem Werthe nach zu schätzen wissen werden, da ich nicht einen Augenblick dem Gedanken Raum geben kann, daß das Gericht diese Ruhe so auffaffen könnte, wie es einer der hiesigen Machtvertreter gethan. Wir sehen also in diesen Aussagen eine völlige Ruhe, die der Herr Staatsanwalt nach Billigkeit gewürdigt hat. In dieser Ruhe liegt auch die unzweifelhafte Bürgschaft ihrer Wahrhaftigkeit. Meine Herren Richter! Indem ich darauf bestehe, daß Ihr Urtheil wenigstens in schwachem Maße diejenigen entschädige, deren Verluste vielleicht unersetzbar sind, könnte ich meine Aufgabe nicht als erfüllt betrachten, wenn ich am Schluffe nicht noch eine Bitte an Sie richtete. Nicht Rachedurst, nicht Feindschaftseingebungen, nicht der Eifer eines Miethlings und nicht die Beschränktheit eines Fanatikers dürfen aus der Rede des Verteidigers der Beschädigten sprechen. Da er vor Allem im Dienste der Gerechtigkeit und des Gesetzes steht, kann er auch jene allgemeinen Ursachen des Ihrem Urtheile unterbreiteten Verbrechens nicht außer Acht lassen. Das Gefühl oder menschlichen Solidarität verbindet uns auf gleiche Weise mit den Beschädigten wie mit den Schuldigen, und im Namen dieser menschlichen Solidarität erlaube ich mir, meine Herren Richter, die Bitte an Sie zu richten, die Sie mir gewiß nicht verweigern werden. Diese Bitte lautet: Seid barmherzig!" Amerika. Newyork, im Aug. Die russischen Flüchtlinge, die mit so großen Hoffnungen nach dem „Lande der Freiheit" gezogen, sind bereits amerikamüde geworden und sehnen sich nach ihrer alten Heimath zurück. Dieser Tage hielten sie imBattery Park eine Versammlung ab, in welcher sie eine an das Publikum zu erlassende Petition beriethen, die sofort 400 Unterschriften erhielt und worin die Bitte ausgesprochen wurde, man möge die nöthigen Mittel auftreiben, um sie nach Rußland wieder zurückzu-