Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1882)
- Date
- 1882-09-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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928 einmal daher rasche und entschiedene Aufklärung! Das Publikum hat das Recht, sie zu verlangen; der Minister hat die Pflicht, sie zu ertheilen. Pefth, 4. September. Ueber die Eingabe des Vertheidigers Karl Eötvös hat der Minister des Innern vorläufig wie folgt entschieden: Nachdem nicht ersichtlich ist, ob Eötvös als Bevollmächtigter des Vaters des Knaben Moritz Scharf gehandelt, weil der Eingabe nur die Vollmacht der Großmutter Sarah Feiermann beiliegt, sei der Präsident des Nyiregyhazaer Gerichtshofes zu ersuchen, den Untersuchungs-Häftling Joseph Scharf zu befragen, ob er wünsche, daß sein Sohn im hauptstädtischen Waisenhause untergebracht werde. England. London, 31. August. Ein interessantes Schauspiel gewährte am Montag Abend die Abreise einer Anzahl flüchtiger russischer Juden von der London Bridge Station der London und Brighton Eisenbahn mit dem kontinentalen Bahnzuge on route nach Syrien. Diese Auswanderer, etwa 100 an der Zahl, bilden die Pionier-Kolonie des jüngst unter dem Präsidium des Grafen Shaftesbury und der Lady Strangsord gegründeten syrischen Kolonisationsvereins. Den jüdischen Kolonisten wird bei ihrer Ankunft in Syrien Land angewiesen werden, welches aus den Mitteln des genannten Vereins für sie angekauft worden. Rußland. Batta, im August. Bei der Verhandlung über das Judenmassacre in Balta am 31. März d. I., welche vor dem Kreisgerichte von Balta stattfand, hielt Fürst Urussow ein Plaidoyer, welches wegen seiner Unparteilichkeit in den Annalen der forensischen Beredtsamkeit und wegen seiner gerechten Würdigung der Bedrängten auch in den Blättern der Kulturgeschichte einen dauernden Platz verdient. Deßhalb hat dieses Plaidoyer auch nachträglich noch einen Anspruch auf Wiedergabe; es lautete in der Hauptsache wie folgt: „Sehen wir uns zunächst den Ort an, wo das Verbrechen verübt wurde. Es geschah dies in der Eolonie Abasowka, die von jüdischen Ackerbauern bewohnt wird und in deren unmittelbarer Nähe sich das Dorf Korvtuje befindet. Wir sehen also hier jüdische und christliche Bevölkerung im besten Einvernehmen neben einander wohnen, und wird von sämmtlichen jüdischen und christlichen Zeugen ausgesagt, daß zwischen der Colonie und dem Dorfe die freundschaftlichsten Beziehungen bestanden hatten, so daß ein Ueberfall von Seite der freundschaftlich gesinnten Nachbarn unmöglich schien. Dies widerspricht selbstverständlich der landläufigen Phrase von einem eingewurzelten Hasse, der zwischen beiden Confessionen bestanden haben soll. Eine weitere als unumstößlich geltende Redensart ist folgende: „Die Juden bereichern sich, indem sie die Bauern aussaugen und sie zu Grunde richten." Hören wir nun, was die Zeugen über die Verhältnisse in Abasowka und Korvtuje aussagen. Sie berichten, daß die Bauern des Dorfes Korvtuje wohlhabende Leute seien, die sich mit Ackerbau, Fuhrwesen u. s. w. beschäftigen und von keiner Noth wissen. Dies sagt uns der Schulze Joseph El ent, ein Mann, der schon lange in der Eolonie wohnt. Er behauptet, es sei in diesem Dorfe noch nie zu einer Feilbietung wegen Steuerrückstände gekommen. Wenden wir unsere Blicke der Eolonie Abasowka zu, so tritt uns auch hier ein Widerspruch mit den bereits erwähnten Vorurtheilen entgegen. Wir haben immer gehört, daß die Juden für den Ackerbau nicht geeignet sind, und sehen auf einmal eine Eolonie, die von jüdischen Ackerbauern bewohnt wird. Die erste Regung einer solchen Erscheinung gegenüber wäre die der Freude. Wenn wir aber etwas tiefer blicken, ersehen wir zu unserer nicht geringen Ueberraschung, daß dies Ackerbauer ganz eigenthümlicher Art sind, nämlich Ackerbauer — ohne Acker. Vor zehn Jahren ungefähr im Jahre 1872, fand dort eine Landmessung statt, über welche uns die Zeugen kein Details geben können, die aber derart war, daß der ganze Poden dem Dorfe zuviel, während den jüdischen Colonisten- Ackerbauern nichts übrig blieb, als die Häuser und — die Luft. Bis zum Jahre 1881 war es ihnen überlassen, die Luft ungehindert einzuathmen; von da ab entstand aber die Frage, obste denn diese Luft nicht durch ihren Athem verpesteten . . . Wir sehen also, daß in der Zahl der Einwohner von Abasowka, die lauter Handwerker find, da man sich in der Noth irgendwie behelfen muß, es auch eine Persönlichkeit gibt, deren Züge uns sehr abstoßend erscheinen. Diese Persönlichkeit ist ein Dorfwucherer. Wir können uns nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß der getödtete Kuschmir kein schlechter Mensch gewesen sei; unsere Voreingenommenheit läßt ihn vielmehr als ein verderbenbringendes Individuum erscheinen. Fragen wir nun unparteiische Zeugen, Zeugen, die in der Nähe dieses Menschen wohnten, fragen wir einen Christen, einen ehrwürdigen Greis, den Awakum Sadkowsky, den langjährigen Nachbar Kuschmir's, was das eigentlich für ein Mensch war? Und, gefaßt auf die landläufige Antwort, daß Kuschmir ein Blutsauger gewesen, hören wir zu unserer größten Ueberraschung, daß er ein braver Mann gewesen. Wie? Ein Dorfwucherer und ein braver