Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1882)
- Date
- 1882-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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908 deres Engagement zu erhalten. Doch mochte er seine Mutter auf die Dauer nicht verlassen. Zu sehr war ihre Seele an die seine geknüpft, als daß sie eine längere Trennung von ihrem heißgeliebten Sohne hätte ertragen können. So entschloß sich denn Adolph, allerlei Maaren einzukaufen und als Hausirer auf das Land zu ziehen. Der feingebildete Mann, der einst Bankdrrektor hätte werden sollen und als solcher das Recht gehabt hätte, sich eine Equipage zu halten, zog, mit einem Knotenstock bewaffnet, einen Packen auf dem Rücken, in die vom Weltverkehre, den die Eisenbahn bringt, abwärts liegenden Dörfer, um einer Bauernfrau eine Schürze und einem Hirten ein Federmesser oder eine silberne Taschenuhr zu verkaufen! In den Augen der Welt ist der Erfolg in der Regel das Bestimmende, wonach dem Mitmenschen die Achtung zugemeffen wird. Der von Erfolg Begünstigte gilt meistens für klug und achtungswerth; der Mißerfolg zieht Hohn und Verachtung nach sich. Es waren nur Wenige, welche den edlen Charakter und die Energie Adolphs zu würdigen wußten. In den Augen der meisten Menschen erniedrigte ihn sein nicht sehr in Achtung stehendes Geschäft. Am lautesten gab Herr Comerzienrath Silberftein seiner Geringschätzung Ausdruck. Er ergriff jede Gelegenheit, um in spöttischem Tone von dem armen Hausirer zu reden, und jemehr Frau Lisette und Fräulein Helene den jungen Mann vertheidigten, destomehr suchte ihn der Herr Comerzienrath zu erniedrigen. Darüber gab es manche heftige Scene. Eines Tages stellte Herr Silberstein seiner Frau und seiner Tochter einen jungen Mann aus H. vor, der eigens gekommen war, um die Familie Silberstein kennen zu lernen. Herr Ernst Goldmann war ein junger, schöner Mann von feinen Manieren, witzig und geistreich in der Unterhaltung. Schon nach seinem ersten Besuche hatte er des Herrn Comerzienraths ganzes Herz gewonnen. „Seht," sagte er zu seinen Damen, „das ist ein junger Mann eomme il taut, und kein armer Hausirer. Ha, ha, ha, ha! Der junge Mann ist wenigstens eine halbe Million werth. Sein Vater, ein zwiefacher Millionär, hat nur vier Kinder, macht auf jedes Kind eine halbe Million. Er ist der Besitzer eines großen Exportgeschäfts und hat mindestens zehn bis zwölf Schiffe auf der See zwischen H. und Spanisch-Westindien." Frau Lisette und ihre Tochter merkten aus diesem Lobliede sofort, worauf es abgesehen war. Beim wiederholten Besuche des Herrn Goldmann waren sie kalt und zurückhaltend gegen ihn. Schon waren vierzehn Tagen vergangen und Herr Goldmann konnte sich immer noch nicht rühmen, in der Gunst Helenens große Fortschritte gemacht zu haben. Herrn Silberstein währte die Zeit zu lang; er drang ernstlich in seine Frau, die Werbung Goldmanns zu begünstigen. „Aber lieber Mann," sagte Frau Lisette, „wie kannst Du nur daran denken, Dein Kind einem solchen Mann geben zu wollen. Hat er uns doch selbst erzählt, daß er im „Schwarzen Bären" an der tadle ä'llote speist." „„Nun,"" sagte Herr Silberstein, „„das ist doch kein Ehehinderniß!"" „Aber, lieber Mann, was würdest Du zim! Lohne nehmen, wenn man von Dir verlangen würde, Du solltest verbotene Speisen essen?" „„Ja, ich — das ist ganz was Anders! Ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts gegessen, was verboten ist. Ich bin's von Jugend auf so! gewöhnt. Aber die heutige Jugend, die ist ander-1 gewöhnt. Suche Du Dir einen reichen und vor-I nehmen Schwiegersohn, der die Ceremonialgesml noch hält!"" | „Es gibt, Gott sei Dank, noch viele junge Leute, I welche die Gesetze unseres Gottes beobachten." I „ „Ha, ha, ha! Arme Hausirer und derartig!! Leute! Nicht wahr, der Hausirer steckt Dir noch! immer im Kopfe, Dir und Deiner Tochter. Aber,! ich sage Dir, Herr Ernst Goldmann wird mml Schwiegersohn und kein Anderer."" I „Und ich sage Dir, niemals wird Helene ein-I willigen, die Frau eines solchen Goj Gomur « werden." I „ „Goj Gomur hin, Goj Gomur her, er ifl eine halbe Million reich, ein schöner, liebenswürdig,> junger Mann, und Theilhaber einer der ersten FirM» seiner Vaterstadt, Helene muß ihn nehmen!"" I „Siehe zu, wie Du sie zwingst. Ich versa» meine Beihilfe." I „„So werde ich es allein fertig bringen!"" I Das war aber leichter gesagt als gethan» Helene weigerte sich entschieden, dem Vater zu WillcM zu sein. Es gab harte Kämpfe, viel Scheltwort» von Seiten des Vaters, viel Thränen und Bitte» von Seiten der Mutter und der Tochter, und an» Ende war der Sieg nicht aus Seiten des HewW Comerzienraths. Ernst Goldmann mußte unver» richteter Sache abreisen. (Fortsetzung folgt.) ■ Hierzit drei Stellagen. Lerannoorrliche Nedact>on: Dt. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des .Israelit' große Blei-Le 45. j. EoNSleben'S Buchdruckern (Mainzer Anreiger^.