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Der Israelit · 1882-09-07 · Heft 36 (7.9.1882) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 36 (7.9.1882)
Date
1882-09-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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907 Die ganze Welt war von dem allergrößten Vertrauen beseelt, zumal sich unter den Verwaltungsräthen stets Männer der vornehmsten Aristokratie befattkn. Da unternahm es der Abgeordnete Dr. Eduard Laster, das Schwindelhafte vieler dieser Unternehmungen offen darzulegen und dabei der Träger vornehmer Namen nicht zu schonen. Ein anderer Abgeordneter, Dr. Ludwig Bamberger, wies an der Hand der Geschichte nach, daß die Speculation bald am Ende angekommen sei, und daß ihr nolzes Gebäude demnächst Zusammenstürzen müsse. Die Börse wurde zwar einen Augenblick lang ein wenig stutzig; allein die Sturmfluth ging noch zu doch und riß jedes vernünftige Bedenken und Ueberlegen hinweg. Im Mai sollte die große Wiener Weltausstellung eröffnet werden und Zeugniß ablegen von dem friedlichen Wetteifer der Nationen und von der niegeahnten Vlütbe, zn der sich Kunst und Industrie in allen Welttheilen entwickelt hatten. Aus den entferntesten Ländern schickten die Nationen die Producte ihres Fleißes und die Schätze ihrer Kunst nach Wien, ans Japan und China, aus Indien und Aegnpten, ans Norduub Südamerika, aus Rußland und Schweden, ans Spanien und Portugal, aus der Türkei und Griechenland, aus Italien und Frankreich, ans England und Holland, aus der Schweiz und Dänemark; am Meisten und Besten waren natürlich Deutschland und Oesterreich ver- [iretcn. Eine neue Periode des Welthandels und p>er Welt-Industrie schien angebrochen zu sein. Am nj. Mai wurde die Ausstellung unter großartigen Feierlichkeiten und mit pomphaften Reden eröffnet, kln demselben Tage sing es an an der Wiener Börse |u krachen. Wie ein Haus, dem der Einsturz droht, In erzittern und zu wanken beginnt, so geschah es |er Specnlation. In Wien erfolgte zuerst der große Mrach. Alle die schwindelhaften Unternehmungen Würzten zusammen und ihre Actien wurden werth- Leute, die noch vor wenigen Tagen sich im kesitze von Hnnderttausenden geglaubt hatten, wur- »cn vlötzlich zu Bettlern. Und es krachte fort. Aus Me Fluth folgte eine schreckliche Ebbe. Alle Unter- Mhmungen stockten. Tausende von Arbeitern wurden brodlos. Die große Vertrauensseligkeit der Mgst vergangenen Jahre schlug in ein Mißtrauen «ne gleichen um. Die neuen Millionäre verschwan- MN'.wie sie gekommen waren; aber auch viele alt- Mvährte Häuser wurden mit in das Verderben ge- Wen. Die meisten neuen Bankinstitute mußten liqui- »ren und ihr Personal entlassen. Verheerend zog tmanzielle Krankheit von Stadt zu Stadt, von Wnd zu Land. Auch das Institut, an welchem Wolph Marbach eine Anstellung gefunden hatte. mußte aufhören zu existiren, und der Buchhalter verlor seine Stelle. Aus dem allgemeinen Schiffbruche hatte der Comerzienrath Abraham Silberstein sein großes Vermögen gerettet; er hatte gleich nach den Reden Lasker's und Bamberger's vorsichtig alle seine Verpflichtungen gelöst und sämmtliche Äctien, welche sich in seinem Besitze befanden, verkauft. Während der Schwindelperiode hatte er sein Vermögen fast verdoppelt, und als der große Börsenkrach eintrat, war bereits Alles von ihm in Sicherheit gebracht worden. Sein altes Glück war ihm treu geblieben. Dadurch war aber auch sein Selbstbewußtsein bis ins Unendliche gewachsen; er hielt sich für einen der geschicktesten und tüchtigsten Männer der Welt. „Siehst Du," sagte er zu seiner Frau, „wer Recht batte? Der Esel, der Marbach, hat jetzt auch seine kleine Stelle verloren. Der dumme Mensch wird es nie zu etwas bringen. Jetzt kann er mit seiner Mutter betteln gehen. Geld hat er nicht, und eine andere Stelle wird er sobald nicht finden. Tausende von Commis sind stellenlos. Tausende, die sich den Verhältnissen gerne fügen und auch am Sabbat arbeiten würden. Wie soll er mit seinen veralteten Anschauungen eine andere Stelle bekommen?" „„Aber lieber Mann, Du hältst ja auch den Sabbat!"" „Pah, ich kann mir diesen Luxus schon gestatten. Willst Du mich vergleichen mit dem Habenichts?" „„Sollten denn nur die reichen Leute am siebenten Tage ruhen? Ich meine den Armen, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brod verdienen, sei der Tag der Ruhe noch notwendiger." " „So mag er sich am Sonntag ausruhen." „„Er ist doch aber Jude, und die Feier des Sabbats ist uns auf's Strengste geboten."" „Jude hin, Jude her, was nicht geht, das geht nicht! Doch was zerbrechen wir uns wegen des Menschen den Kopf! Er geht uns ja gar nichts an, hörst Du, gar nichts." Frau Lisette schwieg. In der That durfte sie sich unter diesen Umständen nicht der Hoffnung hingeben , ihren Gatten zu einer t Verbindung ihrer Tochter mit einem stellenlosen Commis zu bestimmen; sie tröstete sich mit dem Gedanken, daß Helene noch jung sei, und daß sich die Verhältnisse Adolphs ja bald wieder besser gestalten könnten. Adolph war in der That in einer bedauernswerten Lage. Bei seiner anerkannten Tüchtigkeit hätte er trotz der vielen Stellensuchenden dennoch leichtlich einen andern Platz finden können, wenn er seinen religiösen Grundsätzen hätte untreu werden wollen. Ihm kam jedoch ein solcher Gedanke gar nicht in den Sinn. Auch »im Auslande, in Holland oder Enaland, wäre es ihm leicht geworden, ein an-

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