Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1882)
- Date
- 1882-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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904 beseelte sie der Gedanke, für das bedrohte Vaterland einzutreten. Die jüdischen Einwohner Deutschlandsbetrugen i. Jahre 1870 etwa 400,000 Seelen, also 1% der Bewohner Deutschlands. Mag nun Herr Stöcker bei Metz keine Juden gesehen haben wollen, so wird unser Nachweis ergeben, daß der Antheil, den die jüdischen Deutschen an dem Krieg 1870/71 genommen haben, ein voller und Zweifelloser gewesen ist. Wir schließen mit dem Wunsche, daß unserm Vaterlande ein dauernder Friede beschieden sein, der Geist der Gerechtigkeit erstarken und der Geist des Friedens und der Toleranz unter den verschiedenen onfessionen allein herrschen möge; das Vertrauen auf die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechts kann selbst ein Hofprediger nicht erschüttern. (Fürther Tagblatt). Wiesbaden, 28. Aug. Die „Raff. Volksztg." berichtet: In den letzten Tagen brachten die hiesigen Blätter eine anonyme Einladung an „christliche" Handwerker zu einer Versammlung für gestern Abend im Saalbau Lendle und nur die ultramontane „Nassovia" war ehrlich genug, den Zusatz beizufügen: „Juden und Advokaten sind ausgeschlossen," damit den Zweck und die Art der „Berathung" verrathend. Die Herren Hauptarrangeure, die freilich nur hinter den Coulissen agiren, werden nun zu dem Ergebniß ihrer Arbeit — ein saures Gesicht machen, wenn sie den tiefgefühltesten Dank der — Socialdemokraten in Empfang nehmen; denn diese hatten die Gelegenheit benutzt, einmal wieder beinahe „unter sich" eine Versammlung abzuhalten und den „christlichen" Reformatoren die Thüre zu weisen. Als Einberufer und Vortragender entpuppte sich der bekannte conservative Agitator Schuhmacher Kaiser, dem schnöder Weise die sehr zahlreich besuchte Versammlung einen socialdemokratischen Namensvetter, den Herrn Schneider Kaiser als Vorsitzenden vorzog, ebenso wurde das Schriftführeramt mit dem Socialdemokralen Herrn Schreiner Bopp besetzt. Nach einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden erhielt dann der durch seine amerikanische Reise berühmt gewordene christlich-sociale Schuhmacher Kaiser zum Referate über die Tagesordnung das Wort und entwickelte im Sinne Stöcker-Ruppel-Henrici in einer wirklich unqualifizirbaren Ausdrucksweise seinen Standpunkt und den seiner Auftraggeber, um Anhänger für den Antisemitismus zu gewinnen, was aber, wie sich Herr Kaiser überzeugen konnte, keinen Anklang, noch weniger aber Anhänger fand. Wir wünschen nur allen derartigen Geistern einen so gründlichen „Reinfall," wie er gestern Abend dem christlich-socialen Apostel Kaiser zu Theil wurde und die ganze Antisemiten-Misöre wäre bald beseitigt. Die Versammlung schloß mit Annahme folgender Resolution: „Da uns durch Gesetz nicht gestattet ist, die hier in Frage kommenden Punkte der Tagesordnung von unserem (socialdemokratischen) Standpunkte aus zu discutiren, so sehen wir von einer weiteren Behandlung derselben ab." Oberdorf, 19. August. Letzten Mittwoch, tcnn »em '3, beging der in diesen Blättern schon öfter genannte Herr L. Hei mann von hier das Fest der goldenen Hochzeit. Das Jubelpaar hat die seltene rrm, seine sieben Kinder sehr gut im engeren Vaterlande versorgt zu sehen und besitzt bereits 28 Enkel und eine Urenkelin; von den ersteren hielt einer einen gelungenen Vortrag in Versen, der die Jugendbegebenheiten des Jubilars zum Gegenstand hatte. Eine synagogale Feier fand nicht statt, aber bei Tische hielten sowohl der Rabbiner und Lehrer als auch der Jubilar selbst geeignete Vorträge; letzterer sprach ausführlich über alle Verhältnisse seiner Jugend im Vergleich zur Jetztzeit. Außer vielen Gratulationen, sowohl per Telegraph als auch per Post, gingen verschiedene Widmungen ein, darunter besonders bemerkenswerth die von zwei christlichen Mitbürgern, und Abends brachte der christliche Gesangverein dem Jubelpaar eine Serenade. Der Gefeierte ist Senior der o'a/'n man, der er 50 Jahre angehört und deren 100jährige Stiftungsfeier letzten nrun bei einem seiner Söhne ab gehalten wurde. Dresden. Der bevorstehende Antisemiten- Eongreß in Dresden macht in den letzten Tagen viel von sich reden, bedeutend mehr, als die ganze Farce eigentlich verdient. Der von der „Kreuzzeitung" und den Berliner „Politischen Nachr." ausgestreckte Fühler hat seine Wirkung gethan; die Dresdener- Regierung hat ihren Standpunkt zu der Sache dargelegt — sie steht dem Congreß weder sympathisch noch antipathisch gegenüber, die Herren Antisemiten werden unbehindert und ohne „scharfe Bewachung" ihre Resolutionen discutiren und annehmen können. Interessant an der ganzen jetzigen Erörterung ist eigentlich nur die unbestreitbare Thatsache, daß Hr. Stöcker nicht mehr Herr der Bewegung ist und wie bei allen derartigen demagogischen Agitationen längst von den radicalen Elementen überboten und verdrängt wurde. Daß man selbst in den Herrn Stöcker kirchlich am nächsten stehenden Greife von der Agitation nichts wissen will, war bekannt und neuerdings hat der Hof- und Domprediger Dr. Kögel abermals Gelegenheit genommen, sich gegen die Antisemiterei auszusprechen und die Candidaten des Domstiftes vor einer Betheiligung daran zu warnen.