Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1882)
- Date
- 1882-08-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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863 durch einige Tage. Der dänische Generalkonsul Dumreicher rettete mit Ausopferung 150 Personen. Der Richter Osman Bey Orphi trat den Meuterern, welche gegen 100 Juden verfolgten, mit seiner Autorität entgegen und es gelang ihm, die Verfolgten in die Synagoge zu bringen, wo er auf eigene Kosten Lebensmittel unter sie vertheilte. Ein junger Grieche brachte, als Araber verkleidet, seine Mutter mit fünf Geschwistern in die sicheren Mauern eines Klosters. Ein alter arabischer Boab (Hausbesorger) am Kirchenvlatzc sperrte das Thor und als die Menge herandrängte, schwur er bei Allein, was ihm heilig ist, daß kein Nusserani im Hause sei. Der tobende Volkshause zog ab und die christlichen Insassen des Hauses waren gerettet. Cairo. Herr Jomtob Israel, Oberrabbiner in Cairo, ist bei seiner Gemeinde sehr beliebt, er ist der Vater der Armen, Gründer und Ehrenpräsident der meisten Wohlthätigkeitsanstalten; es ist ihm gelungen , nicht allein die Sympathien der Juden, sondern auch die der Gouverneure und der arabischen Scheiks sich zu erwerben. Bei einer jüngst sich darbietenden Gelegenheit versprach Arabi Pascha dem Oberrabbiner, er werde die Juden, seine Brüder, komme, was da wolle, selbst auf die Gefahr seines Lebens vertheidigen. Als die armen polnischen Juden in Cairo sich an ihn-wandten und ihm erklärten, daß ihre Mittel ihnen nicht gestatteten, das Land zu verlassen, händigte er ihnen 780 Frs. ein und versah sie mit Nahrungsmitteln. Er fügte hinzu, daß er dies aus Hochachtung vor dem Oberrabbiner thue, der treulich auf seinem Posten geblieben und für seine Gemeinde gesorgt habe. (Jew. Ehr.) Feuilleton. Löb Munitz. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem e r st e n D r i t 1 e l des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) Munitz hatte als Sträfling Wunderbares geleistet, es klingt unglaublich, er hat in neun Jahren außer Peßach*) keinen warmen Bissen gegessen, sich bloß von Brod und Früchten ernährt; Peßach war es ihm gegen Erlag einer großen Summe an die 1) Passafest, wo den Juden der Genuß des gesäuerten Vrodes untersagt ist. Stadtarmen gestattet worden, daß ihn Feisch Jchenhausen durch acht Tage mit Kost versorgen dürfe. Die Sträflinge im Zuchthause wurden zu schwerer Arbeit angehalten. Munitz hatte es durch immense Geldopfer, durch Bestechung, welche Jchenhausen dem Gefängnißdirektor brachte, möglich gemacht, daß er nie Schabbos durch Arbeit entweihte. Er schrieb einmal aus seinem Kerker einige Zeilen an seinen Schwager, dieser hat die wunderbar schönen Worte aufbewahrt, und ich" — unwillkürlich erhob sich Rabbi Jakob selbstbewußt zu seiner vollen Mannshöhe - „ich Rabbi Jakow Cohen, Oberrabbiner von Frankfurt, habe diese vergilbten Zeilen ehrerbietig an meine Lippen geführt!" „Wie lauteten diese schönen Worte?" frug Josef Oppenheim. „Ich bin beesras haschem glücklich, der Glaube an Gott hält meine Seele aufrecht; ich erkenne, daß all' die Leiden und all die Schmerzen, die Gott der Allherr in seiner unerforschlichen Weisheit über mich gesandt, nur Jessurim schel ahawoh") sind; denn, wenn auch mit großen Opfern, unter furchtbaren Entbehrungen, die meinen Körper zerstören, aber meine Seele läutern, ist es mir durch Gottes Gnade doch noch immer gelungen, alle Mizwos^) zu erfüllen, nicht eine zu übertreten, und das ist ein deutlicher Fingerzeig von Gottes unerschöpflicher Huld, denn ein großer Lehrer sagt es ja ausdrücklich: Elu heu jeßurin schel ahawo kol sche-en bohen bitul Thoro!"Z „Unter bitnl Thoro," meinte Josef Oppenheim schüchtern, „wird in der Regel Verhinderung am Studium der Gotteslehre, nicht das Verhindern an der Ausübung der religiösen Pflicht verstanden." „Gawre rabbi omar milse!"5) rief David Oppenheim : „Mein Sohn! wenn der Frankfurter Rabbiner die Talmudstelle in diesem Sinne auffaßt, kannst Du Dich dabei vollkommen beruhigen." „Euer Sohn hat eigentlich recht," meinte Rabbi Jakow mit seinem mildesten Lächeln, „gewöhnlich wird die Stelle so ausgelegt, wie er gesagt, aber eine Deutung steht mit der andern nicht geradezu im Widerspruche; ich würde mich aber zu der weitergehenden, mehr einschließenden Hinneigen; denn auch dem unwissenden, religiösen Manne, dem es nicht möglich ist, sich mit dem Studium der Thoro zu befassen, können ja auch jeßurim schel ahawo zugedacht, und sollten ihm als solche erkennbar sein; .... übrigens muß ich bemerken, daß Reb Löb Munitz 2) Leiden, Züchtigungen der Liebe. :j, Gesetze, religiöse Verpflichtungen. 4) Dieses sind Züchtigungen ans Liebe: bei denen das Gesetz nicht ausgehoben wird.' 5) Ein großer Mann hat dieses Wort gesprochen! (Derachoth 19 b. u. a. v. a. D.)