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Der Israelit · 1882-08-23 · Heft 34 (23.8.1882) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 34 (23.8.1882)
Date
1882-08-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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864 sich auch im Kerker, soweit es ihm eben möglich war, ' mit Talmud Thoro beschäftigte, er hatte früher in > Prag, später in Frankfurt seine in der Jünglingszeit auf der Jeschiwo erworbenen, talmudifchen Kenntnisse ergänzt und vervollständigt; bei seinem starken! Gedächtnisse war ihm der Hauptinhalt mancher > Traktate geläufig, und es verging, wie er versicherte, kein Tag, an dem er nicht über religiös-wissenschaftliche Materien nachdachte, diese in seinen Gedanken erörterte." „Wie lange hatte er die Kerkerhaft zu erdulden?" srug der Primator, „und in welcher Weise wurde seine Unschuld entdeckt?" „Neun Jahre lang schmachtete er in schwerer Haft, und seine Schuldlosigkeit kam in merkwürdigster Weise ans Tageslicht. — Man hatte in Ansbach an die Schmuckgeschichte, die ihrer Zeit viel Aufsehen erregt hatte, schon längst vergessen, der Markgraf war schon zwei Jahre mit seiner Gemahlin Christiane Charlotte von Württemberg vermählt, und diese hatte ihn schon mit dem Erbprinzen Wilhelm Friedrich beschenkt, die Markgräfin hatte als Verlobte ein anderes kostbares Geschenk erhalten, und der imitirte Schmuck lag vergessen und unbeachtet in der markgräflichen Schatzkammer, als der Secretär de Clevere und seine angebliche Schwester in ihrem grenzenlosen Uebermuthe und ihrer Anmaßung so weit gingen, die regierende Markgräsin zu verletzen, zu beleidigen. Hätte es sich nur um ihr eigenes Wohl allein gehandelt, hätte die edle Fürstin vielleicht, um sich den Rest des Hausfriedens äußerlich zu erhalten, noch ferner schweigend gelitten; aber es handelte sich auch um das Wohl des ganzen kleinen Ländchens, um die Zukunft ihres geliebten Sohnes. Der Günstling des Fürsten, von seiner angeblichen Schwester hierin kräftigst unterstützt, glaubte jetzt seine lang gehegte ehrgeizige Absicht, Minister zu werden, durchzuführen. Der leichtsinnige Markgraf wäre nicht abgeneigt gewesen, auch diesen Wunsch seines Secretärs zu erfüllen, den anmaßem den, fremden Abenteuerer zum ersten Manne im Lande zu machen; aber dagegen erhoben die Stände Einsprache und wandten sich in einem Memorial um Schutz und Unterstützung an die Markgräfin, und die Deputation, welche dasselbe überreichte, sprach es offen aus, daß wenn ihrem billigen Begehren nicht entsprochen würde, sie ihr Recht weiter suchen, sich an den deutschen Kaiser wenden würden, der Bestand der Dynastie gefährdet sei! — Die Markgräfin stellte sich nun an die Spitze der Bewegung, sie übergab! ihrem Gemahle eine Reihe von Anklagen, welche | dem Secretär nicht nur Malversationen, sondern > auch Landesverrath vorwarfen. Es wurde besonders > behauptet, daß er von fremden Höfen bestochen, diesen! die Geheimnisse seines Gebieters verkaufe.! Der Markgraf ließ zu einer Zeit, wo sich der falsche Günstling im Vollbesitze seines Vertrauens ganz sicher fühlte, eine Hausuntersuchung bei ihm vornehmen, welche seine volle Schuld ergab. Man fand in einem schwer auffindbaren Verstecke, ihn in hohem Grave compromittirenden Schriften und unter Anderem auch den k o stb a r e n Schmuck, für welchen er dem Markgrafen den imitirten übergeben hatte; — nun war Munitz Unschuld klar, zweifellos erwiesen und er wurde sofort in Freiheit gesetzt. — Der Markgraf hatte ihn zu sich befehlen lassen, ohne Zweifel wollte er sich entschuldigen, ihm wohl irgend eine Satisfaction für die erlittene Unbill anbieten; aber Prager-Munitz entzog sich durch eine rasche fluchtartige Abreise jeder Begegnung mit dem Markgrafen." „Wo reiste er zunächst hin?" frug der Primator. „Er ging, von seinem treuen Diener Feisch begleitet, zunächst in seine zweite Heimath nach Frankfurt. — Dort erklärte Munitz seinem Schwager, er habe sich entschlossen, sein Leben — so weit dies mit der Erfüllung seiner religiösen Pflichten vereinbar — in voller Abgeschiedenheit von seinen Glaubensgenossen, ungekannt und unbeachtet, zu beschließen; sein Herz zöge ihn nach Prag, wo er einen Sohn habe und das Grab seiner trefflichen Gattin läge. — So lange sich Munitz im Kerker befunden, sein Name ein geschändeter gewesen, hatte die Familie im Einverständnisse mit 4hm, dem kleinen, urtheilsunfähigen Knaben Benjamin, den man in besten Händen wußte, über ftine Eltern und Familie in tiefem Dunkel gehalten, jetzt aber, meinte Efrajim Kannstadt, fei es an der Zeit, den neunjährigen Knaben über seine Verhältnisse aufzuklären. Zu seiner großen Verwunderung war Munitz bei diesen Worten in große Aufregung gerathen, und hatte ihn mit dem höchsten Eide beschworen, dies zu unterlassen. Er wolle auch in Prag von Jedermann, auch von seinem Sohne unerkannt bleiben; er — Kannstadt nämlich — dürfe Niemandem seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort verrathen, er werde den Namen „Prager," den er in Frankfurt getragen, unter dem er aber in seiner Vaterstadt, der er auch sonst entfremdet, unbekannt sei, ablegen und sich wie früher Munitz nennen. Kannstadt bat ihn dringend, von seinem thörichten, unnatürlich erscheinenden Vorhaben abzustehen, mindestens einen vernünftigen Grund für dieses ungewöhnliche Behaben anzugeben, aber Munitz ward verlegen und schwieg. Kannstadt wandte sich an Feisch Jchenhausen, es schien jenem, daß dieser Aufschluß geben könne, aber auch er blieb stumm wie das Grab. — Kannstadt war geneigt, diesen Zustand seines Schwagers einer Geistesstörung zuzuschreiben, die unter diesen

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