Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1882)
- Date
- 1882-08-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447931--19023-2475086- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
859 gefährliche Erkrankung, ein Nervenfieber oder eine Lähmung eintretcn! Das liebevolle Mutterherz verzehrte sich in Angst. Endlich kam der Arzt, aber er vermochte noch keine bestimmte Auskunft zu geben. Er begnügte sich, ein schweißtreibendes Mittel zu verschreiben und versprach, gegen Abend wiederzukommen. Nachmittags kam Herr Comerzienrath Silberstein, um seinen Dank abzustatten; er wurde nicht vorgelassen. Als gegen Abend der Arzt seinen Besuch wiederholte, fand er den Zustand des Patienten sehr bedenklich. Der Puls ging sehr rasch, und der Kranke phantasirle. Er meinte noch immer mit den Wellen zu kämpfen, sah das weiße Gewand schimmeln und suchte es zu erhaschen. Der Arzt schüttelte das Haupt. „Liebe Frau Marbach," sagte er, „wir können jent weiter nichts thun als abwarten. Wenn die schweißtreibenden Mittel, die ich gegeben, rechtzeitig zu wirken anfaugen, so wird Ihr Herr Sohn in wenigen Tagen wieder gesund sein; wenn nicht, so ist eine schwere Krankheit im Anzuge. Lassen Sie einen Wärter kommen, der die Nacht bei ihm zubringe und dafür sorge, das; er sich nicht aufdecke." „„Nein,"" sagte Josephine, „„ich werde bei ihm wachen, und keinen Augenblick mich von seinem Bette entfernen."" Der Doctor verabschiedete sich, und Josephine saß allein am Krankenlager ihres Sohnes, von den iranrigsten Vorstellungen bekümmert. Das Einzige, was ihr aus dem Schiffbruche ihres Lebens geblieben, ihr heißgeliebter Sohn, den sie unter tausend Kümmernissen und Sorgen erzogen, ihr Stolz, die Freude und die Hoffnung 'ihres Herzens, sollte ihr entrissen werden! Tbränen entflossen ihren Augen. „Gott, mein Gott," sprach sie vor sich hin, „warum strafst Du mich so hart? Mein ganzes Leben war nichts als eine Kette von Leiden. Früh verlor ich die geliebten Eltern und fand für sie nur geringen Ersah in meiner wenig glücklichen Ehe; mich diese wurde zerschnitten in einer gräßlichen Weise! Statt Reichthum ward bittere Armuth mein Loos. Das Einzige, was mir geblieben, ist mein geliebter, hoffnungsvoller Sohn; wenn Du auch ihn mir nimmst, so mag auch ich nicht mehr leben. Barmherziger Gott, laß ihn gesunden und mich statt seiner sterben. Aber lästere ich nicht, wenn ich so spreche? Wie kann und darf ich mich vermessen, zum allweisen Gott zu sagen: Was thust Du? Und thue ich nicht Unrecht, mich über mein verfehltes Leben zu beklagen? Sind mir nicht die reinsten Mutterfreuden in reicher Fülle zu Theil geworden? Was sind alle Freuden der Welt im Vergleiche mit dem beglückenden Bewußtsein, einen solchen Sohn zu besitzen? Und selbst, wenn ich ihn verlieren sollte, ist noch der Gedanke tröstend und erhebend, die Mutter eines Sohnes gewesen zu sein, der geschmückt mit den besten und schönsten Tugenden, den Tod sich holte, indem er einem Mitmenschen das Leben rettete! Nein, ich will nicht verzweifeln, ich will nicht undankbar sein gegen meinen Vater im Himmel. Herr, mein Gott, Dein Wille geschehe!" Während Josephine so zu sich selber sprach, war der Kranke eingeschlummert, und mit Entzücken bemerkte die Mutter, daß Schweißtropfen sich auf seiner Stirne zeigten. Sorgsam trocknete sie ihm die Stirne und küßte das Tuch, welches die ersten Vorzeichen der Genesung aufgesogen hatte. Am andern Morgen erwachte Adolph nach langem und tiefem Schlafe gekräftigt und gestärkt. Er wollte gleich aufstehen und nur mit Mühe konnte ihn die sorgsame Mutter im Bette zurückhalten, bis der Arzt seinen Besuch gemacht und die Erlaubniß zum Verlassen desselben ertheilt hatte. Dieser kam bald und bestätigte, daß der Patient sich außer aller Gefahr befinde. Schon am andern Tage durfte sich Adolph wiederum auf das Bureau der Bank, bei welcher er angestellt war, begeben. Während der Mittagspause 'machte er einen Besuch bei Comerzienrath Silberstein, um sich nach dein Befinden der von ihm Geretteten zu erkundigen. Hier wurde er mit hellem Jubel empfangen. Herr und Frau Silberstein überhäuften ihn mit heißen Dankesworten, zu denen der Herr Comerzienrath noch überschwängliche Lobeserhebungen hinzufügte. Alle Superlative der deutschen und französischen Sprache mußten herhalten, um den Muth, die Geistesgegenwart, den Edelsinn, die Gewandtheit und die Bescheidenheit des jungen Mannes zu preisen. Die übersprudelnde Beredtsamkeit des Vaters kam Helenen zu statten, die in ihrer Erregung kaum eines'Wortes mächtig war und tieferröthend, nur wenige unverständliche Laute hervorgebracht. Helene war ein liebliches Mädchen, noch nicht 17 Jahre alt; sie glich ihrer Mutter, einer schönen, stattlichen Frau, wie die Knospe der voll aufgeblühten Rose. Von ihrem Vater hatte sie gar nichts, nicht einen Zug. Herr Comerzienrath Silberstein hatte für die meisten Menschen wenig Sympathisches in seinem Wesen. Er war einer von den Emporkömmlingen, von denen die Menschen behaupten, daß sie mehr Glück als Verstand haben. Bis zum Kriege von 1870 fiatte er mit nicht gerade sehr glänzendem Erfolge einen Hopfenhandel betrieben. Im Jahre 1871 hatte ihn ein Bekannter aus dem Elsaß darauf aufmerksam gemacht, daß der Ertrag der Ernte in den neuen deutschen Reichslanden eine sehr ergiebige sei und daß die Producenten mit dem Absätze unter den veränderten Verhältnissen noch nicht recht vertraut seien. Diesen Wink hatte Silberstein benutzt und den größten Theil der in den neuen deutschen Provinzen ge-