Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1882)
- Date
- 1882-08-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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83b in den Wellen des Stromes verschwinden. Entsetzen bemächtigte sich der ganzen Gesellschaft; Alles war starr vor Schrecken. Nur Adolph verlor die Geistesgegenwart nicht. Sorgsam erspähte er eine minder steile Stelle und kletterte mit Lebensgefahr, sich an Büschen und vorhängenden Steinen haltend, den Abhang hinunter. Fast gleichzeitig kam er mit der verunglückten Reiterin in der Tiefe an, aber nicht früh genug, um den Sturz des jungen Mädchens in das Wasser zu verhindern. Rasch entschlossen entledigte er sich seines Rockes und seiner Stiefel und stürzte sich in die Fluthen, von denen das junge Mädchen hinweggerissen wurde. Adolph war ein vorzüglicher Schwimmer. Mit starken Armen kämpfte er gegen die Gewalt des Stromes; in dem klaren Wässer sah er das weiße Gewand schimmern und hatte es bald ersaßt; jetzt aber begann erst die größte Schwierigkeit; zwar war die Last nicht schwer, aber er konnte nunmehr doch nur mit einem Arme die Fluth durchtheilen. So mußte er noch eine kleine Strecke stromabwärts schwimmen, bis er das Ufer erreichen und die leblose junge Dame auf dem grünen Grase zu betten vermochte. Unterdeß waren auch Andere, von den Maulthiertreibern geführt, den Berg hinuntergeeilt. Allen voran die Mutter der jungen Dame, die sich nunmehr vor Angst und Schrecken über die leblos Daliegende beugte. „Meine süße Helene!" schrie die Frau. „Wehe, sie ist tobt!" „Nein," ries eine andere ältere Dame herzutretend, „sie ist nicht todt. Lassen Sie mich heran, Frau Comerzienräthin. Fräulein Silberstein ist nur bewußtlos. Es müssen Belebungsversuche angestellt werden. Lassen Sie mich machen; ich bin in derlei Dingen erfahren. Ich bitte die Herren, sich zu entfernen." Die Herren entfernten sich; zu ihnen gesellte sich der wohlbeleibte Comerzienrath Silberstein, der nicht, wie seine Frau den Abhang hinunter hatte klettern können, sondern den weiten Umweg hatte machen müssen, indem er auf dem Pfade zurückgegangen war, den er vorher so mühsam erstiegen. „Was macht mein Kind?" rief er den Herren entgegen. „Lebt meine Tochter noch?" „Sie lebt," antwortete einer der Herren, „aber sie ist bewußtlos; Frau Silberg ist damit beschäftigt, sie ins Leben zurückzurufen. Wir sind sortgeschickt worden. Bleiben Sie bei uns, Herr Comerzienrath bis uns der Zutritt wieder gestattet wird." Unterdeß hatte die energische Frau Silberg große Anstrengungen gemacht, das entfliehende Leben der r u nglückten Dame zurückzurufen. Die Mutter Helenens stand dabei, während die Freundinnen sich mit ihrer Tochter beschäftigten. Angst und Schrecken machten es ihr unmöglich, sich beim Rettungswerkc zu betheiligen. Mit furchtbarer Spannung hing ihr Blick an dem leblosen Antlitze ihrer Tochter. ^Da, welche Wonne, Helenens Augen öffneten sich! Sie war wieder zum' Leben erwacht. Erstaunt blickte das junge Mädchen umher. „Wo bin ich?" fragte sie mit schwacher Stimme. Da stürzte die Mutter auf sie zu, umschlang sie mit ihren Armen und weinte laut. Nach kurzer Zeit hatte sich Helene soweit erholt. daß sie in das nächste Dorf wandern konnte, um trockne Kleider anzulegen. Sie hatte nur unbedeutende Lerletznngen davon getragen, Schürfungen der Haut, die nach dem Auss'vruche der sachkundigen Frau Silberg „durchaus nichts zu sagen hatten." Jetzt stürzte auch der Vater herbei, um sich der vom Tode erretteten Tochter zu erfreuen. Die jungen Männer erboten sich, Helene bis in das nächste Dorf zu tragen. Diese lehnte es dankend ab; sie fühle sich, sägte sie, kräftig genug, den kurzen Weg zu Fuß znrückzulegen. „Doch wem von den Herren." fragte sie, „habe ich für die Rettung meines Lebens zu danken?" Die Herren schauten sich um; Adolph Marbach war nicht mehr zugegen. Er war gleich, nachdem Frau Silberg den Herren befohlen hatte, sich zu entfernen, in das nächste Dorf geeilt, um seine Kleider zu trocknen und sich solange andere Kleider zu verschaffen. Adolph fühlte sich sehr matt und angegriffen. Schon durch das Aufsteigen erhitzt, hatte diese Erhitzung durch das rasche und gefahrvolle Hinabklettern einen sehr hohen Grad erreicht; dann hatte er sich plötzlich in das kalte Wasser gestürzt. Nach vollbrachtem Rettungswerkc fühlte er das Bedürfniß, sich so schnell als möglich der nassen Kleider zu entledigen. In dem Gasthose des nächsten Dorfes gab ihm der Wirth einen leinenen Anzug. Adolph ließ sich einen heißen Grogg bereiten; dieser erwärmte ihn zwar, konnte aber doch das Unbehagen nicht ganz bannen. Da beschloß Adolph, den nächsten Eisenbahnzug zu benutzen und nach Hause zurückzukehren. Als Helene und ihre Begleiter im Gasthofe des Dorfes ankamen, saß in der Stadt Frau Josephine am Bette ihres Sohnes, um den bis zum Tode Erschöpften zu pflegen. (Fortsetzung folgt.) Hier;« drei Beilagen. verantwortliche Redaction: 0r. Lehmann in Mainz. — Verlag unv Expedition deS .ZSraelit* große Bleiche 4L. I. GottS leben'- Buchdruckerei (Mainzer Anreiger).