Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1882)
- Date
- 1882-08-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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835 Der Imperator, welcher muthwillig den Streit provocirt hatte, war gestürzt und mußte in die Gefangenschaft nach Wilhelmshöhe wandern. Frankreich büßte den Uebermuth seines Beherrschers mit dem Verluste zweier Provinzen und mit der Bezahlung einer Kriegssteuer, deren Höhe an das Fabelhafte grenzte. Aber die Milliarden, die nach Deutschland flössen, berauschten das deutsche Volk. Ein Unternehmungsgeist, der weit über das Ziel hinwegschoß, bemächtigte sich der industriellen und der geschäftlichen Kreise. An die Stelle des nüchteren, soliden und arbeitsamen Unternehmers trat die Association. Mit großen Capitalien, die von vielen Einzelnen zusammengeschossen wurden, glaubte man auf allen Gebietest des Handels und der Industrie ungeheuren Gewinn erzielen zu können. Es erfolgte ein colossaler Aufschwung in allen Branchen der menschlichen Thätigkeit. Irgend eine bedeutende Schlosserwerkstätte wurde von gewinnsüchtigen Unternehmern um einen hohen Preis erworben, mit einem hochklingenden Namen belegt und um noch einen höheren Preis an eine Actiengesellschaft abgetreten. Der Gewinn für die Unternehmer betrug Hunderttausende. In ähnlicher Weise wurde mit irgend einem im Privat- Besitze befindlichen kleinen Bergwerke verfahren. Durch ein großes Actien-Capital sollte sein Betrieb erweitert und der Gewinn verhundertfacht werden. Alle Tage brachten die Zeitungen in riesengroßen Buchstaben Ankündigungen von neuen Unternehmungen und Gründungen. Auch auf das Geldgeschäft erstreckte sich die Gründungswuth. Neue Banken schossen wie Pilze aus der Erde. Es waren nicht genug Leute aufzutreiben, um all die vielen vacanten Posten von Directoren, Cassirern, Disponenten, Procuristen, Buchhaltern, Correfpondenten re. zu besetzen. Alle diese Leute wurden glänzend besoldet, und das Zeitalter des Königs Salomo, in welchem es Gold in Fülle gab und das Silber für gar nichts geachtet wurde, schien für Deutschland wiedergekehrt zu sein; Eins griff ins Andere und förderte das Andere. Die Bauthätigkeit nahm ganz ungeheure Dimensionen an. Konnte doch in Berlin ein einfacher Arbeiter durch Steinetragen täglich fünf Thaler verdienen. .Um diese Zeit war der alte Eliassohn, der Chef Adolph Marbach's, gestorben, und das Geschäft kam in die Hände eines Neffen, welcher sich nicht scheute, es auch am Sabbat offen zu halten und von seinen Bediensteten die Entweihung des Sabbats verlangte. Adolph trat sofort aus. Seine Geschäftstüchtigkeit und Intelligenz waren allgemein geschätzt. So wurden ihm auch sofort glänzende Anerbietungen gemacht. Eine der neuen Banken wollte ihn mit einem großen Gehalte als Director engagiren. Selbstverständlich durfte er jedoch am Sabbat nicht fehlen. Adolph schlug all die glänzenden Anerbietungen aus und begnügte sich mit einer bescheidenen Stellung als Buchhalter, in der es ihm vergönnt war, dem Gesetze unserer heiligen Religion gemäß zu leben. Wir nannten seine Stellung eine bescheidene; sie war es auch nach den Begriffen jener Tage; und doch gestattete sie ihm, für sich und sein Mütterchen eine freundliche Wohnung zu miethen, die Letztere jeder ihre Augen angreifenden Arbeit zu entheben und ihr manche bisher vermißte Bequemlichkeit und Annehmlichkeit zu verschaffen. Frau Jofephine nahm das Alles dankbar an; allein sie drang auch darauf, daß Adolph sich selber Manches gönne, was er bisher sich versagt hatte. Das kleine Capital, das Josephine aus dem Schiffbruche ihres Glückes gerettet hatte, war während der Schul- und Lehrzeit Adolphs ganz daraufgegangen. Als er später einen kleinen Gehalt bezog, reichte dieser kaum für die allernothwendigsteu Ausgaben. Adolph war in keinem geselligen Vereine; er gönnte sich nicht einmal ein Glas Bier; seine Mußestunden brachte er mit dem Studium der heiligen Schritten zu, mit denen er sich in der Schule so gern beschäftigt hatte. Nun aber, da die Verhältnisse cs gestatteten, drang Josephine darauf, daß ihr einziger Sohn sich von Zeit zu Zeit Erholung verschaffe und namentlich dem geselligen Leben nicht fremd bleibe. Dem Wunsche seiner Mutter folgend, trat Adolph in den in seiner Vaterstadt bestehenden kaufmännischen Verein, der sich die Aufgabe gestellt hatte, im Winter durch wissenschaftliche Vorlesungen die Bildung seiner Mitglieder zu fördern und im Sommer durch Ausflüge und allerlei gesellige Unterhaltung für ihr Vergnügen zu sorgen. Es war an einem schönen Sommertage. Der kaufmännische Verein hatte eine Partie nach dem Finkensteine, der Ruine eines alten Ritterschloffes im Gebirge, veranstaltet. Die jungen Leute hatten ihre Schwestern und andere junge Damen dazu eingeladen, die denn auch in Begleitung ihrer Eltern oder älterer Verwandten der Einladung Folge leisteten. Ein Dampfboot war gemiethet, das die Gesellschaft an den Fuß des Gebirges brachte. Es war eine herrliche Fahrt. Eine Musikkapelle erfreute mit nrunteren Weisen alle Gemüther. Am Fuße des .Gebirges standen Esel und Maulthiere in Bereitschaft, um die Damen und die älteren Herren die steile, beschwerliche Höhe hinauszutragen. Unter Scherz und Jubel setzte sich der Zug in Bewegung. Hart am Abgrunde stieg der schmale Pfad aufwärts. Tief unten wälzte der Strom sein tiefes Gewässer. Da erscholl plötzlich ein furchtbarer Schrei. Ein Maulthier hatte vor einem im Wege liegenden Gegenstände gescheut und seine Reiterin, eine junge Dame, abgeworfen. Diese war in den Abgrund gestürzt; sie rollte immer tiefer und tiefer und mußte endlich