Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1882)
- Date
- 1882-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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833 und Jungfrauen. Das Comitö kann darüber verfügen zu Gunsten Derer, für welche der Besuch von Heilquellen oder eines südlichen Climas erforderlich, von welcher Nation sie auch sein mögen. Ebenderselbe Unbekannte hat zu demselben Zwecke noch ein weiteres Geschenk in einer Pariser Obligation hinzugefügt. (Arch. Jsr) Paris, 6. August. Der hier weilende Ober- Rabbiner von Alexandrien, Herr Samuel ben Lahsin, erschien gestern in der portugiesischen Synagoge der Rue Busfault und hielt dort eine hebräische Predigt, in welcher er den Segen des Himmels auf die französische Republik und ihr Oberhaupt herabflehte. Es sei dies, sagte ec, seine Pflicht nach Allem, was Frankreich für die unglücklichen Israeliten von Alexandrien gethan hätte. Herr Samuel ben Lahsin ist aus Algier gebürtig und also französischer Unterthan, wirkt aber schon seit 25 Jahren als Geistlicher in Alexandrien, welche Stadt er übrigens schon vor dem Bombardement verlassen hatte. Rußland. Die zum diesjährigen internationalen Saatmarkte zu Leipzig vertheilte Gratis-Nummer der zu Magdeburg erscheinenden „Internationalen Getreide-Zeitung" bringt folgenden bemerkenswerten Artikel: Die entsetzlichen Judenverfolgungen in Rußland haben die ganze civilisirte Welt überzeugt, daß dieses große Reich sich zu ihr nicht zählen darf. Jetzt rächen sich die an den Inden verübten Gräuelthaten und Grausamkeiten an Denjenigen, welche sie veranlaßt und in Scene gesetzt haben. Der Schaden, den die Jndenhasser „aus Princip oder Berechnung" — (man wird viele Glänbiger ohne Bezahlung und noch mit Zueignung von deren Vermögen los) — bereitet haben, wird jetzt von ihnen tausendfach getragen und führt sie zum Ruin. Freilich ist den armen verfolgten Juden dadurch wenig geholfen — ebensowenig als dem Fische, welcher voni Pelican verschlungen wird, wenn letzterer dabei erstickt. Was früher einzelnen Russen passirte, — die damals noch dadurch von der übrigen russischen Gesellschaft ver« Pont unb gemieden wurden — wird jetzt in unzähligen Fällen Vorkommen. Jni October 1879 war Schreiber dieser Zeilen in Klein-Rußland und bemerkte, daß große Strecken Rübsen ungemäht blieben, die Rübsenschötchen waren geöffnet und fast leer. Auf seine Anfrage über die Ursache dieser großen Vermögensvergeudung erhielt er folgenden Bescheid: Eigemhümer dieser Rübsenfelder ist Besitzer großer Güter, besitzt ein riesiges Vermögen in — Ländereien, jedoch nicht einen Rubel baar ode-r Eredit. Gleich neun Zehntel der russischen Gutsbesitzer nahm er vor der Ernte Vorschüsse bei jüdischen Capitaliften — (der christlich-russische Capitalist ist mißtrauischer und nimmt ungleich höhere Procente) — und verpflichtete sich, den Vorschuß nebst Profit durch Landesproducte nach der Ernte abzudecken. Als hier erwähnenswerth einznschalten ist wohl, daß der russische Jude mit eigenen oder geborgten Rubeln 2000—3000 Ctr. Getreide oder Oelsaaten beangeldet und dennoch durch seine Regsamkeit jedesmal die Waare 7wll bezahlt, bevor sie die Oecouomie verläßt. Mit geringen Mitteln arbeitend, versteht er es, Umsätze zu erzielen, die ganz erstaunlich sind. Da der russische Producent zwar fast immer Credit, entweder Angeld oder Vorschuß, nimmt und niemals Credit gibt, so nimmt der arme Jude von deutschen Häusern das Geld zur Bezahlung resp. zum Abholen der Waare. Wird an derselben verdient, so haben der deutsche Capitalist und der Jude fast gleichen Nutzen, wird aber verloren, so trägt schließlich nur der deutsche Capitalist den Verlust, weil der Jude nur in seltenen Fällen soviel hat, um Verlust zu tragen. In allen Fällen bleibt das Geld beim russischen Producenten, und der Jude zahlt ihm jeder Zeit die höchsten Preise. Bei der Entnahme des Geldvorschusses war er die Höflichkeit selbst, ganz anders jedoch bei der Bezahlung; unzählige Male mußten die Gläubiger zu ihm fahren und als sie zuletzt ungeduldig wurden und Vorstellungen wegen zu langer Verzögerung oder wegen schlechter Reinigung der Producte wagten, wurden die Hofhunde auf die Darlehensgeber gehetzt, denen schließlich nichts übrig blieb, als das Geld durch langwierige und kostspielige Prozesse wieder zu erlangen. Vorschuß bekommt er also nicht mehr und da er kein Geld zu Arbeitslohn hat, bleibt Alles auf den Feldern. Derartige Fälle waren schon damals nicht selten. Besitzer von 5000 bis 30,000 Dessialinen schuldenfreien Landes waren durch eigene Schuld in Geldverlegenheiten und haben nicht für 100 Rubel Credit genossen. Schreiber dieser Zeilen war eine längere Reihe von Jahren hintereinander in verschiedenen Gouvernements, stand in fortwährender Geschäftsverbindung mit russischen Juden, Bauern, Gutsbesitzern, Baronen, Grafen bis incl. Fürsten hinauf, hat sogar die — zweifelhafte — Ehre gehabt, bei sogenannten hohen Persönlichkeiten, die bis vor Kurzem in einflußreichster Stellung waren und zum Theile noch sind, mehrfach zur Familientafel geladen zu sein. Er hat sich daher manchen Einblick in alle russischen Verhältnisse zu schaffen vermocht und sein Urtheil dürfte maßgebend sein. Er hat die Ueberzeugung gewonnen, daß der Jude in Rußland allen anderen Bevölkerungsklassen von größtem Nutzen und dem russischen Staate unentbehrlich