Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1882)
- Date
- 1882-08-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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812 sungen wurden geschaffen, in welchen die individuelle Freiheit gewährleistet wurde. Auch die gesetzestreuen Juden durften sich gegen die Zwangsmaßregeln auflehnen durch die sie so viel gelitten hatten. Orthodoxe Separat-Gemeinden entstanden und pflegten den Geist des alten, unverfälschten uud unverkürzten Judenthums. Die Anfänge waren nur gering. Man verlangte nichts als Gewissensfreiheit und erachtete es als einen großen Sieg, wenn man diese erobert hatte. Gern überließ man die durch Orgelklang, Weibersang und andere derartige Dinge entjüdischten synagogalen Prachtbauten den Anhängern der Reform und baute sich unter schweren Opfern bescheidene Gotteshäuser. Vor allen Dingen suchte man die Jugend wieder für das Gesetz unseres Gottes zu gewinnen, zu erziehen. In diese Zeit schweren Ringens und Kämpfens fiel die erste Jugend Adolph Marbachs. Er gehörte zu den ersten Schülern, welche in die neubegründete Schule der gesetzestreuen Gemeinde eintraten. Frau Josephine fühlte sich hochbeglückt, daß ihr Sohn einen Unterricht erhielt, in welchem die heilige Sprache und die heilige Lehre unseres Gottes den ihm gebührenden Platz einnahm. Mit großer Sorgfalt überwachte sie die ersten Studien ihres Kindes und suchte ihm Liebe für die erhabenen Laute einzupflanzen, in denen Gott' sich unfern Voreltern geoffenbart hat. Sie hielt darauf, daß die in der Schule eingepflanzte Lehren zu Hause die volle Bestätigung und Kräftigung fanden. Ihre Bemühungen fanden Anklang in dem Herzen ihres Sohnes. Der kleine Adolph kannte keine größere Freude, kein größeres Glück als das, die Zufriedenheit seiner Mutter zu erringen. Er lernte mit wahrem Feuereifer und übertraf bald alle seine Mitschüler. Sein Fleiß wurde durcb leichte Auffassung und ein gutes Gedächtniß unterstützt, und da auch sein Betragen musterhaftes war, so wurde er bald der Liebling seiner Lehrer. Daß Frau Josephine sich überglücklich fühlte und sich durch die Fortschritte ihres Sohnes reichlich entschädigt wußte für all' das Ungemach, das sie schon erduldet hatte, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Ihre heißen Gebete für das Wohl ihres Lieblings stiegen stündlich zu Gott empor. So vergingen die Jahre, und die Zeit kam heran, da Adolph sich einen Beruf wählen sollte. Seine Lehrer wünschten, daß er sich zum Rabbiner heranbilde, um so in ausgedehntestem Maße Gutes wirken zu können; auch Josephine hegte diesen Wunsch, und Adolph selbst konnte sich die Zukunft nicht schöner ausmalen als in km Gedanken, daß er berufen sei, das Wort Gottes zu lernen und z„ lehren und die Menge zur Erkenntniß und zur Tugend zu führen. Aber er verschloß sich auch nicht der Vorstellung, daß er, wenn er sich dem Studium widmete, auf eine lange Reihe von Jahren hinan, der Unterstützung seiner Mutter bedürfe. FrauJch phine war in jüngster Zeit oft augenleidend; dam konnte sie die feinen Stickereien nicht verfertigen, m ihr und ihrem Sohne den kärglichen Lebensunterhalt gewährten, und mußte von dem klein rn Capital leben, das natürlich immer kleiner wurde. Deßhalb entschloß sich Adolph, auf den schönsten Traum fernes Lebens zn verzichten. Wenn er in ein Geschäft eintrat, so konnte er nach wenigen Jahren alsCorumi; einen Gehalt beziehen, der ihm und seiner Mutt» eine sorgenfteie Existenz sicherte. Nachdem einmal dieser Entschluss feststand, gal sich Frau Josephine große Mühe, eine passende Lehrlingsstelle für Adolph zu finden. Das ging eben nicht so leicht. In fast allen größeren Geschäften der Stadt wurde der Sabbat entweiht, und die irenigen, die am Sabbat geschlossen waren, brauchten gerade keinen Lehrling. Wohl wurden der sorgsamen Mutter Anerbietungen gemacht, bei denen ihr Gewissen sich hätte beruhigen können. Man wollte ihrem Sohne am Sabbat und an den jüdischen Feiertagen gestatten, dem Geschäfte fern zu bleiben. Aber auch das nahm sie nicht an; sie wollte ihren Knaben nicht in eine Umgebung bringen, in welcher die Beobachtung der jüdischen Religionsgesetze als veraltete Vorurtheile angesehen wurden. Sie widerstand allem Zureden, an denen es ihre Bekannten nicht fehlen ließen. Stets entgegnete sie: „Auf dem Wege, am welchem der Mensch gehen will, führt ihn der liebe Gott." — Und in der That, ihr Vertrauen wurde nicht getäuscht. Gerade um diese Zeit zog ein Heu Eliassohn vom Lande in die Stadt und etablirte ein großes Bankgeschäft. Der Genannte, bereits ein älterer Herr, stand auf strengreligiösem Standpunkte. Derselbe erklärte sich bereit, Adolph als Lehrling in sein Geschäft zu nehmen. Mit Freuden gingen Josephine und ihr Sohn auf diesen Vorschlag ein, und Frau Marbach dankte Gott unter heißen Thronen, daß er diese Sorge von ihr genommen. „Gerak in diesem Lebensalter," sagte sie, „bildet sich der Character. Die Grundlage, die da geleg! wird, sie hält für das ganze Leben." (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. verantwortliche Redaetion: 0r. Lehmann in Main;. — Verlag uns Expedition des .JSraelit" große Bleiche 45. I. GottSleben'S Buckdruckerei (Mainzer Anreiger).