Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1882)
- Date
- 1882-08-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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787 Feuilleton Jöfi Munitz. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem e r st e n D r i t t e l des 18. Jahrhunderts. Von S. Ko hu. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) Dagegen aber erhoben, nachdem dies Oppenheim selbst gethan, auch die Andern Einsprache, namentlich des Oberrabbiners Sohn Josef, der behauptete, die Andern hätten vielleicht nicht mehr Gelegenheit mit dem gefeierten, lieben Gaste so lange an einem Tische zu sitzen, und Rabbi Jacob Cohen fuhr fort: „Munitz lebte sieben Jahre lang in friedlicher Ehe mit seiner ersten Gattin, sein Wohlstand, seine Berühmtheit als Juwelier, seine Beliebtheit und sein Einfluß nahmen fortwährend zu; regierende Fürsten besuchten zuweilen seine Werkstatt, noch häufiger aber wurde er an deren Hoflager berufen, und dort durch kunstreiche Arbeiten, die er an Ort und Stelle vollendete, zurückgehalten. Aber trotz alledem schien er, obwohl er stets heiter war und seiner Gattin den höchsten Grad von Zärtlichkeit und liebvollster Zuvorkommenheit bewies, doch nicht glücklich. Seine Ehe blieb kinderlos und Bele war kränklich geworden. Ueberdies war noch ein Umstand hinzugetreten, der auf den ganzen Familienkreis, zumeist auf ihn und seine Frau bedrückend einwirkte. Channa, welche zu einer Jungfrau von wundersamer Schönheit und unschilderbarer Anmuth emporblühte, war, wie sich das denken läßt, von einer großen Zahl von Bewerbern umschwärmt, und hatte, obwohl sic schon das Alter überschritten hatte, in welchem Jungfrauen unseres Volkes sich zur Ehe entschließen, trotz dringenden Ermahnen und Bitten ihrer Eltern und Verwandten alle Bewerber mit Entschiedenheit und Hartnäckigkeit abgewiesen. „Wenn ich einen Gatten wählen sollte," hatte Channa, welche sich ihre geistige Kindlichkeit und Natürlichkeit vollständig bewahrt hatte, mit rührender Offenheit gesagt, „so müßte er ganz meinem Schwestermanne und Cousin Munitz gleichen, einen solchen habe ich bisher nicht gefunden und bin überzeugt ihn nicht zu finden; — und so will ich lieber unverheirathet bleiben, und mich neidlos des Glückes meiner lieben Schwester freuen! — aber indem Channa so sprach, entdeckte sie unwillkührlich die reinen Gefühle ihres Herzens, und verdunkelte dadurch ohne es zu wissen, noch viel weniger es zu wollen, die Lebensfreude der ganzen Familie. Rafael Kannftadt, der mit bestem Willen das Glück seiner beiden Enkel Munitz und Bele beabsichtigt hatte und Channas Eltern bemitleideten diese, die in ihrer Geistesreinheit und in ihrem Seelenadel gar nicht ahnen konnte, daß ihre aufrichtigen Aeußerungen Jemand wehe thun könnten. Munitz blieb sich fortwährend gleich; ruhig, würdig, ließ äußerlich keine Regung eines unangenehmen Gefühles erkennen; — aber wenn er auch der treueste und beste Gatte war, den man sich denken kann, mag es ihm im Grunde seiner Seele doch wehe gethan haben, Channa — ihr selbst nicht klar bewußt — um seinetwillen leiden zu sehen. Bele selbst aber, an Zartsinn und Selbstlosigkeit ihrem Gatten nicht nachstehend, befand sich in peinlichster Lage. Sie hatte ihren Gatten nicht mit Kindern beschenkt, war einige Jahre nach der Hochzeit kränklich, traurig, fast melancholisch geworden, und fürchtete dem geliebten Manne nicht jenes Lebensglück bieten zu können, das er gewiß an der Seite ihrer Schwester gefunden hätte. Sie warf sich vor, durch ihr Dasein das Lebensglück zweier Menschen, die sie endlos und selbstlos liebte, ihres Gatten und ihrer Schwester, gestört zu haben, sie war nicht stark genug ihre Gefühle in sich zu verschließen, und gab diesen zur tiefsten Bekümmerniß ihrer Umgebung Ausdruck. Es war ein Kreis ungewöhnlich edler Menschen," fuhr Rabbi Jacob gerührt fort, „in welchem sich diese Begebnisse zutrugen. Alle geriethen in Verzweiflung, die feinfühlenden Menschen verstanden es, daß es unendlich schwer sei, Bele's Behauptungen mit Worten widerlegen zu wollen und Channa, die auch mit leidenschaftlicher Verehrung an ihrer ältern Schwester hing, wollte in voller Verzweiflung, ihr durch eine That die Unrichtigkeit ihrer Anschauungen Nachweisen, und sie erklärte einmal als der ganze Familienkreis versammelt war, sie habe sich endlich entschlossen, einem unter ihren hartnäckigsten Bewerbern die Hand zu reichen, ihre guten Eltern mögen Denjenigen, der ihnen als Schwiegersohn am liebsten wäre, selbst bestimmen." Einen Moment war der ganze Kreis von tiefster Erregtheit ergriffen, nicht einer verkannte es, daß Channa sich der Ruhe ihrer Schwester opfern wolle, daß sie glaube, ihr durch diesen Entschluß den vollen Lebensfrieden wiederzugeben, doch hatte vor Allem Bele ihre Fassung wiedergewonnen, und hatte unter fortwährendem Farbenwechsel rnit vor Aufregung umflorter Stimme gesagt: „Liebe Channa, ein solcher Entschluß muß wohl überlegt, gut durchdacht sein, komme am Abend zu mir, und wir wollen, wie es sich unter guten Schwestern ziemt, die Angelegenheit eingehend besprechen," und als Channa am Abend mit Zagen und Beben ihrer Schwester Zimmer betrat, hatte ihr diese nach wenigen einleitenden Worten erklärt, sie selbst fühle sich leidend, sie sei überzeugt, daß sie nicht mehr lange leben wür^e,