Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1882)
- Date
- 1882-08-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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783 Feuilleton. per Sohn der Witwe.') i. Es war im Frühlinge des Jahres 1848. Ein gewaltiger Sturm war über die civilisirten Länder Europas hinweggegangen, hatte Throne gestürmt, andere erschüttert und die Völker in furchtbarer Werse aufgeregt. Alles schien aus Rand und Band zu gehen. Der schwankende Thron der Orleanisten war in Paris von dem brausenden Volksmeere hinweggeschwemmt worden. Die Revolution hatte dann die Völker Oesterreichs ergriffen; Fürst Metternich, dessen nächtiger Wille seit dem Sturze Napoleons ganz Europa beherrscht hatte, ward gestürzt und mußte ms Wien entfliehen. Die einzelnen Völker des zroßen Kaiserstaates suchten sich selbstständig zu machen, und das mächtige, von Kaiser Maximilian I. jusammengefügte Reich schien auseinanderfallen zu vollen. In ähnlicher Weise loderte das Feuer der Revolution in den einzelnen Staaten Italiens und rohte die kleinen und großen Throne des schönsten Landes unseres Erdtheils zu verzehren. In dem ielgestalteten und vielzerklüfteten deutschen Bundestaate gab es kein Land und kein Ländchen, welches licht seine Revolution gehabt hätte. In Berlin engte sich König Friedrich Wilhelm IV. vor den Barrikadenkämpfern, und kein Gebiet unseres schönen, cutschen Vaterlandes, im Norden wie im Süden, lieb verschont; der Herzog von Anhalt-Bernburg imßte aus seinen Staaten entfliehen; ebenso der Zroßherzog von Baden, in dessen Lande Hecker und ^truve Freischaaren sammelten, um mit bewaffneter öand die Republik zu begründen. Daß bei solchen Zuständen Handel und Wandel darniederlagen, war ncht zu verwundern. Die Grundlage eines jeden 'eschäftlichen Verkehrs ist das Vertrauen, und das 'erträum war aus allen Kreisen des Volkes gewichen. Wie man die Philosophie die Wissenschaft der Wissenschaften nennt, so kann man das Geschäft es Banquiers als das Geschäft der Geschäfte beeichnen. Das Geld, dieses unentbehrliche Tauschuittel, um dessen Erwerb sich der ganze Handel ^eht, wird hier selber Waare. Es war daher naüftich, daß die Bankgeschäfte durch die unruhigen Zeiten ani Empfindlichsten betroffen wurden. Namentlich zeigte sich das in der Entwertung aller Arten von Papieren, welche Geldwerth repräfentiren ollten. Die Staaten waren ins Schwanken geathen, wie sollten ihre Schuldverschreibungen, ihre bligationen, ihr Papiergeld Vertrauen genießend *) Nachdruck verboten; Uebersetzungsrecht Vorbehalten. In seinem Comptoir stand Samuel Marbach, mit zufriedenem Lächeln die Schätze in seiner offenen Geldkiste musternd. Da lag eine beträchtliche Anzahl in Rollen verpackter Goldstücke und auch ein Beutel mit Silbermünzen. „Ich war so kein Thor wie die Andern," sprach er vor sich hin. „Während die größten Häuser ins Wanken gerathen sind, stehe ich unumstößlich fest. Dadurch, daß ich immer darauf gesehen habe, baares Geld zu besitzen, habe ich jetzt eine Sicherheit erlangt, um die mich Rothschild beneiden kann. Ich sehe der Entwickelung der Dinge noch eine Zeit lang mit zu und behalte mir die Freiheit der Action vor. Ja, ja, baares Geld lacht. Klug muß der Mensch sein und vorsichtig, da kann ihm kein Gott etwas anhaben." In diesem Augenblicke stieß der Banquier einen furchtbaren Schrei aus und sank bewußtlos zu Boden. In das offene Comptoir war ein Mann eingetreten, ohne daß Marbach ihn gehört hatte. Der Fremde hatte mit einem sogenannten Todtschläger, einem Gummistock, dessen Knopf mit Blei ausgefüllt war, auf den Kopf des Banquiers einen furchtbaren Schlag vollführt. Jetzt zog er ein dolchartiges Messer, stürzte sich auf den bewußtlos Daliegenden und stieß es ihm in Hals und Brust. Als er glaubte, daß sein Opfer genug habe, leerte er den Inhalt der Geldkiste und barg ihn in einem Mehlsacke, welchen zusammengewickelt er vorher unter dem Arme getragen hatte; dann verließ er eiligst das Haus. Als der ermordete Banquier später, vom Blute überftrömtz, mit vielen Wunden bedeckt, vor seiner ausgeleerten Geldkiste liegend, gefunden wurde, ging ein Schrei des Entsetzens durch die ganze Stadt. In einem der lebhaftesten Stadttheile war am Hellen lichten Tage, Vormittags 11 Uhr, ein schauderhafter Raubmord vollbracht worden. Entsetzen ergriff alle Welt; Keiner fühlte sich seines Lebens mehr sicher. Dazu kam noch, daß alle Nachforschungen nach dem Mörder erfolglos blieben. Die Behörde setzte einen Preis aus. Die ganze Stadt wurde auf das Sorgfältigste untersucht. Gensdarmen durchstrichen die Umgegend weit und breit. Telegramme flogen nach den Hafenplätzen, soweit es die damals noch unvollendeten Drahtstrecken gestatteten. Es war Alles vergebens. Keine Spur von dem Mörder wurde aufgefunden. Am härtesten traf der Schlag die junge Wittwe Marbachs. Sie hatte nicht allein den Gatten auf die schrecklichste Weise plötzlich verloren; auch ihr und ihres Kindes Vermögen war größtentheils dahin. Der Ermordete hatte, wie wir bereits erfahren haben, seinen ganzen Besitz in baares Geld umzuwandeln gesucht, und dieses baare Geld war geraubt