Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1882)
- Date
- 1882-08-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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778 „Eine Stimme ruft in die Wüste: Bahnt einen Weg dem Ewigen, ebnet in der Einöde einen Pfad unsrem Gotte. Jedes Thal wird erhöht und jeder Berg und jeder Hügel werden erniedrigt; krummer Pfad wird gerade Bahn und hügeliges Feld zur Ebene. Und es wird sich offenbaren die Herrlichkeit des Ewigen, und es wird erkennen alles Fleisch insgesammt, daß der Mund des Ewigen geredet hat." In dem heiligen Sohar-Buche finden wir die Ansicht ausgesprochen, daß diese lange und bittere Galuth-Zeit nur deßhalb von so langer Dauer und von so vielen Bitternissen beschwert sei, weil die heilige Schrift in fremde Sprachen übertragen und so Gemeingut der Völker geworden. Etwas Aehnliches findet sich auch im Talmud. Es wird von der ersten Uebersetzung der heiligen Schrift in das Griechische berichtet und dabei gesagt, daß die Welt sich darob verfinstert und jener Tag für Israel so schwer gewesen, wie der Tag, an welchem emst das goldene Kalb gemacht wurde. Und in der That, die Uebersetzung der heiligen Schrift in eine fremde Sprache war ein zwar nothwendiges, aber schweres Uebcl. Läßt sich schon ein profanes Werk in einer fremden Sprache nicht genau und zutreffend wiedergeben, so ist das in Bezug auf die heilige Schrift ganz unmöglich. Jeder Buchstabe, jedes Wort, jede Wortstellung, jede Satzbildung enthält eine Fülle von Gedanken und Lehren, die in einer Uebersetzung gar nicht zum Ausdruck gebracht werden können. Wer also die heilige Schrift nur aus der Uebersetzung kennen lernt, kann in die Tiefen derselben nicht eindringen, kann die unendliche Höhe ihrer erhabenen Lehre nicht vollkommen erfassen, muß sie vielfach mißverstehen. Die natürliche Folge davon sind falsche Auffassungen und Irrlehren. Und wie i Alles in der Welt in Wechselswirkung steht, wird i Israel von diesen falschen Auffassungen und Irr-! lehren, durch welche die Männer fremder Zungen! die heilige Schrift entstellen, irregeführt. Haben da! die Weisen nicht Recht, daß sie sagen, daß die Welt; um uns sich in Folge der ersten Uebersetzung verj finstert habe? Durch die Uebersetzungen werden die Vorstellungen über Gott und Seine Weltenlenkung, wie sie die heilige Schrift lehrt, nicht vollkommen wiedergegeben; sie werden entstellt, und es bilden sich Anschauungen heraus, die Aehnlichkeit haben mit jenen traurigen Vorgängen, da Israel ein Menschenwerk umtanzte und rief: Dies sind Deine Götter, Israel! — Man lese nur in den exegetischen und homiletischen Schriften der Gelehrten der Nationen, und man wird diese Ansicht bestätigt finden. Und die Rückwirkung derartiger falscher Anschauungen aus Israel, der Einfluß, dem die Söhne und Töchter unseres Volkes sich nicht immer zu entziehen vermochten, verzögert die vollkommene Rückkehr zu Gott und hat daher bis auf unsere Tage die Erlösung verhindert. Wir nannten oben die Uebersetzung der heiligen Schrift ein Uebel, aber ein nothwendiges Uebel. „Eine Stimme ruft in die Wüste: Bahnt einen Weg dem Ewigen, ebnet in der Einöde einen Pfad unserem Gotte." Durch die Uebersetzung der heiligen Schrift in fremde Sprachen wurde in der Wüste der von Gott abgewendeten Menschheit ein Pfad geebnet, der zur Gotteserkenntniß führt, wurde in der Einöde eines von Sitte und Tugend weitentfernten Menschengeschlechts ein Weg geebnet, der zur Tugend und Gottesfurcht zu bringen vermag. Die Religionen, welche aus dem Judenthume hervorgegangen sind und so große Verbreitung gefunden haben, sind Vorbereitungen für die einstige Erlösung des ganzen Menschengeschlechts. Wohl haben sie den Völkern, die sie überwunden, Gutes gebracht. Die Götter der Griechen und Römer, der Germanen und Gallier, der Britanier und Slaven sanken in den Staub, und die Völker lernten den Gott Israels, den Schöpfer des Himmels und der Erde, kennen und machten die am Sinai geoffenbarten zehn Gebote zur Grundlage ihrer Staatswesen. Eine andere aus dem Judenthum hervorgegangene Religion unterwarf sich den Orient. Die Araber und Aegypter, die Perser und Nordasrikanev. pw Türken und Mesopotamier verließen ihre"älten Götzen und lernten zum Gotte Israels beten, zum Schöpfer des Weltalls. Man sollte denken, daß alle diese Nationen für Israel die größte Dankbarkeit hegen müßten, für Israel, dem sie Alles, Alles verdanken. Dem ist aber nicht so. Noch ist der Weg durch die Wüste nicht vollständig gebahnt, noch ist der Pfad, der durch die Einöde führt, nicht vollkommen geebnet. Erst wenn jedes Thal erhöht, jeder Berg und jeder Hügel erniedrigt wird, wenn krummer Pfad wird werden gerade Bahn und hügeliges Feld zur Ebene, erst dann wird sich offenbaren die Herrlichkeit des Ewigen, und es wird erkennen alles Fleisch insgesammt, daß der Mund des Ewigen geredet hat. (Fortsetzung folgt.) Zum dreihundertjährigen Jubiläum der Würzburger Universität. 8. Die Feier, welche heute in Würzburg begangen wird, gibt auch uns Veranlassung, derselben einige Worte zu widmen, denn in zwei Blättern der Geschichte der Judenheit hat die alte Julius-Univer-