Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1882)
- Date
- 1882-07-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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6od dem Morgenlande" befindet sich die nachstehende Schilderung: Trotz der zahlreichen Gemeinden Constantinopels wird man an den Ufern des Bosporus keinem einzigen jüdischen Bettler begegnen. Ob durch Zündhölzchen oder Dolmetscherdienst, ob als Hausirer oder Makler, wird der arme Judenbursche schon vom zehnten Jahre ab, ja sogar noch früher, sein Brod zu verdienen suchen. Jeder hofft ein „Camondo" (türkischer Rothschild) zu werden, und wenn er es nicht wird, so ist er selbst am allerwenigsten Schuld daran; seine Ausdauer, seine Mäßigkeit sind exemplarisch, und während man in den Straßen Pera's und Stambuls zu gewissen Zeiten betrunkene Griechen und Armenier herumtaumeln sieht, so gehört doch der Anblick eines berauschten Juden zu den größten Seltenheiten. Solche Tugenden waren allerdings von Nöthen, um sich, speciell in der Türkei, einigermaßen erhalten zu können. Der Jude hatte dort nicht nur unter mohamedanischem, auch unter griechisch-orthodoxem und katholischem Fanatismus zu leiden. Am wenigsten plagten ihn die Türken, am meisten die Griechen; es schien fast, als wollten sich Letztere für die ihnen türkischerseits zugefügten Gewaltthaten an den Juden rächen. Es war die einzige Gelegenheit für den arg gepreßten christlichorientalischen Fanatismus, sein Müthchen zu kühlen, so daß die Juden, trotz der Toleranz eines Sulejmann, der Tausende vor dem Henkersbeile und den Scheiterhaufen der spanischen Inquisition zu retten glaubte, keineswegs auf Rosen gebettet waren. So war es vordem. Heute, wo griechische Arroganz durch abendländische Protection gesteigert ist und die Juden sich nur eines schwachen, zeitweiligen Schutzes von Europa aus erfreuen, hat das geschilderte Verhältniß sich nur wenig oder gar nicht gebessert. Spitznamen des Juden in der Türkei ist „Kekeres" und dieses Kekeres ist noch immer die treueste Bewahrheitung seiner langen Leiden. Que quieres? d. h. was willst Du? (die Juden der Türkei sprechen einen Jargon ihrer ehemaligen Heimath) ist die einzige Abwehr des Juden gegen seinen Unterdrücker. Wird ein Knabe muthwillig gepeinigt oder geschlagen, wird ein Alter am Barte gezaust, hört man nur das klägliche qu6 quieres? — Was Hab' ich Dir gethan, was willst Du von mir? Bei einem umfassenden Blicke auf sämmtliche Juden von den Usern des Bosporus bis zum fernen Chokand, tritt die Wahrnehmung hervor, daß, je weiter nach Osten, Zahl und Größe ihrer Gemeinden mehr und mehr abnehmen. Je entfernter eine Gegend von dem Machteinfluffe des Abendlandes sich befindet, desto geringer ist die Zahl der daselbst wohnenden Juden. Der Ländercomplex des heutigen ottomanischen Kaiserstaates war immer ihr Lieblingsaufenthalt, während des Mittelalters dessen östlicher und in der Neuzeit dessen westlicher Theil. Ein Regensburger Rabbiner (Rabbi Petachia), der im Jahre 1217 seine asiatischen Glaubensgenossen besuchte, fand in Mosul über 6000, in Damaskus 10,000, in Nisibis 8000 Seelen, und spricht obenein von Festen in der Nähe Bagdads, welche 80,000 Juden angewohnt haben sollen, während gegenwärtig nur die Hälfte dieser Zahl für sämmtliche Juden der asiatischen Türkei veranschlagt werden kann. Bagdad, von den Juden als das alte Babel angesehen, ist übrigens, nach Constantinopel und Saloniki, die größte jüdische Colonie im Morgenlande. Es wohnen in diesem Paschalik über 20,000 Söhne Israels und das alte Klagelied: „An den Strömen Babels saßen wir und weinten" ist dort nicht mehr zutreffend, denn der Bagdader Jude erfreut sich, im Schatten der reichen und einflußreichen Gemeinde, so mancher von seinen Glaubensgenossen in östlichen Theilen mit Recht beneideter Privilegien. Seine Beschäftigung ist noch dieselbe wie unter den Chalifen, mit dem Unterschiede jedoch, daß moderne Institutionen und moderne Wissenschaften ihnen den früheren Nimbus entzogen. Aus den großen Kaufleuten und Regalienpächtern sind Krämer geworden, aus geschickten Aerzten, Quacksalber und Droguenhändler, nur sogenannte geheime Wissenschaften und Zauberkünste practiciren sie noch, wobei ihnen der Begriff des Mysteriösen und Dunkeln, den das Volk im östlichen Asien mit der Individualität des Juden verbindet, zu Statten kommt. Auch mit einigen Handwerken befassen sich die Bagdader Juden, namentlich mit Seidenfäberei, die wenn ich nicht irre, von isr. Emigranten aus Buchara importirt worden ist, sowie mit Juwelierarbeiten, in denen sie eine ziemliche Geschicklichkeit bekunden. Im Ganzen genommen, tritt der Bagdader Jude, obzwar er auch dort wie überall im Osten, in ein enges Ghetto verbannt ist, viel zuversichtlicher und freier auf, als in andern Theilen der asiatischen Türkei. Die Erinnerung an den Machtemfluß des Nässt (Judenfürsten) oder Rosch Gelutha (Oberhaupt der Gefangenschaft) scheint noch in ihnen fortzuleben. Die Stellen jener Nässt sind heut weniger durch den officiellen Chacham Baschi (Oberrabbiner) als durch steinreiche Banquier vertreten; einer der letzteren, Namens Daniel — der Rothschild der asiatischen Juden — vermochte selbst dem ersten Beamten des Sultans zu imponiren. Die Juden Bagdads sprechen nicht mehr den spanischen Jargon, sondern durchweg arabisch, sowie die Juden in Persien zumeist der mit hebräischen Worten stark untermischten persischen Sprache sich bedienen. Beide Volkszweige behaupten, Abkömm-