Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1882)
- Date
- 1882-07-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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756 linge der aus der ersten Gefangenschaft Zurückgebliebenen zu sein, und im Süden Irans begegnete ich einigen Familien, die als eine Art Partricier sich gerirten, und als Zeichen ihrer aristokratischen Abkunft hebräisch sprachen, natürlich stark untermischt mit persischen Worten, was sogar in der Schriftsprache, die doch durchwegs hebräisch ist, hervortritt. Politisch und social steht der Hebräer Irans tief unter seinen Glaubensgenossen in der Türkei. Der größere Fanatismus der persischen Moslimen, die größere Anarchie, vor Allem größere Habsucht, sind die Ursachen dieser traurigen Erscheinung. Selbst in der zahlreichen Gemeinde, z. B. in Hamadan, Schiraz und Teheran sind die Juden der tiefsten Verachtung und dem härtesten Drucke ausgesetzt. Noch in neuester Zeit ward von einem Autodafe in Hamadan berichtet, und zur Zeit meines Aufenthaltes in Teheran ward ein gelehrter Rabbi nur durch den Einfluß des französischen Gesandten vom sicheren Tode errettet. Der arme Mann sollte nämlich durch Bauchhiebe todtgeschlagen werden, weil einer seiner Feinde ihn einer Zauberei, in deren folge das erstgeborene Kind einer Lieblingsfrau des önigs plötzlich gestorben sein sollte, beschuldigt hatte. Der Rabbi hatte nämlich zufällig das Thor Teherans passirt, als das Kind verschied; man wollte darin eine Causal-Nexus der beiden Vorgänge erkennen und verurtheilte ihn zum Tode. Aehnliche triviale Ursachen hatten auch andere in den letzten Jahrzehnten vorgekommene Judenverfolgungen in Iran, so das bekannte Massacre von Meschhed, wo eine arme Jüdin, die zur Heilung ihrer wehen Hand, auf Anrathen eines persischen Quacksalbers, einen Straßenhund geschlachtet hatte, um das kranke Glied in dessen Eingeweide zu stecken; sie wurde des überall den Juden zugemutheten Kindesmordes verdächtigt und stürzte sich und ihre Glaubensgenossen ins Verderben. Noch immer müssen die gewaltsam zum Islam bekehrten Israeliten öffentlich den: Landes- Cultus huldigen, während sie insgeheim und außerhalb Meschheds wieder den Gott Israels anbeten. Ob in der Stadt oder im Freien, nie kam mir Traurigeres vor Augen, als eine Gruppe zusammenlebender oder zusammenreisender Juden. Namentlich in Karawanen bieten sie eine klägliche Erscheinung. In schlechteste Kleider gehüllt, vom schmutzigsten, vernachlässigten Aussehen, auf alten, knochendürren Reitthieren sitzend, zieht eine solche Judengruppe, gleich nächtlichen Schatten vom Haupttrosse der Karawane abgesondert einher. Mit scheuen, furchtsamen Blicken spähen sie nach allen Richtungen umher, überall Böses ahnend, Gefahr witternd, ob von hier nicht ein Stein, von dort nicht eine Flintenkugel oder ein Säbelhieb fällt, denn selbst aus reinem Muthwillen stürzt der Perser über sie her, bewirft sie mit Unrath oder zerreißt ihnen die Kleider. Beim ersten Anprall drängen sich Alle wie zitternde Schafe in einen Haufen zusammen; man erhebt die Arme, aber nicht zur Gegenwehr, sondern um sich die Augen zu verdecken. Nur der Graubart wird ein: Mekun dsclmni aga! d. h.: Laß ab, lieber Herr! wagen, und merkwürdig genug ist, daß Sitte, Gewohnheit, vielleicht auch Vaterlandsliebe mächtig genug, um nahzu 20,000 Israeliten selbst an dieses Land zu fesseln, wo sie in steter Furcht leben, wo sie in chren Häusern, an Stelle der Thüren ofenloch-ähnliche Oeffnungen anbringen und in gebückter Stellung hinein- und herauskriechen, um sich gegen Ueberfälle leichter schützen zu können und wo sie — grausame Ironie — bei solch trauriger Existenz auf das Metier der öffentlichen Tänzer und Sänger angewiesen sind. Stundenlang vor gewissenlosen Peinigern und Verächtern tanzen und singen zu müssen, ist das schrecklichste Loos, das ich mir denken kann! Merkwürdigerweise leben selbst inmitten der herzlosen, turkomauischen Menschenräuber Juden, und zwar hat Merw, der Hauptort des Kettengerassels, eine ganze Gemeinde aufzuweisen. Unter den Turkomanen erscheint der Jude selbstverständlich als Halbturkomane, mit Ausnahme der obligaten Ringlocken und der Kopfbedeckung. Der turkomanische Jude hat ebenfalls sein Zelt, seine Pferde, und seine persischen Sclaven. Was zumeist zu verwundern gibt, ist seine Sicherheit inmitten dieser gänzlich gesetzlosen Horden. Der Turkomane hat nämlich vor ihm, als einem Zauberer, eine Höllenfurcht und läßt ihn auch deßhalb ungeschoren, weil er ihn nicht verkaufen kann, denn die Kinder Israels sind jenseits der Steppe dermaßen verachtet, daß sie selbst als Handelsartikel nicht loszuwerden sind. Gegenwärtig mögen in Buchara und in anderen central-asiatischen Städten die Zustände sich unter russischem Einflüsse wohl etwas gebessert haben, doch wer früher am Zerefschan den Hebräer, den Strick um die Lende tragend, gesehen, der stets vom Pferde oder vom Esel abzusteigen hatte, sobald ein Rechtgläubiger ihm begegnete, der jährlich als Zeichen seiner Unterwürfigkeit, zwei officille Ohrfeigen entgegennehmen mußte — dem wird es ein Räthsel bedünken müssen, wie man ein solches Land sich als Heimath erwählen konnte. Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redactton: Or. Lehmann in Mainz. — Verlag uns Expedition des »JSraelit* große Bleiche 45. Z. GottS leben'- Buchdruckerei (Mainzer Anreiger).