Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1882)
- Date
- 1882-07-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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653 sind und Gott, der allmächtige und allgütige Vater im Himmel, stets unser Beschützer war, ist und sein wird. Es tritt in der Jetztzeit an jeden Israeliten die heiligste und theuerste Pflicht heran, nicht durch einmalige Gaben seiner Pflicht zu genügen, sondern wirkliche Opfer zu bringen von seinem Vermögen, Entbehrungen, welcher Art sie auch sein mögen, sich aufzuerlegen, um nachhaltig und wirksam unseren russischen Brüdern helfen zu können. Die hiesige nur aus 25 Familien bestehende Gemeinde kann an Opferwilligkeit jeder Gemeinde mustergiltig an die Seite gestellt werden. Es sind in kurzer Zeit über 900 Mark hier eingegangen, die theils an das Berliner Central - Comitß, theils an das Central-Comie der „Alliance" abgeführt wurden. Von den hochachtbarsten Persönlichkeiten christl. Confession wurde vor kurzer Zeit auch ein Aufruf im hiesigen Kreisblatte zur Linderung der Noth unsrer russ. Glaubensbrüder erlassen. Gewiß der sicherste Beweis von der edlen und guten Denkungsart der Einbecker Bürgerschaft. Kaufmann. Guhrem (Schlesien.) ,ntn -m p» rrn iv« D’D'pjd rrn “üd ,wn pin. Gibt es Etwas, von dem man sagt: Siehe das ist neu! Längst war es in früheren Zeiten, welche vor uns waren. Die infame Beschuldigung, daß wir Israeliten Christenblut zum Osterfeste nöthig haben, ist nicht neu; denn oyn wjn "oin o eine solche Beschuldigung kam dem Mob gut zu statten, bei dieser Gelegenheit konnte nach Herzenslust geraubt und geplündert werden. Aber daß vor ungefähr vierzig Jahren die Israeliten zu Patschkau (Schlesien) einer solchen Unthat beschuldet worden sind, wird gewiß den meisten Lesern dieses Blattes unbekannt sein. In Patschkau lebte ein Kaufmann Jeschie David Lichtenstein. Das Volk nannte ihn wegen seiner Gutmüthigkeit „Vetter Schie." Er war auch in der That ein fetter Vetter. Jedem Armen, weß Glaubens er auch sein mochte, war er ein Helfer in der Noth. Die Hungrigen gingen gesättigt ans seinem Hause. Die Bedrängten, die vom bösen Schicksale Verfolgten, suchten und fanden bei ihm Trost und Hilfe. Der Patschkauer jüd. Gemeinde war er ein Vorbild wahrer ungeheuchelter Frömmigkeit. Kein Wunder, daß dieser Bürger, die Achtung und Liebe Aller, die ihn kannten, im vollsten Maßstabe genoß. Eines Tages, es war an einem livs a-iy, schickte eine Landfrau ihr vierzehnjähriges Töchterchen in die Stadt, um Etwas aus dem Waarenlager des Jeschie zu holen. Die Luft mag kalt gewesen sein, denn das Mädchen kam halb erfroren in das Geschäft des Vetters. Der gute Vetter hatte Mitleid mit dem Kinde, nahm es in sein Ladenstübchen und gab ihm eine Tasse Kaffee. Nachdem es sich erholt und erwärmt hatte, verabreichte ihm Schie das Gewünschte und entließ es. Reb Jeschie war mit dem Ordnen der Sederschüssel beschäftigt, als er durch einen Landmann in seiner angenehmen Beschäftigung gestört wurde. Vetter Schie, sagte der eben eingetretene Ackersmann, wo ist die Tochter meiner Herrschaft? Seit vier Stunden harren sie ihrer? Ich weiß es nicht, antwortete der treuherzige Vetter. Kaum war er mit der Antwort fertig, da stürzte die Mutter des Kindes herein. Wo ist mein Kind, meine Tochter! Um Gottes Willen, wo haben Sie sie gelassen, Schie! Sie haben heute Ostern, ja, ja, meine Großmutter hat es mir immer gesagt, daß ... . Ach mein Kind, — den Satz wollte sie nicht, — als sie dem alten biedern Manne in sein ehrliches Gesicht sah, vollends aussprechen. Aber liebe Frau, sagte der erschrockene Kaufmann, suchen Sie es, es wird denn noch in der Stadt sein. Nun ging's an's Suchen. Es wurde Nacht, es wurde Morgen, das Kind ist nicht da. Das Volk bestürmte das Haus des Jeschie. Vergessen sind nun die Tugenden des edlen Mannes. Jude, nicht mehr Vetter, schrie der Mob, wo hast Du das Kind gelassen? Er hat es geschlachtet, schrien wieder Andere. Wir sahen gestern das Mädchen in des Juden Geschäft herein-, aber nicht wieder herausgehen, sagten die Klatschweiber. Da kam die Polizei heran und versprach den Eltern des Kindes Alles aufzubieten, um ihre Tochter ausfindig zu machen. Beim Schie wurde Haussuchung gehalten, vom Boden bis zum Keller wurde gesucht, das Kind ist nicht da. Der verstockte Jude wird es bei einem seiner Glaubensgenossen untergebracht haben, sagten einige Antisemiten. Gott weiß. Die Geschichte konnte schreckliche Dimensionen greifen. Doch wo die Noth am größten, ist die Hilfe des Allgütigen am nächsten. Das Mädchen, welches seinen Verwandten auf einem Dorfe einen Besuch abstattete, und auf deren Bitten über Nacht bei ihnen blieb, kam nun in die Stadt hereinspaziert. Als das Volk es kommen sah, zerstreute es sich und selbst die Klatschweiber empfanden Scham ob ihrer Dummheit. Der Vetter Schie aber wurde von nun an noch mehr geliebt und geachtet. So möge nun der Allbarmherzige auch jetzt feine Hilfe und seinen Lichtstrahl in die verwinlk, ungarische Affaire senden, auf daß Unsere Hasser sich in Scham kleivcn sollen, und stns, die wir von solchen Unthaten frei waren und sind, möge der Allwissende ferner schützen. M. L. Kamerase, Cultusbeamter.