Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1882)
- Date
- 1882-07-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXIII. Jahrgang. Erste Beilage?it Ar. 29 des Israelit. Leitender Artikel. Palästina und Amerika. (Schluß.) Es kann wohl nicht davon die Rede sein, wohlangebautes, durch kundigen Betrieb zur Blüthe gelaugtes Land für Iheures Geld anzukaufen und es unkundigen Händen zn übergeben, welche dessen Werth verringern und so das darauf verwandte Capital aufzehren: es kann sich nur darum handeln, noch nicht cultivirten Boden zu erwerben und denselben den Ansiedlern zur Bebauung zu überlassen. Das ist aber eine Aufgabe , welche nach der Ansicht des Herrn Netter eine schwierige, ja fast unlösbareist; denn es kann nicht genügen, wenn nach langer Zeit, etwa nach einem Decennium, das Experiment geglückt ist, es muß vielmehr, um Mühe und Kosten zu lohnen , schon nach einem, höchstens zwei Jahren der Ertrag die Bebauer zu ernähren im Stande sein, und auch dann noch bleibt die Frage, wovon sollen diese Leute während dieser Zeit leben? Wenn wir den Ausführungen des Herrn Dr. Herzberg folgen, so finden wir eigentlich darin nur eine Bestätigung der Ansichten des Herrn Netter. Zunächst beruft sich Herr Dr. Herzberg auf die Ackerbauschule in Jaffa) Mikve Israel, ohne zu bedenken, welche Opfer dieses Etablissement bereits!der „Alliance Jsr. Univ." gekostet und daß solches!noch in vorigem Jahre, nach 13jährigem Bestand, [ einen Zuschuß von Frs. 15,000 erforderte. Das ist t ein Mißerfolg, wie er nicht größer sein kann. Der Colonisationsversuch der Amerikaner scheiterte nach Ansicht des Herrn Dr. Herzberg, weil der Führer und Leiter ein Betrüger und Säufer war; gut, es soll also dieser Mißerfolg nicht zählen. Bon den oor zwölf Jahren bei Jaffa und Caiffa von den Württembergern angelegten Colonien gibt Herr Dr. Herzberg zu, daß sie anfangs ein saures Leben lgefuhrt, daß sie leider eine hohe Mortalitätsziffer gehabt, die erst durch die Cultur des Landes und besonders durch Anpflanzung von Eucalyptus-Bäumen lauf das normale Maß herabgegangen, daß sieUnterjstützungen ihrer Glaubensbrüder erhalten und für schulen verwandt, daß die Leute eine unsichere Existenz geführt, daß aber jetzt diese Ansiedlungen in Flor seien und gut gedeihen; Herr Dr. Herzberg zählt das wohl für einen Erfolg, wir nicht; unsre Glaubensgenossen vermögen und wollen nicht ein Decennium im Elende zubringen, um erst dann zu einer gesicherten Existenz zu gelangen. Die ungarische Ansiedelung, En Lebes, die Herr Gut mann vor 4 Jahren gegründet und die im ersten Jahre prosperirte, sei in Folge verschiedener begangener Fehler vorläufig gescheitert, zum Theil wegen mangelhafter Leitung, noch mehr aus Mangel an Gehorsam, Diseiplin und Gemeinsinn und endlich aus Capitalmangel. Man sieht hieraus, wie viel dazu gehört, um eine Colouie zur Prosperität zu bringen und daß gerade Eigenschaften erforderlich sind, wie Gehorsam und Disciplin, die bei unseren Glaubensgenossen nicht allzu reichlich vorhanden sind. Es ist das, Herr Dr. Herz b erg wird dies zugeben, gewiß nicht allzusehr ermuthigend. Nesumiren wir das von Herrn Dr. Herzberg Vorgebrachte, so ergibt sich, daß allerdings günstig gelegene Stellen in Palästina zu hoher Cultur gebracht werden können, daß es aber hierzu einer sangen Zeit, ev. eines Decenniums und mehr bedarf, daß ferner große Capitalien erforderlich sind, nicht allein um das Terrain anzukanfen, das keineswegs sehr billig ist, sondern auch um die Ansiedler wahrend der langen Prüfungszeit zu erhalten, daß demnach große Ausdauer wie nicht minder große Tüchtigkeit des Leiters, Gehorsam und Disciplin der Geleiteten erforderlich ist und daß trotz aller Vorsicht in der Wahl des Terrains Mißgriffe gemacht werden können. Unter diesen Umständen ist für den Einwanderer nicht allein der leichte Erwerb des täglichen Brodes, sondern überhaupt der Erwerb desselben nicht möglich. Herr Dr. Herzberg meint zwar, das sei nicht maßgebend, dürfe nicht maßgebend sein, wenn der Jude nicht zum Vagabunden herabsinken sollte. Uns will es bedünken, daß gerade der Mangel des täglichen Brodes zum Vagabunden mache. Auch unsre Weisen unterschätzen die Wichtigkeit des täglichen Brodes nicht, indem sie sagen, „wenn kein Mehl, dann keine Lehre". Die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina, welche Herr Dr. Herzberg im Auge hat, erachten wir als einen zu phantastischen Gedanken, als daß wir näher darauf eingehen könnten. Wir verkennen es nicht, daß es den Einwanderern leichter ist, ihren religiösen Pflichten in Palästina nachzukommen als in Amerika, allein wir haben schon ausgeführt, daß es nur des festen Willens bedarf,