Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1882)
- Date
- 1882-07-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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724 anlasse. Eine fernere Fügung sei auch der Einweihungstag, der mit einem allgemeinen jüdischen Fasttag (17. Tamus) zusammensalle; denn nach einem alten Herkommen solle der der Einweihung eines Friedhofes gefastet werden, um in Fasten und Gebet den Himmel um seine Gnade und seinen Schutz anzuflehen, daß die Stätte nicht eine solche allgemeiner Trauer oder größeren Unglücks werde, daß der Tod keine reiche Ernte halte. Und endlich sei es eine besondere Fügung, daß dieser Boden mit der Leiche eines unschuldigen Kindes seine Weihe finde, was zu beherzigen gebe, daß ein jeder dahin strebe, wie dieses Kind in Unschuld die irdische Laufbahn u beschließen und daß diese letzte Ruhestätte eine olche für Schuldbefreite werde. Mit den Worten des Propheten, die auf die Wiederauferstehung der Todten Hinweisen, schließend, endete die kurze, aber tiefernste Feier. EL Georgensgmünd, 5. Juli. Es ist gewiß sehr erfreulich, wenn man in unserer Zeit, die so voller Vorurtheile gegen uns Juden ist, Menschen trifft, die durchdrungen sind vom wahrem Geist der Humanität und Bruderliebe; um so erfreulicher ist es, wenn solche Personen in der Lage sind, diese ihre Gesinnungen in die Oeffentlichkeit zu bringen und solche durch Wort und Schrift bethätigen. Von solchem Geiste ist die Redaction der bay. Lehrerzeitung, welche Fachblatt des bayr. Lehrervereins ist, und welchem Letzterem Schreiber dieses auch als Mitglied angehört. Es möge mir gestattet sein, den Lesern des „Israelit" eine Correspondenz des genannten Blattes, welche von dem Redacteur Herrn Lehrer Pfeifer selbst ist, zugänglich zu machen. Diese lautet: Bei Gelegenheit eines Geschenks von 50 Mark für das bayer. Lehrerwaisenstift, durch Postanweisung am 8. d. Mts. an die Redation ausbezahlt, habe ich Begleitzeilen eines mir stets werthen jüdischen Kollegen, eines braven Mannes voll Geisteskraft und Charakter, erhalten, die mir subjektiv und objektiv so inhaltsreich erscheinen, daß ich dieselben, nur mit Namenverschweigung — wohl ganz im Sinne des edlen Gebers — unserm werthen Leserkreis nicht vorenthalten zu dürfen glaube. — „Durch die Gnadewaltung Gottes ist mir in meinem 75. Lebensjahre das seltene Glück beschieden, mit meiner im 73. Jahre stehenden Gattin die sogenannte „goldene Hochzeit" heute im stillen Familienkreise zu feiern. Da ist denn ein Rückblick auf die durchlebten Jahre wohl angezeigt. Es ist ein Lehrerleben, ein Leben voll Mühen, Sorgen und Kämpfen, «berauch nicht ohneFreuden, dasich durchlaufen. Zu meinem freudigen Erinnerungen zählt auch mein Zusammenleben und Streben mit meinen Kollegen der verschiedenen Konfessionen und, ich darf es sagen, mein Mitwirken in Vereinen, in der Presse und auf den allgemeinen großen Lehrerversammlungen, insbesondere auch in den geselligen kollegialischen Kreisen im Distrikte Gunzenhausen, in dem ich 35 Jahre verlebt habe; denn der bayr. Lehrerstand lebt, wie kein andrer, ohne Rücksicht auf Consession, und ohne daß diese darunter leidet, in Amtsbrüderlichkeit und Freundschaft (mit dem Ziele der Menschenbildung) treulich zusammen. Darum haben sich auch die bayerischen christlichen Schullehrer, mit winziger Ausnahme, bei der wüsten Agitation gegen die Juden nicht betheiligt, eine Erscheinung, der Du, verehrter Freund! auf der allgemeinen Lehrerversammlung in Bamberg vorigen Jahrs beredten Ausdruck gegeben und Förderung geschaffen hast. Bin ich auch seit meiner nöthig gewesenen Quieszierung nicht mehr in der Lage, in der Schule und was sie fördert, zu wirken; vermag ich auch nicht zu meinem Bedauern wegen meines Augenleidens den, in nächtlicher Zeit stattfindenden, hiesigen Vereinsversammlungen beizuwohnen, so bewahre ich doch dem Schullehrerstande und seinen Bestrebungen alle meine Sympathieen und bezeuge gern meine Zugehörigkeit. Es stellte mich vor einiger Zeit ein sogenannter höherer Lehrer, ein Doktorirter, in einem Familienkreise mit den Worten vor: Herr Literat und Privatier N.", worauf ich alsbald sagte: „Die Hauptsache haben Sie vergessen, ich bin pensionirter Schullehrer." Noch Eines liegt mir am Herzen, das ich gar gern dem bayr. Schullehrerstand nahe legen möchte, wenn ich noch eine Gelegenheit dazu fände. Es wäre, meine ich, eine, meiner christlichen Amtsbrüder würdige Ausgabe, wenn sie in ihren Schulen den so tief liegenden Keimen des Judenhasses die Lebenskraft abschnitten, was sie am ersten im Stande wären und zwar nicht sowohl der Juden wegen, die wahrlich im großen Ganzen besser sind als ihr Ruf, wohl aber der Christen wegen; denn aus dieser Saat schießt sofort ein Giftbaum hervor, der Neid, Habsucht, Verrohung und alle bösen Gelüste zeitigt, wodurch also das christliche Volk moralisch geschädigt und in allen seinen Beziehungen zum Ganzen demoralisirt wird. Bedürfte es für die Lehrerschaft noch eines äußeren Grundes, in diesem Sinne zu wirken, so möchte sie der Erfahrungssatz bestimmen, daß allezeit die eintretende Reaktion zuerst gegen die Juden und Schule sich kehrt. „O! macht lieber alle andern Tageszeiten des Lebens trübe", sagte Jean Paul in seiner „Levana", „nur bei Sonnenaufgang lasset es nicht ins Leben regnen." Hat doch die bayr. Lehrerschaft vor Jahren schon einen Akt des Hochfinns im Sinne der Zusammengehörigkeit all' ihrer Mitglieder dadurch gegeben, daß sie ein aus ihrer ureigenen Initiative hervorgegangenes Lehrerwaisenftist für alle Konfessionen, also auch für die Angehörigen