Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1882)
- Date
- 1882-07-12
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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715 soeben erfahre, ein Telegramm aus dem Städtchen Okno (Chersoner Gouvernement), worin ihm mitgetheilt wird, daß gestern dort Judenhetzen stattgefunden, wodurch fast die ganze jüdische Bevölkerung in Noch und Elend versetzt wurde. Herr Brodski wird aufgefordert, schleunige Hilfe an Lebensmitteln nach Okno zu entsenden. Einige der Rädelsführer sollen arretirt worden feilt. Diese Nachricht wird von der hiesigen Censur sicherlich nicht in die Oeffentlichkeit gelassen werden, da sogar Telegramme hierüber nach Petersburg heute nicht aufgegeben werden können. Feuilleton. Die Juden von Kalla. (Fortsetzung.) War die Lage der Unglücklichen im überfallenen Stadtheile schon bisher eine furchtbare, so steigerte sie sich durch diese Absperrung vollends zum Entsetzlichen. Die flüchtigen Weiber und Kinder wurden von den Soldaten mit Kolbenstößen zurück und ihren Peinigern in die Händen getrieben; anderseits konnten die Helfer nicht heran. Auch diese wurden mit dem Kolben abgewiesen; daß das Militär vom Bajonnete Gebrauch gemacht oder Feuer gegeben, wie in den meisten Berichten zu lesen stand, ist nicht richtig: von den Soldaten ist in Balta Niemand erschossen oder erstochen worden; nur den Plünderern fielen Menschenleben zum Opfer. Ebenso ist die Meldung der Wiener „Politischen Korrespondenz", daß die Häuser angezündet und viele Menschen lebend in die Flammen geschleudert wurden, erdichtet; in Balta kam kein Brand vor, und als die Plünderer am Abende des Dienstag in einem Häuschen neben dem großen Kaufhause Berladiner durch das Umstürzen einer brennenden Petroleumlampe ohne Absicht ein Zimmerfeuer anrichteten, stü^ten sofort andere Haufen herbei und löschten den Brand binnen zehn Minuten aufs sorglichste; war doch die Flamme ihr Concurrent, handelte es sich bei ihnen doch vor Allem um Befriedigung ihrer Habgier! Solche Uebertreibungen sind doppelt beklagenswerth, weil die russische Regierungspresse dann wochenlang Kapital aus ihnen schlägt, um die Glaubwürdigkeit der auswärtigen Blätter herabzusetzen. Und was bedarf es hier der Erdichtung, wo die Wahrheit so grauenhaft ist! Was sich im Dunkel dieser Nacht auf der „Türkischen Seite" begeben, wird nie in seiner vollen Scheußlichkeit kund werden, aber schon das, was ruchbar geworden, vermag wohl keines Menschen Wort zu schildern. „Das war" — schreibt der wackere Vice-Bürgermeister der Stadt, Iwan Sen- I! jonowicz Fallinski — „eine Hölle, so gräßlich, so abscheulich, daß sie die wüsteste Phantasie nicht häßlicher malen könnte, eine Hölle, in der es nichts Menschliches mehr gab, denn unmenschlich war das Wüthen der Unholde und übermenschlich die Qual ihrer Opfer. Und würde ich tausend Jahre alt, ich vergäße nie, was ich da gesehen!" S?as dieser Schreckens-- nacht von Balta und dem Tage, bCT ihr folgte, in der Geschichte der bisherigen Gräuel den traurigen Vorrang sichert, daß hier das Schlimmste gescheuert, ist nicht so sehr die Masse des Geraubten, als vier systematisch geübte Zerstörung, von der auch nich? Eine jüdische Wohnung dieses ganzen großen« von mindestens 9000 Menschen bewohnten Stadttheiles verschont blieb. Nicht so sehr die Zahl der Verwundeten und Todten, als das kannibalische Wüthen gegen Mädchen ^und Frauen. Hier vertheilten sich die Plünderer nicht planlos durch alle Straßen, so daß ihnen dies und jenes Haus denn doch entgehen konnte: wie planmäßig hier „gearbeitet" wurde, cheweift die Thatsache, daß die Banden, unmittelbar nachdem die Soldaten das Ufer besetzt, an die Peripherie der Stadt eilten und von da gegen die Brücken zu wütheten, denn, meinten sie, „über den Fluß werden ja die Hunde nicht gelassen, aber in die Steppe könnten sie entfliehen"! Und wie gründlich wurde da, „gearbeitei"! Der Verlaus war überall derselbe: zuerst wurden sämmtliche Fenster durch Steinwürfe zerschmettert, dann pochten die Plünderer an die Thür und begehrten Einlaß; gehorchten die Bewohner nicht, «rußten die Pforten mit Gewalt eingerannt werden, so lief es nie mit bloßem Frevel am Eigenthum gb: die Männer wurden mißhandelt und verwundet, die Weiber entehrt, darunter zwölfjährige Mädchen und sechzigjährige Greisinnen. Ueberall aber wurde Alles, was nicht niet- und Nagelfest war, mitgenommen oder vernichtet. Nachdem die Bande an den Leibern der Bewohner und in den Kästen nach Geld gefahndet, nachdem alles Silber und Messing und jedes i irgend werthvolle Einrichtungsstück von den Burschen und Weibern in die Säcke gesteckt worden, begann die Zerstörung: der Hausrath und das Handwerkszeug wurden mit Bellen auf Stücke zerhackt, die Betten aufgeschlitzt und die Federn auf die Gasse gestreut, die Kleider zerschnitten. Die ersten Kaufläden, welche die Bande erbrach, wurden ganz ausgeplündert, '.aus den anderen, weil die Leute die Beute nicht mehr erschleppen konnten, blos das Werthvollste entwendet, alles Andere besudelt, zertreten, auf jede erdenkliche Art unbrauchbar gemacht. Auch in den Schnapsläden ging es ähnlich zu, die Horde soff, so viel sie konnte, alles Uebrige wurde in die Rinnsteine gegossen. Erst egen die vierte Morgenstunde, da der Tag graute, örte die Zerstörung auf, weil es nichts mehr zu