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Der Israelit · 1882-07-12 · Heft 28 (12.7.1882) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 28 (12.7.1882)
Date
1882-07-12
Page
– (sequence 24)
Language
German
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716 zerstören gab. Nun wankten Jene, die noch gehen konnten, heim, um Rausch und Müdigkeit auszuschlasen; die Meisten sanken neben ihren Sack hin und schliefen auf der Straße ein. Weich genug lagen sie; an Federbetten fehlte es nicht. Die Zahl der Unthaten, die in jener Nacht an Menschen verübt worden, wirb nie genau festzustellen sein; die Gründe hiefür wird sich der denkende Leser selbst sagen können. Wir heben nur insbesondere hervor, daß mit Tagesanbruch alle Juden, die forteilen konnten oder tansportabel waren, den Stadttheil verließen, daß weitaus die Meisten sich in der Steppe bargen, zum Bahnhof zogen, dann nach den Städten der Umgebung, nach Odessa oder gar über die österreichische Grenze flüchteten, und daß kaum die Hälfte wieder nach Balta zurückkehrte. Vier Todte, mindestens dreißig tödtlich oder schwer Verwundete sind mit Sicherheit zu constatiren, die Zahl der Leichtverwundeten dürfte mit 200 eher zu niedrig als zu hoch bemessen sein; was endlich die Schändungen betrifft, so war ihre Zahl unzweifelhaft eine erschrecklich große, aber hier eine Ziffer zu nennen, ist angesichts der Verhältnisse ganz unmöglich. Wir fügen einige Details bei, zunächst über die Erschlagenen. Ein halbblinder Greis, Schnor Leckermacher, der einst Bäckermeister gewesen und nur von milden Gaden zehrte, war zu schwach, um beim Nahen der Plünderer gleich den anderen Hausgenossen seine Hütte unfern der Nikolaikirche zu verlassen; seine jüngste Tächter harrte trotz seiner Bitte bei iym aus. Sie öffnete.den Plünderern auf das erste Pochen, doch waren diese darüber erzürnt, weil sie in der Stube so wenig fanden. Ihr Führer schwang das Beil über dem Greise und rief: „Gib mindestens fünf Rubel!" — Der Jude umklammerte seine Knie und schwor, daß er nichts besitze, worauf ihm Jener mit dem Beil den Schädel spaltete. Die Tochter wurde auf den Sterbenden geworfen und in dieser Lage von zweien der Männer geschändet. Sie ist wahnsinnig geworden. — Ein Nachbar Leckermacher's, Baruch Wafferführer, ein baumstarker Mann von etwa vierig Jahren, setzte den Plünderern gleichfalls keinen Widerstand entgegen; als sie jedoch seine zwölfjährige Tochter ergriffen, entriß er sie ihnen; das Kind entfloh und blieb gerettet, der Vater endete unter den Keulenhieben und Fußtritten der Horde; sein Leichnam war zu einer so unförmlichen Masse zusammengestampft, daß die Aerzte versicherten, nie Aehnliches gesehen oder für möglich gehalten zu haben. — Der Getreidehändler Mendel Schermann war eben im Begriffe, sich mit seinem Weibe und seinem zweijährigen Knaben in die nächste Synagoge zu flüchten, als die Unholde herankamen und sich auf sie stürzten. Schermann wurde zu Boden gerissen und furchtbar geschlagen, dem Weibe wurde Gewalt angethan. Das Kind lag wimmernd daneben, worauf es einer der Männer durch einen Fußtritt beiseite warf; als es laut aufschrie, hieb ihm ein Anderer mit dem Beile den Schädel ein. Dann zogen sie fort. Die unglücklichen Eltern rafften sich wieder auf, Schermann nahm die Leiche seines Kindes in die Arme, so wankten sie in die Steppe hinaus. Am nächsten Morgen kam Schermann auf die „Polnische Seite" und durchwanderte, die Leiche noch immer in den Armen tragend, gesenkten Hauptes die Gassen, ohne die Schreckensscenen zu bemerken, die rings um ihn tobten; dort hatte eben die Verwüstung begonnen. Die Plünderer schlugen ihn; seine Glaubensgenossen versuchten es, ihn in Sicherheit zu bringen, er aber ging langsam weiter, gleichmäßig wie ein Automat, das stiere Auge auf die entstellten Züge seines Kindes gerichtet. Erst am Mittwoch Morgen gelang es einigen Leuten der „Chewra Kedischa" (Begräbniß-Bruderschaft), des armen Wahnsinnigen habhaft zu werden und ihm die Leiche zu entreißen. — Im Hause des Mordka Sohner war alles geflohen; in der Todesangst und Verwirrung hatte man des Kranken im Hause, des Sohnes Nachmann vergessen, der eben einen Blutsturz überstanden hatte, sich auf dem Wege der Besserung befand, aber noch das 23ett hüten mußte. Nur seine alteMutter erinnerte sich seiner und kehrte zu ihm zurück. Als sie ihm eben ein Glas Milch reichte, brach die Horde ein; die Einen plünderten, die Andern stürzten sich auf Mutter und Sohn und begannen sie zu mißhandeln, indem sie riefen: „Milch trinkt ihr und pflegt euch, aber Geld für uns habt ihr nicht!" Der kranke Jüngling raffte sich auf und warf sich über die Mutter, um sie mit seinem Leibe zu schützen; der Blutsturz kehrte wieder; die Unholde schlugen dennoch so lange auf ihn los, bis er verschieden war. Wir fügen die Namen jener Schwerverwundeten auf der „Türkschen Seite" bei, welche die Nacht wohl überlebten, aber kurz darauf verschieden. Schon am Dienstag Vormittags starb Friedel Kluppnik, ein etwa sechzigjähriger Arbeiter, in der Nikolaistr. wohnhaft; ihm war der Brustkasten zertreten worden, weil er die Thür nicht freiwillig geöffnet. Am Dienstag Abends starb Baruch Schlagowski an einer Kopfwunde, am Mittwoch Morgens Jakob Kuschnir, sechs Tage später der Hausbesitzer Friedel Specter. Bezüglich der letztgenannten drei Opfer waren die näheren Umstände, unter denen sie den Todesstreich empfangen, nicht festzustellen. Auch ist das vorstehende Verzeichniß sicherlich lückenhaft, ebenso vermögen die noch folgenden Details nur ein schwaches Bild von der Entsetzlichkeit dieser Nacht zu geben. (N. Fr. Pr.)

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