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Der Israelit · 1882-07-12 · Heft 28 (12.7.1882) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 28 (12.7.1882)
Date
1882-07-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
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707 Feuilleton. Joß Munitz. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem erstenDrittel des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) Dreizehntes Kapitel. Trotzdeni der Frankfurter Rabbiner die Einladung des Primators für die Dauer seiner Anwesenheit in Prag angenommen hatte, mußten jener und dieser doch den ersten Freitag Abend bei dem Oberrabbiner David Oppenheim *) speisen. Dieser bildete eine hochhervorragende Erscheinung unter seinen Zeitgenossen. Er vereinigte zur Zeit unserer Erzählung nicht nur die höchsten hierarchischen Würden der europäischen Judenheit — er war Oberrabbiner von Prag und von ganz Böhmen — sondern er war auch durch seine Abkunft, seine Familie, seine Connexionen und seinen Reichthum eine vielvermögende, einflußreiche Persönlichkeit. Er war ein Neffe des kaiserlichen Hoffaktors Samuels Oppenheim zu Wien, jenes berühmten Mannes, den der Generalissimus des deutschen Kaisers und Reichs Prinz Eugen von Savoyen in Wien aus offener Straße umarmte und es öffentlich anssprach: Ohne die Hilfe dieses Mannes stünden die Türken wieder vor Wien. 'David Oppenheim hatte von seinem Oheim ein Vermögen von einer halben Million Thaler und eine große Bibliothek ^) geerbt. Er führte in Prag einen Haushalt wie ein jüdischer Fürst, und das Gemach, in welchem er jetzt mit seiner Familie und seinen Gästen die Freitagabenomahlzeit abhielt, war feenhaft beleuchtet. 1) David Oppenheim wurde 1664 in Worms geboren, 1686 Oberrabbiner in Brecz, 1690 Oberrabbiner in Nikolsburg und Diahren, 1702 wurde er in Prag zum Oberrabbiner und Schulrcktor gewählt (trat die Stelle aber etwas später an), 1713 auch Landrabbiner über halb, 1718 über ganz Böhmen. (Vergleiche S. Hocks Gal-cd). 2) Diese Bibliothek, welche, als sie David Oppenheim erbte, 7000 Druckwerke und 1000 Handschriften zählte, war in eigenthümlicher Art entstanden. Prinz Eugen hatte Samuel O. seltene hebräische Handschriften und Werke, die er im türkischen Kriege erbeutete, zum Geschenke gemacht. David O. hatte dieser werthvollen Büchersammlung die höchste Aufmerksamkeit zugewendet, und sie durch weitere Anschaffungen vermehrt! Nach seinem Ableben blieb sie nicht lange im Besitze seiner Familie. Mendelsohn schätzte sie auf 50—60,000 Thaler, aber es fand sich auf dem ganzen Kontinente kein Mäcen, keine Regierung, welche in gehöriger Würdigung dieses Schatzes ihn erworben hätte und so kaufte sie 1839 die Orforder Universität um den Spottpreis von 9000 Thalern. In der Mitte des großen Zimmers über deu viereckigen Tisch, um welche die Gesellschaft saß, hing von der Decke herab eine vierarmige, silberne Lampe, auf welcher Oeltiegel angebracht waren. Der Haupteffekt der Beleuchtung aber wurde durch zwei hohe Girandolen erzielt, welche auf den Fußboden zu beiden Seiten des Tisches standen und mit Wachskerzen besteckt waren, welche ihr Licht auf die reichbesetzte Tafel niederströmen ließen. Man speiste auf silbernen Tellern; dem illusteren Gaste, dem Frankfurter Rabbiner, hatte man als besondere Auszeichnung einen goldenen Teller vorgesetzt. Jede Person hatte zwei Barches auf dem Gedecke, neben demselben eine Flasche und einen silbernen Becher. Vor dem Hausherrn, seiner Gattin, dem Frankfurter Rabbiner und dem Primator, standen goldene Becher. Das somptuense Mahl war beendet, man hatte, wie sich dies von selbst versteht, und wie es die rabbinische Vorschrift erheischt, Diwre Thoro y gesprochen; aber am Schluffe der Tafel nach dem Tischgebete, hatte das Gespräch eine eigenthümliche Wendung genommen, welche alle Anwesenden, auch die Frauen und die minder gelehrten Hausgenossen in lebhaftester Weise interessirte. Man war auf den Reisezweck des Frankfurter Rabbiners zu sprechen gekommen und dieser wiederholte, was er schon dem Primator mitgetheilt, daß er morgen in seinem und mehrerer deutschen Gemeinden Namen dem hochverdienten Ncb Löb Munitz, der in Deutschland unter dem Namen Prager *) bekannt war, zu seinem sechszigften Geburtstage die herzlichsten Glückwünsche aussprechen wolle. Als Oppenheim, Munitz unter diesen Namen bezeichnen hörte, wurde er aufmerksam und rief überrascht: *. „Was sagt Ihr, Frankfurter Raw?"°) Reb Löb Prager, der treffliche, edle Mann, wohnt hier, wohnt, wie Ihr sagt, schon 16 Jahre hier, und ich hatte keine Ahnung, daß er hier lebt; — und wie ich erfahren habe, wurde er durch ein, mir jetzt völlig unerklärbares Mißverständniß von dem hamon am") gehaßt und verfolgt; ..... ja wenn ich mich recht erinnere, Primator!" wandte er sich an 3) Ueber religiöse Forschungen, Erklärungen, Deutungen Lösungen scheinbarer Widersprüche. 4) Es war;n jener Zeit, wo noch keine Conscription bestand, die Gepflogenheit die Leute nach ihren Wohn- oder Geburtsorten zu bezeichnen, eine Gewohnheit, die sich ziemlich lang fortpflanzte. Reb Elije Wilna, Reb Jeschaje Berlin oder Breslau, Reb Meschulem Tusmeniz waren Namen, die geläufiger als die wahren Familiennamen der Betreffenden waren, daher rühren beim Juden auch die vielen Städteals Familiennamen. 5) Es war früher Sitte, daß sich im Range und in Gelehrsamkeit gleich oder nahestehende Rabbiner in solcher Weise ansprachen, z. B.: Landraw! Preßburger Raw! 6) Masse des Volkes.

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