Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1882)
- Date
- 1882-07-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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706 sei für die Gleichstellung der Bekenner der verschiedenen Confessionen. Redner war dadurch unangenehm berührt; auch die Kammer hat schon auf die große Intoleranz aufmerksam gemacht, womit die Juden in Rumänien behandelt werden. Daran knüpfen sich die traurigen und schändlichen Verfolgungen, denen die Juden in Rußland ausgesetzt sind, und diese Intoleranz trifft man hauptsächlich an bei Denjenigen, die meinen, wahre Christen zu sein, sogar unter den hohen Staatsbeamten in Berlin findet man solche Judenfeinde. Wenn auch unsre innern Angelegenheiten viel zu wünschen übrig lassen, so dürfen wir uns doch rühmen/ daß wir in einem Lande wohnen, wo volle Religionsfreiheit herrscht, wo Alle, welcher Religion sie auch angehören, gleichberechtigt sind und zu jeglichem Amte ernannt werden. Redner sagte, daß ein früheres Mitglied gestorben sei, ein Bekenner der jüdischen Religion, den Alle achteten und ehrten, der durch das Vertrauen des Königs an den Ministertisch berufen war, der Mann, der, so lange er Kammermitglied war, eine Zierde dieser Versammlung war und wegen seiner Gelehrsamkeit und seines Charakters durch Alle geehrt war: er war „ein Israelit, in dem kein Trug war". Er hoffe, daß die Kammer Herrn Godefroi morgen die letzte Ehre bezeugen werde. Dies geschah denn auch in vollem Maße. Fast die ganze Kammer mit ihren Präsidenten, der Präsident des Ministeriums, der Justizminister und der Colonienminister, der Staatsrath mit seinen Vicepräsidenten, die höchste Gerichtsbehörde des Landes mit dem Generalprocurator und seinen Assistenten, der Appellationsgerichtshof, sechs Minister a. D., der frühere Generalgouverneur von Niederl. Ost-Indien, die Spitzen der Behörden, wohnten der Feierlichkeit bei. Das Gebäude des Justizministeriums war während der ganzen Zeit geschlossen. In beredten Worten wurden am Grabe durch den ehrwürdigen Oberrabbiner Bernstein, Godefroi's Verdienste als Mensch und Israelit geschildert; er stellte ihn, der so oft für seine Glaubensgenossen in die Schranken getreten ist. Andern zum Beispiel hin. In schwungvoller, gehobener Sprache wurde dann durch den Justizminister Modder mann dem großen Verstorbenen Lob gezollt. Er sagte u. A. (denn wir müssen uns des Raumes wegen kurz fassen): „Godefroi wartreu den Traditionen seines Geschlechtes, er besaß und bewahrte die Eigenthümlichkeiten dieses Geschlechtes, aber er war doch im wahren Sinne des Wortes Repräsentant des ganzen niederländischen Volkes. Mit orientalischer Lebhaftigkeit arbeitete er für das Gesammtwohl des Vaterlandes. Der Minister deutete auf die edle Haltung des Verstorbenen hin, der ihm, dem jungen Minister, gegenüber voller Rücksichten war bei seinem ersten Auftreten als Minister, wiewohl seine Zukunft von Godefroi abhing; er betonte seine Loyalität, sein außerordentlich fruchtbares Wirken im Justizministerium; wie er, nachdem er seine frühere Stellung in der Kammer wiederum eingenommen hatte, es für seine Aufgabe hielt, seine Nachfolger, die an der Reorganisation unsrer Gesetzgebung arbeiteten, zu unterstützen. Die Lorbeeren, durch Andere errungen, raubten ihm den Schlaf nicht; er war einer der noblen Bürger, die unser Land so schlecht entbehren kann u. s. w. Sein Andenken, wir wollen es in Ehren halten, seinem Beispiele wollen wir mehr und mehr Nachfolgen." Nach ihm sprach der mehr als fünfzig Jahre mit ihm befreundete frühere Cultusminifter und jetziges Mitglied des höchsten Gerichtshofes, Dr. jur. Iolles; er hatte. obgleich selbst schon ein alter Mann, vor einigen Wochen den Freund in Würzburg besucht und wohl bemerkt, daß er mit iljm den letzten Händedruck auf Erden gewechselt. Er sagte, „daß Godefroi bei all' seinen Fähigkeiten nicht ehrgeizig war; er beachtete den Spruch: „nisi utile est, quod facimus, stulta est gloria“. Er hatte bis zu seinem Ende für seinen König und sein Vaterland gearbeitet. Niederland ist ihm viel verpflichtet, er gehört zu den Männern, die schlecht entbehrt werden können. Er ruhe in Frieden von seiner Arbeit und möge er in höheren Regionen erfahren, daß feine Werke ihm folgen." Im Namen der Wittwe nnd der Verwandten dankte der Schwager des Verstorbenen, Herr Dr. jur. C. D. Asser, Mitglied des höchsten Gerichtshofes, für die große Theilnahme und gefühlvollen Worte. Auch dankte er den Mitgliedern der Niederl. und Portugies. Israel. Gemeinde, die aus Pietät die Leiche getragen. So ehrt man hier zu Lande feine großen Todten — wess' Glaubens sie auch sein mögen. — Das Amsterdamer Hilfs-Comit6 für die unglücklichen russischen Glaubensbrüder,scheint in dem „Nach- Amerika-Schicken" der Verfolgten kein Heil mehr zu sehen. Es hat darum an die verschiedenen Local- Comits's ein Namensverzeichniß der Russen geschickt, die sich jetzt in Amsterdam befinden, und ferner angefragt, ob man vielleicht auch einige junge Leute hier oder dort unterbringen kann. Die hiesige jüd. Gemeinde hat sich schon bereit erklärt, einige Familien, wenn sie arbeiten können und wollen, aufzunehmen. S. I. C.