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Der Israelit · 1882-07-12 · Heft 28 (12.7.1882) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 28 (12.7.1882)
Date
1882-07-12
Page
– (sequence 16)
Language
German
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708 diesen, „waren wir erst vor Kurzem bemüßigt, um seinetwillen einen Chruß^) zu erlassen, daß Niemanden in Prag ein Schem Kinne nachgerufen werden dürfe .... wie weh' mir das Hut! aber," er wandte sich wieder an Rabbi Jacob Cohen, der rechts neben ihm saß, „Ihr könnt Euch gar nicht denken, wie außerordentlich stark ich beschäftigt bin, vielleicht mehr als irgend ein Mensch auf der Welt! Ich bin, wie Ihr wißt, Oberrabbiner von Prag und von ganz Böhmen, wir haben in der Stadt und im Lande eine große Zahl von Glaubensgenossen — Ken jirbe wechen jisroz^) — Zorchehem merubim^) — es vergebt keine Stunde des Tages, wo man nicht persönlich oder brieflich mit Anfragen, Bitten, Forderungen, Beschwerden, Klagen, Vorschlägen an mich herantritt. Es vergeht kaum ein Tag, wo ich nicht vom Lande, — von Gemeinden oder Privaten — mehrere Briefe erhalte. Ich habe hier in der Stadt und im ganzen Lande die Oberaufsicht über alle Nabbinate, Schochtim, Schulen, Synagogen, alle religiösen Institutionen; — überdies gelangen aus allen Theilen der Welt Scheilos") an mich, die ich beantworten muß, jede Woche muß ich zweimal den Sitzungen des Nabbinates präsidiren, einmal sind wir in der Regel mit der Erledigung der Rekurse gegen das Unter - Besdin ") beschäftigt. Dabei habe ich oft genug mit den christlichen Obrigkeiten zu verkehren. Trotzdem unser Primator und das Gemeindeamt fortwährend im regen Verkehre mit den Behörden stehen, werden auch mir oft genug von dem Oberstburggrafen und dem böhmischen Landesgubernium, Gutachten abgefordert. Von Zeit zu Zeit habe ich religiöse Vorträge in den Synagogen abzuhalten, das Land zu bereisen; dabei habe ich eine große Schülerzahl, denen ich Talmud und Poskim12) vortrage. Auch außer Meinen amtlichen Verrichtungen bin ich anderweitig beschäftigt. Ich habe das große Vermögen, das mir mein Oheim, Reb Schemucl, hinterlassen, zu verwalten, und ich halte auch dieses für eine heilige Pflicht, nicht nur weil ich durch den Zehnten des Erträgnisses die Armen unterstützen und die religiösen Institutionen erhalten kann; sondern auch, weil ein großes Vermögen Einfluß auf die Großen der Erde verleiht. So lange wir beawonosenu horabbim^) im Golus") unter den Völkern leben, muß 7) Aufruf. 8) So mögen sie sich vermehren und verbreiten! 9) Ihre Bedürfnisse sind vielfach. 10) Anfragen in religiösen Dingen. 11) Unterr'abbinat. Ein solches bestand in Prag, es hielt seine Sitzungen allabendlich in einem Nebenraume der Altneusynagoge ab. Wer sich von dessen Entscheidung beschwert fühlte, konnte an das Ober-Nabbinat appelliren. 12) Decisoren. 13) Um unserer großen Sünden willen. 14) In der Zerstreuung, der Diaspora. es auch Stadlonim") geben, sonst würde — was Gott in seiner Allhuld gnädigst verhüten wird, Scheeris Jisroel16) bald vom Erdball verschwinden. Auch habe ich von meinem verewigten Ohm nicht nur irdische Schätze, sondern auch einen geistigen Schatz, seine Bibliothek geerbt; und auch diesen sehe ich nach Möglichkeit zu vergrößern, ich will der Judenheit, ja der ganzen Welt einst eine Bibliothek hinterlassen, die meinen Namen bis zu den spätesten Generationen tragen, ihn unsterblich machen wird; endlich hat es dem allmächtigen Gott gefallen, mir das Augenlicht zu nehmen, — und so konnte es geschehen, daß ein Einzelner, Würdiger, in meiner Gemeinde, meiner Aufmerksamkeit entgehen konnte. Doch will ich gut machen, so weit mir dies möglich ist. Wenn Gott uns das Neß") erweist, daß Reb Löb unfern Besuch empfangen kann, sprechen auch wir, Ihr, Primator, und ich, Namens der Gemeinde Prag und der ganzen Judenheit Böhmens, unsere herzlichsten Glückwünsche, dabei wohl auch das tiefe Bedauern aus, ihn nicht früher gekannt, nicht unverdiente Mißachtung von seinem würdigen Haupte abgehalten zu haben ...... Aber es ist eigenthümlich, es waren mir von glaubwürdigen Personen Gerüchte über ihn zu Ohren gekommen, die sehr sonderbar lauten. Es wurde behauptet, daß er trotz seines Reichthums nie einem Armen etwas gebe, ja Bedürftige mit harten Worten von seiner Schwelle weise." „Daß er Leuten Gutes erwies, ohne daß sie es erfahren durften, das weiß ich," sprach der Frankfurter Rabbiner, „das lag, wie ich gehört, von jeher in seinem Wesen, er liebte es im Geheinien zu geben, aber daß er einen Armen unfreundlich, hart anfahren könne, das scheint mir bei seinem weichen Gemüthe fast unmöglich!" „Ob Ihr Euch doch nicht in dem Namen und der Person irrt, Rabbi?" hatte der Primator, bedenklich den Kopf schüttelnd, zu bemerken, „doch wir hoffen ja, daß Ihr ihn sehen werdet!" „Ich irre mich ganz gewiß nicht, ich habe meine Nachrichten aus bester Quelle ..... noch Eins will ich bemerken, Ihr glaubt, ich könnte mich von seiner Identität überzeugen? Das ist aber nicht der Fall, ich habe ihn nie von Angesicht gesehen; als ich vor elf Jahren nach Frankfurt kam, lebte der treffliche Mann nicht mehr dort. Wie ich schon gestern dem Primator mitgetheilt, danken wir es nur einer glücklichen Fügung, daß wir erfuhren, er hätte sich vor sechszehn Jahren nach Prag gewendet, wo ein Sohn von ihm lebt." 15) Fürsprecher. 16) Der Rest Israels. 17) Wunder.

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