Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1882)
- Date
- 1882-07-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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704 „Ihr habt Recht," antwortete Garnham, sich vom Boden erhebend. John war zwar durch den unerwarteten Angriff wieder nüchtern geworden und suchte mit der Kraft eines Verzweifelten sich aus den Händen Eduards zu befreien; allein Jsak kam diesem zu Hilfe, und es gelang ihren vereinten Anstrengungen, den Schäfer mit starken Stricken, die sie in der Hütte vorfanden, zu binden. Nachdem dies geschehen war, sagte Garnham: „Ich war ein unnützer, lüderlicher Bursche, aber kein Mörder. In jener unglückseligen Nacht wollte ich meinen Onkel, der mir hartnäckig jede Unterstützung verweigerte, mit dem Revolver in der Hand bedrohen und einschüchtern, damit er mir Geld gebe. Als ich die Thüre öffnete und meinen Onkel in seinem Blute schwimmen sah, war ich starr vor Schrecken. Dann war mein erstes Gefühl, ihm beizuspringeu und das Messer aus der Wunde zu entfernen. Ein Blutstrahl ergoß sich aus der Wunde und bespritzte mich von oben bis unten. Als ich nachher Leute herbeirief, hielten diese allesammt mich für den Mörder. Man wußte, daß ich mit meinem Onkel in Streit und Zank gelebt hatte. Auch der eladene Revolver zeugte gegen mich. Dagegen boten ie durchgefeilten Eiseuft'äbe und das ausgehobene Fenster Momente der Entlastung. Deßhalb verur» theilte man mich nicht zum Tode, sondern zur Deportation. Was ich gelitten habe, seit jener unglückseligen Nacht, ich kann's nicht beschreiben!" „„Einiges davon habe ich gesehen,"" sagte Jsak, „„da Ihr in die Verbrecher-Colonie hinausgeführt wurdet, an Ketten geschmiedet, um Steine zu zerklopfen und da die Peitsche des Aufsehers Euch über den Rücken sauste! Ihr kennt mich nicht, Herr; aber ich kenne Euch schon lange; ich heiße Jsak Maibaum und bin der Sohn eines armen Händlers, der in einem der Häuser Eures Oheims zu Miethe wohnt. Mein Vater sagte immer: es ist ein Unglück für Mr. Garnham, daß er einen reichen Onkel hat."" „Ich habe," entgegnete Garnham, „die Verirrungen meiner Jugend schwer gebüßt. Nun aber will ich ein neues Leben beginnen, wenn Gott mir die Gnade erweist und mir hilft, daß ich nach England zurückkehre und in Ruhe und Frieden das Erbe meines Onkels antreten kann." Draußen brauste der Sturm und strömte der Regen; der Donner aber grollte nur noch von ^erne. „Wenn nur morgen früh," sagte Jsak, „die Wege passirbar sind! In diesem Lande pflegen die Gewitter große Verheerungen anzurichten. Das ausgetrocknete Flußbett wird zum schwellenden Strome. Alle Stege werden fortgerissen und alle Brücken vernichtet. Wir aber haben keine Zeit zu verlieren. Wir müssen den Mörder den Händen der Gerechtigkeit überliefern, ehe die Räuber hierherkommen, die seine Spießgesellen sind." „„Ihr macht mich aufs Neue verzweifeln, Jsak!"" sagte Garnham bekümmert. „Macht Euch keine Sorge, Sir," entgegnete der Angeredete: „Unsere Weisen lehren, daß Gott noch^ niemals ein Wunder gethan, ohne daß dieses den rechten Erfolg gehabt hätte. Gott, der Eure Unschuld in so wunderbarer Weise an den Tag gebracht hat, wird schon dafür sorgen, daß alles Andere sich in erfreulicher Weise gestalte. — Fühlt Ihr Euch stark genug, den Gekesselten allein zu bewachen, so will ich einige Stunden schlafen, um Kraft genug für meine morgige, beschwerliche Wanderung zu erlangen." „„Schlaft nur, Jsak! der gefesselte Schurke da, macht mir keine Sorge."" „Aber Ihr müßt bedenken, daß Euer Wächteramt noch so lange währt, bis ich wieder zurück bin und Menschen herbeibringe. Das kann bis gegen i Abend dauern, und wenn Euch dann der Schlaf i üdermannt, so kann sich der Gefesselte seiner Bande i enttedigen und Euch überwältigen." » t ..„Habt keine Sorge; ich werde schon wachen. I PMt Ihr nur der Ruhe." --- -Mv 'Miem Tragkorbe einige Decken heraus und bereitete sich auf dem Fußboden ein Lager; dann sprach er das Nachtgebet, und wenige Minuten nachher bezeugten laut und regelmäßig wiederkehrende Athemzüge, daß er in tiefstem Schlummer lag. Auch der gefesselt am Boden liegende Schäfer war eingeschlafen. Eduard Garnham schritt auf und nieder; er dachte an seine elende Vergangenheit, an die gefahrvolle Gegenwart und an die sich ihm rosig eröffnende Zukunft. Er sank in die Knie und flüsterte: „Gott, mein Gott, hilf mir diese Gefahren zu überstehen! In dieser Stunde gelobe ich es Dir: Ich will ein guter, edler Mensch werden!" (Schluß folgt.) Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gattsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).