Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1882)
- Date
- 1882-07-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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- Aleppo 1× ep/1047811
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687 Mesopotamien und Aleppo, welche ein Gebiet so groß wie ganz Frankreich umfassen, jüdischen Familen aus Rußland und Rumänien, die in Uebereinstimmung mit dem türkischen Gesetze, welches Land frei von allen Unkosten und Steuerfreiheit für 6 Jahre gewährt, Kolonisten werden wollen, überwiesen werden. Die jüdischen Kolonisten müssen türkische Untertanen werden und kein Dorf darf mehr als 200 Einwohner enthalten. Die wichtige Frage der Eisenbahnverbindung, welche so wesentlich für den Erfolg des Projektes ist, ist dem Departement der öffentlichen Arbeiten überwiesen worden." Feuilleton. Die Juden von Jalta. (Fortsetzung.) Die Bauern plünderten, die Juden wurden von den Soldaten zurückgedrängt, der Polizeimeister und der Kommandant sahen zu. Erft nachdem der Kathedrolplatz gänzlich von Juden geleert war (neun von ihnen wurden hiebei arretirt) und die Bauern es immer toller trieben, erst nachdem der Vice- Bürgermeifter Fallinski, die Aerzte Dr. Wielczopolski und Dr. Königsfest bei bem Polizeimekster erregt feierlichen Protest gegen sein Benehmen eingelegt, wendete sich diese, achfelzuckend an die Bauern und ersuchte sie, aufzuhören. „Nur noch ein bischen, Väterchen!" baten sie. — „Aber bedenkt doch," erwiderter, „hier wohnen auch Christen!" — „Urrah!" riefen die Bauern. „Kommt also auf die „Türkische Seite", dort wohnen nur Juden, dort ist erlaubt!" worauf der Polizeimeister lachend ausrief: „Ihr seid Schelme! So Hab' ich's ja gar nicht gemeint!" Diese Aeußerungen sind durch unbedingt glaubwürdige Zeugen consiatirt; ebenso steht es fest, daß sich ein höherer Offizier noch viel ungenirter benahm und den Bauern unablässig zurief: „So geht doch lieber auf die „Türkische Seite!" Auch war er es, der auf die zerbrochenen Kirchenfenster aufmerksam machte: „Die Hunde haben sich an der Kathedrale vergriffen!" — eine Aeußerung, die blitzschnell zum Schlagwort wurde und zu Raubgier den Fanatismus gesellte. Der Weisung folgend, zogen nun etwa dreihundert Leute (die ganze Bande mochte auf etwa fünfhundert Köpfe angewachsen sein, da sich allmählich auch Gesellen und Lehrjungen, Weiber und Kinder, sämmtlich mit großen Säcken versehen, hinzugesellt hatten) schnurstracks nach der „Türkischen Seite". Niemand hinderte sie, Niemand jene Anderen, die sich nun in die umliegenden Gassen der „Polnischen Seite" vertheilten und zu plündern versuchten! die Energie der Polizei wie des Militärs richtete sich nur gegen jene Wenigen, die auf dem Kathedralplatze verblieben. Es waren dies etwa dreißig, durchwegs stark betrunkene Leute, die eigentlich nur deßhalb nicht gingen, weil sie nicht mehr gehen konnten. Von diesen ließ der Polizeimeister fünfzehn arretiren, die übrigen davonjagcn. „Sie sehen, ich bin energisch genug!" fugte er den Honoratioren, bestieg seinen Phaeton und fuhr mit dem Commandanten nach seiner Wohnung. Das Militär wurde theils in die benachbarte Mestschuskaj Ulica geführt und lagerte daselbst, theils blieb es auf dem Kathedralplatze. Viele der Soldaten nützten die Muße, drangen in. die geplünderten Häuser ein und steckten zu sich, was die Bauern übrig gelassen. Die Offiziere sahen lächend zu. Die Dämmerung brach ein und mit ihr das Verderben. Gegen 7 Uhr kam jener Haufe, dey auf die „Türkische Seite" gewiesen worden, in dies Stadtviertel gezogen. Voran etwa hundert Bauern die Keulen und Sensen hoch geschwungen, dann ein Haufe Weiber und Bursche mit Säcken und Körben, schließlich das einheimische Proletariat. So furchtbar ihr Anblick war, noch scheußlicher war ihr Geheul; wer sie blos hörte, hätte eine tausendköpfige Menge vermuthen können, so betäubend war dies Zischen, Pfeifen und Lachen, dazwischen die Rufe: „Nieder mit den Juden! Wer sich wehrt, wird erschlagen! Auf zur Arbeit; Die Polizei hat's erlaubt! Die Hunde haben die Kathedrale zerstört!" Die letzteren Zurufe galten den Bauern, die bisher in den Schänken dieses Viertels gezecht und sich schwer betrunken zu ihnen gesellten. Nun begann die Plünderung und Gräuel jeglicher Art, wie sie kein Thier an seinesgleichen begeht, nur der Mensch. Die Juden, ihrer einzig wirksamen Waffen beraubt, durch die Ereignisse auf dem Kathedralplatze eingeschüchtert, durch den wahnwitzigen Lärm betäubt und in Todesfurcht versetzt, stellten sich nirgendwo mehr geschlossen zur Wehre; die Einen verrammelten sich in ihren Häusern (und zwar die Muthigsten, die noch an Widerstand dachten, wie Furchtsamsten, die, von Angst gelähmt, nicht einmal mehr die Flucht wagten); Andere eilten mit Weib nnd Kind nach den drei Synagogen desStadttheiles und riegelten sich dort ein, weil sie der festen Bauart der Gotteshäuser vertrauten; die Mehrzahl floh, mit Allem beladen, was eben zur Hand gelegen, meist Werthloses mitschleppend, während das Bischen Geld und Gut (hier wohnten fast durchweg, wie erwähnt, arme Leute) in den Kosten blieb. Vielen schien es Rettung genug, nur eben die Stadt hinter sich zu wissen; sie eilten ziellos, ohne Weg und Steg in die Dunkelheit dahin, bis sie im mannshohen Grase der Steppe, die Balta umgibt, ermattet nie-