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Der Israelit · 1882-07-05 · Heft 27 (5.7.1882) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 27 (5.7.1882)
Date
1882-07-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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680 und es trifft sich gut für mich, daß es mein Erstes in der Heiwath sein kann, in diesem altehrwürdigen Gotteshause meine T'filloZ zu verrichten, freilich," fügte er mit einem tiefen Seufzer hinzu, „mir war's erwünschter gewesen, wenn sich meinem Dankgebete zu Gott dafür, daß er mich die weite, gefährliche und beschwerliche Reise nach derHeimath zurücklegen ließ, nicht das Gebet für den erkrankten, edlen Mann hätte anfügen müssen; aber ulai jerachem!"5) Während des Zwiegespräches zwischen dem Frankfurter Rabbiner und dem Prager Primator, war der Schammes, vom Laufen athemlos, den schweren Schlüsselbund in der Hand, angelangt, und hatte die Synagoge geöffnet. „Ihr lieben Leute!" wandte sich nun der Rabbi an die Umstehenden. „Ihr kommt wohl mit, um für die Genesung Eures Gemeindegenossen zu beten!" So sprechend, schritt der Rabbi, den Parneß zur Seite und von der ganzen anwesenden Menschenmenge gefolgt, die Stufen in das altehrwürdige Gotteshaus hinunter, nach einigen leisen, mit tiefster Andacht gesprochenen Worten, trat er an das Omed6) und verrichtete als Vorbeter die herkömmlichen Gebete für den Kranken- Die Nachricht, daß der Rabbiner Rabbi Jakob Eohen angckommen und die sonderbare Mähr', daß es sein erstes in der Heimath sei, für Löb Hund's Genesung mispalel zu seinJ) hatte in den engen Grenzen des Ghettos rasch die Runde gemacht. Alles wollte den berühmten Rabbi sehen und hören, Alles strömte in das Gotteshaus und bald war nicht nur dieses bis zum Erdrücken voll, sondern eine große Zahl Neugieriger wartete vor dem Gotteshause und in den -angrenzenden Straßen. Rabbi Jakow war bei dem Gebetvortrage so ergriffen, daß seine Stimme oft von Thränen erstickt worden, und es währte nicht lange und man hörte in dem ganzen Raume des Gotteshauses lautes Schluchzen um den Mann, der bis vor wenigen Minuten allgemein gehaßt und verachtet gewesen. Wir vermögen es nicht, das Erstaunen zu schildern, das den großen Menschenhaufen, bei den ihm zuerst sonderbar, fast unverständlich klingenden Worten, Rabbi Jakows erfaßt hatte. Die Volksmassen jener Zeit — wir sind wahre, getreue Schilderer derselben, die nichts beschönigen, nichts übertünchen wollen, — waren wildfanatisch, urtheilsunfähig, leichtgläubig, jedem momentanen Einflüsse zugänglich, und unterliegend. Sie waren ebenso furchtbar in ihrem Hasse als blind in ihrem Autoritätsglauben, den sie nicht immer dem rechten Manne zuwandten. Die eigenthümliche Zeit, in welche auch die Kämpfe mit den Sabbatianern fielen, hatte die Gemüther in eigenthümlichster Weise beeinflußt, die Menge besaß die Neigung, Jemanden entweder zu vergöttern, bis in den Himmel zu erheben; oder ihn maßlos zu hassen, ihn im Koth zu zertreten. Ein und derselbe Mensch konnte von Vielen geehrt und gleichzeitig von Vielen gehaßt werden. Jonathan Eibenschütz, Jakob Emden und V. A., die diesem Jahrhunderte angehören, beweisen dies unwiderleglich; ja bei der wilden Leidenschaftlichkeit, bei der Unbändigkeit und Unbeständigkeit jener Zeit, kam es oft genug vor, daß Neigung und Abneigung unvermittelt in den diametralen Gegensatz übergingen. Munitz war bisher der meistgehaßte, meistverachtete Mensch in der Gemeinde gewesen, aber der Frankfurter Rabbiner hatte es öffentlich ausgesprochen, daß Reb Löb Munitz ein würdiger Mann sei, er hatte in der Altneusynagoge bidmoos scholisch 8) ein Gebet für seine Genesung verrichtet und der Autoritätsglaube, war stärker als das Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit, Reb Löb Munitz — man wagte ihn nun nicht anders als Reb zu nennen — mußte ein würdiger Mann sein, man mußte ihm bisher in merkwürdiger Geistesblindheit schweres Unrecht zugefügt haben! Als sich nun die Menge aus der Altneusynagoge ergoß, hatte sich ein in der Jetztzeit wunderbar scheinender Umschwung der öffentlichen Meinung vollzogen; in dem Maße als die Menge früher bemüht war, sich selbst gegen Munitz aufzureizen, bemühte sich nun Jeder, sich vor sich selbst wegen seiner schlechten Meinung von Munitz zu entschuldigen. Vor der Synagoge blieb noch eine große Menschengruppe versammelt, um dieses sonderbare Ereigniß durchzusprechen uud kritisch zu beleuchten. Plötzlich rief der magere Melamed, Reb Elije, den wir den geschätzten Lesern vor Reb Nochums Fleischerladen aufgeführt hatten. „Bechaji roschi wenafschi! Es ist ein großes Masel, daß der goldene Rabbi aus Frankfurt gekommen is, wir haben uns an dem feinen/, choschewen Reb Löb Munitz schwer versündigt.' So soll ich gesund und glücklich leben, es ist mir lieber, daß ich so recht vom Herzen Hab' für ihn mispalel sein können, als wenn mir Jemand zehn Gulden geschenkt hätte!" Der krumme Jtzig war ein verbitterter, verbissener Mensch, besaß einen höheren Grad geistiger Selbstständigkeit als die Andern. Thatsächliche beweise für Munitz's Würdigkeit hatte der Frankfurter Rabbiner nicht erbracht, es lag nicht in Jtzig's Wesen auf Treu oder Glauben etwas Gutes von seinem Nebenmenschen anzunehmen und er schrie: 4) Gebet. 5) Vielleicht erbarmt sich Gott! 6) Lorbeterpult. 7) Zu beten. 8) Mit häufigem Thränenerguß.

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