Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1882)
- Date
- 1882-07-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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676 Dann möcht' ihr älterer Bruder*) gleich vergehn, Dem Mongo gleicht die Wange hold und schön, Der schlanke Hals, wie reizend anzuseh'n, Wo, wenn sie schlucket, Schotten darauf entstehen, Wie'n Bild im Schauspiel ist sie anzusehen,**) Die Stirne gleicht dem Neumond im Entstehen, Die Brüu'n gewölbt — o, zum Verzehren schön! Längst Hab' ich sie zur Herrin mir erseh'n! 'Neu Ring trägt sie von Ceylons Edelsteinen, Die langen Nägel wie ein Blitzstrahl scheinen, Durchsichtig wie die Perlen sind, die reinen. Der schlanke Leib, der feinste von den Feinen, Der Hals, als wie gemeißelt und geschnitzt Das Mündchen, dunkles Mothholz, aufgeschlitzt; Beredtsamkeit auf ihren Lippen sitzt. Selbst schmückt sie sich, nicht thut es ihr Gewand Schwarz ihre Zähn — mit Vajo schwarz geätzet***) Anmuthig schlank — 'ner Königin verwandt; Das Haupt schmückt ein Seraja-Blumenband. Nichts, was der Schönheit Ebenmaß verletzt! Oft will die Seel' im Rausche mir enlflieh'n, Aus meinen Augen will heraus sie sprüh'n, Ganz außer Stande sie zurückzuzieh'n. Die Stimme des Schäfers mußte einst schön und umfangreich gewesen sein; jetzt klang sie rauh und heiser. „Ein schönes Lied, nicht wahr?" fragte er und leerte dabei zum vierten Male sein Glas. „Aber Ihr trinkt ja nicht! Ihr seid schlechte Kameraden!" „„Im Gegentheile,"" sagte Jsak, „„gute Kameraden. Je weniger wir trinken, destomehr kommt auf Euren Antheil"" „Ha, ha, ha," lachte John, „das ist wahr!" Mit wehmüthigem Lächeln betrachtete er dann die große dickbäuchige Rumflasche, von deren Inhalt er schon das Meiste sich zu Gemüthe gezogen hatte. Er ergriff sie und füllte wiederum sein Glas, diesmal nur wenige Tropfen heißen Wassers zugießend. „Wie Ihr mich da seht," sagte er, „bin ich einst Opernsänger an der Majestys great Opera gewesen. Die Liebe zu der da hat mich um meine einträgliche Stellung gebracht." Bei diesen Worten ergriff er die Rumflasche, drückte sie an seine Brust und sang in deutscher Sprache: *) Aelterer Bruder, eine sehr übliche Benennung des Liebhabers. **) D. h. eine Puppe oder ein Schattenbild. ***) Die malgischen Mädchen seilen sich künstlich ihre Zähne und färben sie schwarz, da weiße Zähne für unschön und thierisch gehalten werden. Du, du liegst mir am Herzen, Du, du liegst mir im Sinn, Du, du niachst mir Schmerzen, Weißt nicht, wie treu' ich Dir bin! Dann fing er an zu lachen und leerte wiederum sein Glas. „Aber John," sagte Garnhain, „Ihr wollt uns doch von Eurer Bekanntschaft mit dem alten Adam Smith erzählen!" „„Soll ich es Euch erzählen,"" lallte der Halbbetrunkene. ,,„Nün, meinetwegen. Als ich meinen Abschied als Opernsänger erhielt, mußte ich doch i leben. Da machte ich die Bekanntschaft einiger i lustiger Bursche, die sich darauf verstanden, sich in die Häuser zu schleichen, wohlverschlossene Thüren zu öffnen und den Reichen von ihrem Ucberflusse Erleichterung zu verschaffen. Das war ein lustiges Leben. Wenn wir einen guten Fang gemacht haben, so ruhten wir nicht eher, bis Alles verjubelt war. Da hatten wir den thörichten Einfall, dem alten, reichen Geizhalse, dem Adam Smith, einen Besuch zu machen, wodurch uns der Aufenthalt in Alt-England auf immer verleidet wurde. Doch ehe ich Euch das erzähle, muß ich noch einmal trinken, trinken!"" Garnham batte die Rumflasche ergriffen. „Du bekömmst keinen Tropfen," schrie er, „bis Du Deine Erzählung vollendet hast. Wenn Du total besoffen bist, so kommen wir um den Schluß Deiner eben so schönen, wie spannenden Erzählung." „„Was,"" schrie der Trunkene, „„Du willst mir Gewalt anthun! My house is my castel!““*) Und er suchte die Rumflasche wieder an sich zu bringen. Es hätte nun unfehlbar eine Schlägerei zwischen den Beiden sich entspannen, wenn sich Jsak nicht in's Mittel gelegt hätte. „Gebt mir die Rumflasche, Sir," sagte er zu Garnham, „ich will diesem edlen Sänger hier einschenken; aber mehr Thee als Rum, damit wir den Schluß seiner schönen Geschichte nicht verlieren." Beide waren damit einverstanden, und als Jsak gethan, wie er gesagt hatte, leerte Wilkens mit einem Zuge das Glas. Dann nahm er den Faden seiner Erzählung wieder auf. (Fortsetzung folgt.) *) Mein Hairs ist meiile feste Bnrg. Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gotts leben's Nuchdruckerei (Mainzer Anzeiger).