Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1882)
- Date
- 1882-07-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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675 „Es bleibt mir keine andere Wahl. Die menschliche Gesellschaft hat mich ausgestoßen, indem sie mich für ein Verbrechen verurtheilte, das ich nicht begangen. Was ich geduldet, was ich gelitten, es läßt sich nicht schildern, nicht erzählen. Endlich ist es mir gelungen, mich meiner Ketten zu entledigen und wieder ein freier Mann zu werden. Aber die Freiheit, die ich erlangt habe, ist die des wilden Thieres. Ein Jeder hat das Recht mich einzufangen, um mich einem schimpflichen Tode zu überliefern; die menschliche Gesellschaft führt gegen mich Krieg, so muß ich auch Krieg gegen sie führen. Wohlan, ich werde ein Wegelagerer werden und zu erbeuten suchen, was sich mir darbietet." „Auf eigene Faust," sagte Wilkens, „werdet Ihr wohl nur geringe Erfolge erzielen; wenn Ihr Euch aber der Bande des schwanen John anschließen wollt, so könnt Ihr ein lustiges Leben führen und nach wenigen Jahren so viel erübrigen, daß Ihr im Stande wäret, ein anderes Land aufzusuchen und wieder als Gentleman zu leben. Mein Vorgänger im Dienste hat durch seine Unterstützung der Bande so viel erworben, daß er als freier und reicher Mann nach Altengland zurückkehren konnte. Er hat mich in den wenigen Wochen, die wir zusammen in dieser Hütte hausten, in Allem unterrichtet, und ich bin natürlich von dem Wunsche beseelt, es eben so weit zu bringen, wie er. Bis jetzt sind meine Erfolge noch gering, denn die Bande des schwarzen John wurde unlängst von den Regierungsmännern, Gott verdamme sie, nach allen Winden hin versprengt. Aber der edle Hauptmann organisirt schon wieder eine neue Compagnie, die durch Euch Bil, denke ich, keinen schlechten Zuwachs erhalten wird. Schlagt ein, Bil, ich engagire Euch für die Bande des schwarzen John!" Mit Widerstreben schlug der Angeredete in die dargebotene Hand ein. „So," sagte Wilkens, „das wäre abgemacht. Ihr findet von heute an in meiner Hütte Alles, was Ihr braucht: Pulver, Blei und Waffen Bleibt mein Gast bis morgen Abend. Dann wird der schwarze John hier vorsprechen und Euch in Eid und Pflicht nehmen. Und jetzt genug davon. Wir wollen den Thee bereiten." Wilkens nahm das kochende Wasser vom Feuer und goß es in die Theekanne, in welche er vorher einige Blätter gelegt hatte. Dann stellte er drei Gläser auf den Tisch, füllte sie halb mit Rum und goß den Thee zu. Die drei Männer setzten sich an den Tisch, und das Gelage begann. Jsak hatte bis dahin kein Wort gesprochen. Jetzt redete Garnham ihn an: „Woher seid Ihr, Freund, und wie nennt Ihr Euch?" „„Ich bin aus London, Sir, und heiße Jsak Maibaum."" „Maibaum? Das ist ein deutscher Name." „„Meine Eltern sind aus Rußland eingewandert. Die Juden in Rußland sprechen deutsch und führen meistentheils auch deutsche Namen."" „Der Name kömmt mir bekannt vor; ich meine, ich hätte ihn schon einmal nennen gehört. Wo wohntet Ihr in London?" „„In der City, im Hause des alten Adam Smith."" Jsak bemerkte, wie Garnham bei Nennung dieses Namens erblaßte. Wilkens bemerkte nichts davon; er hatte sein Glas geleert und war gerade im Begriff, es wieder zu füllen. „Adam Smith," sagte er, — Gott verdamme die Seele des alten Geizhalses!" „Ihr kanntet ihn?" fragte Garnham. „„Erst kurz vor seinem Tode habe ich seine Bekanntschaft gemacht."" Bei diesen Worten leerte er zum zweiten Male sein Glas, um es gleich wieder zu füllen. Dann rief er in schon angeheiterter Stimmung: „Laßt uns eins singen; es trinkt sich viel bester, wenn man dabei singt!" „„Du verstehst das Trinken auch ohne zu singen,"" sagte Garnham. „„Erzähle mir erst von Deiner Bekanntschaft mit dem alten Adam Smith."" „Nein," entgegnete der Angeredete, „erst wollen wir singen." Er stimmte ein allgemein bekanntes Trinklied an, in das die Andern mit einstimmten. Als das Lied zu Ende gesungen war, leerte er sein Glas zum dritten Male und füllte es natürlich gleich wieder. „So," sagte er, „jetzt will ich Euch ein Lied singen, ein schönes Lied, ein sanftes Lied, ein Liebeslied, wie die Eingebornen es hier singen, aber nicht in ihrer verwünschten Sprache, sondern im guten Englisch; ich habe es von meinem Vorgänger gelernt." Er erfüllte sofort sein Versprechen und fing an ein Lied zu singen, das wir hier nach der englischen Uebersetzung nach den Asiatic Researches J. X. p. 182, in deutscher Uebertragung wiedergeben: Wenn meine Liebste aus dem Fenster sieht, Und wie ein Stern ihr Auge glänzt und glüht Und Strahlen funkelnd um sich schließt und sprüht,